DER MANN OHNE GNADE – DEATH WISH II

Der Mann ohne Gnade – Death Wish II
Death Wish II | USA | 1982
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Paul Kersey (Charles Bronson) wohnt mittlerweile in Los Angeles zusammen mit seiner Tochter Carol (Robin Sherwood) und seiner neuen Freundin Geri (Jill Ireland). Als er eines Tages mit einer Bande Jugendlicher aneinandergerät, brechen diese in sein Haus ein, vergewaltigen die Haushälterin Rosario (Silvana Gallardo) und kidnappen Pauls Tochter, die in der Folge ebenfalls vergewaltigt wird und auf der Flucht vor ihren Peinigern stirbt – Pauls einziger Ausweg scheint nun die Rache zu sein.

Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT (1974) war seinerzeit ein riesiger Kassenschlager. Das von Cannon Films produzierte Rache-Action-Drama machte aus drei Millionen US-Dollar Budget an den Kinokassen mal eben 22 Millionen US-Dollar, indem es die populistischen und reaktionären Gelüste der von Kriminalität geplagten US-amerikanischen Großstädter befriedigte. Obwohl Winner die Hauptfigur Paul Kersey nämlich mit nachvollziehbaren Motivationen auszustatten versucht und den Film obendrein durchweg gekonnt in Szene setzt, bleibt beim Zuschauenden am Ende doch der fade Beigeschmack, gerade einer filmischen Legitimation der Selbstjustiz beigewohnt zu haben. Dass der Rächer am Ende des Films grinsend nach Kalifornien entflieht, bestärkt diesen Eindruck dabei deutlich.

Paul: Glaubst du an Jesus?
Typ: Ja, sicher.
Paul: Du wirst ihn gleich treffen!

Aber Cannon wäre nicht Cannon, wenn man ein derartig einträgliches Konzept nicht ein weiteres (respektive vier weitere) Mal(e) nutzen würde. Also wurde Michael Winner damit beauftragt, Kersey in Los Angeles (welches Anfang der 80er Jahre ebenfalls von der Gewaltwelle überrollt wurde) einen weiteren Rachefeldzug ausführen zu lassen. Als Autor wurde ihm David Engelbach an die Seite gestellt, der für Cannon ansonsten noch die Drehbücher zu AMERICA 3000 (1986) und OVER THE TOP (1987) schreiben sollte – ersterer wurde gar zu Engelbachs einziger Regiearbeit. Doch während sich Wendell Mayes bei seiner Drehbucharbeit zu EIN MANN SIEHT ROT noch auf den Roman von Brian Garfield stützen konnte und somit die Möglichkeit hatte, sich intensiv mit der Figur Paul Kersey zu beschäftigen, bleibt Engelbach nur noch die Wiederholung bereits bekannter Wesenszüge.

Der Zuschauer muss sich als nicht damit aufhalten, Charles Bronson dabei zuzusehen, wie er mit sich und seiner Moral ringt oder wie er sich nach einem vollführten Mord übergibt; stattdessen greift Charlie in der Folge der Gewalttaten der Gang sofort in seinen Schuhschrank, schnappt sich seine Knarre und beginnt, sämtliche Unholde eiskalt über den Haufen zu knallen. Fragen nach richtig oder falsch, nach Vertret- oder Nachvollziehbarkeit bleiben dabei ebenso außen vor wie Dialoge oder Gedanken – Kersey ist nichts als ein Rächer. Das sorgt freilich auch dafür, dass das ohnehin stets reduzierte Spiel von Bronson hier noch belangloser ausfällt als sonst.

Frank: Und was auch immer passiert: Sie warten hier. Und keine Angst, wenn Sie ‘ne Ballerei hören, das sind nur Schießübungen.

In dem von Winner dann trotz der quasi nicht vorhandenen Handlung überwiegend flott inszenierten Streifen fallen aber auch alle anderen Figuren durchs Raster. Bronsons Ehefrau und Schauspielpartnerin Jill Ireland bleibt als Geri gänzlich unwichtig. Ihr Misstrauen berührt Paul nicht und bleibt als solches belanglos. Auch das Auftauchen des New Yorker Cops Frank, von Vincent Gardenia erneut als gelungene Film Noir-Reminiszenz gespielt, dient einzig und allein dazu, Paul in seinem Handeln zu bestärken, wenn er am Ende dazu auffordert, „das verdammte Schweim zu erledigen“. Ähnliches unschön fällt die dargestellte Moral des Pflegers im Finale aus, der den abschließenden Mord Kerseys ohne mit der Wimper zu zucken deckt. Dass die Antagonisten-Bande zum überwiegenden Teil aus Afroamerikanern besteht, setzt dieser geschmacksunsicheren Komposition dann die Krone auf.
Immerhin schafft es Winner erneut, die Großstadt als solche schön einzufangen. Los Angeles‘ Gassen kommen wundervoll schmierig, gefährlich und neonverhangen daher. Wenn Kersey sie durchstreift, stimmt die Atmosphäre, wenn er in sein Behelfsheim einkehrt, möchte man ihm ein Stück Seife schenken. Jimmy Pages wundervoll dröhnender Synthie-Soundtrack passt grandios zu diesem Setting, auch wenn irgendwelche Hampel ihn dafür mit der Goldenen Himbeere bedachten. Aber auch diese Formalia ändern nichts daran, dass DER MANN OHNE GNADE – DEATH WISH II wohl einer der reaktionärsten Actioner-Reißer der 80er Jahre ist – sein Erfolg tat das freilich keinen Abbruch.

Winner befreit sein eigenes Konzept von aller Begründung und Motivation und schafft so die Essenz des reaktionären US-Selbstjustizkinos. Es ist fast unmöglich, diesen Film zu genießen, gleichwohl seine Unverblümtheit die Zuschauenden ungläubig bei der Stange zu halten vermag.

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4 Antworten zu “DER MANN OHNE GNADE – DEATH WISH II

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