EIN MANN SIEHT ROT

Ein Mann sieht rot
Death Wish | USA | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nach einem Einkauf werden Joanna Kersey (Hope Lange) und ihre Tochter Carol (Kathleen Tolan) von Gangstern überfallen. Joanna kommt dabei zu Tode, was ihren Gatten Paul (Charles Bronson) völlig aus der Bahn wirft. Doch schon erkennt Paul, dass Rache ihm die Möglichkeit bietet, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Anfang und Mitte der 70’er Jahre war man sich in und um New York einig: Die Stadt quillt schier über vor Kriminalität. Inwieweit dieser Umstand tatsächlich Realität war, ist nur schwerlich zu beantworten, sicher ist aber, dass sich das US-amerikanische Kino nicht zu schade war, diese Annahme mittels zahlreicher Filme zu stützen. William Friedkins BRENNPUNKT BROOKYLN (1971), Joseph Sargents STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123 (1974) oder natürlich Martin Scorseses TAXI DRIVER (1976), alle diese Films zeichnen ein Bild von einem düsteren, einem vor Kriminalität nur so strotzenden New York.
Ähnlich verhält es sich mit Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT, dessen Drehbuch Wendell Mayes nach einem Roman von Brian Garfield geschrieben hat; auch hier wird die Brutalität der Stadt unverblümt auf den Zuschauer losgelassen. Der Überfall inklusive Vergewaltigung gleich zu Beginn des Films ist knallhart und nichts für zarte Nerven (und wohl maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass der Film bis heute in Deutschland indiziert ist). Der folgende Tod seiner Frau und die scheinbar irreparable psychische Schädigung seiner Tochter lassen die Hauptfigur Paul dann in ein tiefes Loch fallen, welches durch selbst erlebte Gewalt zusätzlich tiefer wird.

Typ: Ich bin überzeugt, die Überfälle haben nachgelassen, die wollen’s bloß nicht zugeben.
Paul: Die Wahrheit kann man ohne Weiteres rausfinden. Geh‘ doch heute Abend alleine durch den Central Park.

In dieser scheinbar ausweglosen Situation, gerät Paul dann in zahlreiche Geschehnisse, in denen er mit Waffen und Gewalt konfrontiert wird. Und tatsächlich löst das Mitführen eines Strumpfes gefüllt mit Kleingeld (oder später einer Schusswaffe) die Probleme innerhalb der Stadt scheinbar simpel. Hier trumpft das Skript ganz groß auf und lässt den Zuschauer an einer fatalen Entwicklung teilhaben. Ein vormals gebrochener Mann wird zum Selbstjustiz vollziehenden Richter und therapiert sich somit selbst.

Dabei inszeniert Winner die Geschehnisse mit einer ruhigen Hand und lässt so den Weg Pauls fast vorherbestimmt scheinen. Während Paul sich nach dem ersten Mord noch übergibt, sitzt er später kühl lächelnd am Tisch, während er selbst die Abendnachrichten füllt. Während er zunächst ungewollt Opfer von Überfällen wird, flaniert er später spät abends nur dunkle Parks, um sich seine Opfer zu suchen.

Ames: Dann sind Sie wohl einer von diesen verklemmten New Yorkern die glauben, dass für uns Kanonenliebhaber der Lauf unserer Kanone sowas wie’n verlängerter Penis ist?
Paul: Ich hab zwar noch nicht darüber nachgedacht, aber es wär schon möglich …

Dass er dabei einem strengen Kodex folgt (er erschießt nur jemanden, der ihn mit einer Waffe bedroht), sorgt nicht nur für einige schöne Parodien von Bronsons Western-Vergangenheit („zieh!“), sondern kaschiert auch die moralisch äußerst fragwürdige Botschaft des Films. Denn tatsächlich verpasst es der Films bis zum Schluss, das Handeln seiner Hauptfigur zu hinterfragen. Selbst als die Exekutive Paul auf die Fersen kommt, ist auch diese nicht daran interessiert, den Selbstjustiziar hinter Gitter zu bringen, sondern hilft ihm aus der Patsche. Die so transportiert Botschaft ist somit äußerst fragwürdig und spiegelt die gesellschaftliche Situation in den USA jener Tage düster wieder.

In einem sehr positiven Sinne düster fällt hingegen das Spiel von Charles Bronson aus. Regisseur Winner kannte Bronson bereits von deren gemeinsamen Arbeiten zu CHATOS LAND (1972) und KALTER HAUCH (1972) und er setzt seinen Hauptdarsteller auch hier wieder gekonnt in Szene. Bronson liefert dafür seine gewohnte Mischung aus Grummelei und Charme und hat den Film so während der gesamten Spielzeit voll im Griff. Steven Keats kann da als langweiliger Schwiegersohn nicht mithalten, Hope Lange und Kathleen Tolan stehen aufgrund ihrer geringen Screentime ebenfalls abseits des Interesses. Interessanter sind da schon die Debut-Nebenrollen von Jeff Goldblum und Denzel Washington, die jeweils als Gangster kurze Auftritte abliefern dürfen. So erweist sich letztlich Vincent Gardenia in der Rolle des Inspektor Ochoa als einziger echter schauspielerischer Gegenpart zu Bronson; was jedoch nicht heißen soll, dass der Film nicht eine One-man-Show von ebenjenem wäre.

Gangster: Na, du schmieriger Arschlappen? Komm runter, ich will dich schlitzen!

Zusammen mit Herbie Hancocks wunderbar schräger Musik und Winners wie erwähnt streckenweise brillanter Inszenierung entsteht so ein Film, der ein sehr atmosphärisches Netz um seine einsame Hauptfigur spannt. Erst gen Ende, wenn die Story ins Stocken gerät und der Film schlicht und einfach vergisst, dass seine Hauptfigur unrecht handelt, bricht dieses Konzept ein wenig in sich zusammen. Das Finale, in dem Bronson wie ein Action-Held seine nächsten Taten per Fingerzeig ankündigt, liegt dann doch erstaunlich schwer im Magen.
Die damaligen Kinogänger sahen das aber anscheinend anders und bescherten dem Film allein in den USA ein Einspielergebnis von rund 22 Millionen US-Dollar (bei gerade einmal drei Millionen US-Dollar Produktionskosten). Anscheinend traf Paul Kerseys Umgang mit der Kriminalität genau den Geschmack der Zuschauer und so erstaunte es niemanden, dass er schon bald zurück auf die Leinwand kehren sollte. Michael Winner legte mit DER MANN OHNE GNADE – DEATH WISH II (1982) und DEATH WISH 3 – DER RÄCHER VON NEW YORK (1985) selbst noch zwei Filme nach, bevor er dann bei DAS WEIßE IM AUGE (1987) und DEATH WISH V – THE FACE OF DEATH (1994) das Ruder abgab.

Atmosphärisch dichter und obendrein toll inszenierter Rache-Thriller, der allerdings vergisst, seine Hauptfigur moralisch zu hinterfragen. So bleibt eine fragwürdige Botschaft, die das ansonsten gelungene Filmerlebnis spürbar trübt.

Advertisements

6 Antworten zu “EIN MANN SIEHT ROT

  1. Pingback: ANGST ÜBER DER STADT | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123 | SPLATTERTRASH·

  3. Pingback: VERDAMMTE, HEILIGE STADT | SPLATTERTRASH·

  4. Pingback: DER MANN OHNE GNADE – DEATH WISH II | SPLATTERTRASH·

  5. Pingback: DEATH WISH 3 – DER RÄCHER VON NEW YORK | SPLATTERTRASH·

  6. Pingback: DAS WEIßE IM AUGE | SPLATTERTRASH·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s