STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123
The Taking of Pelham One Two Three | USA | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Eine Gruppe von maskierten Verbrechern entführt eine New Yorker U-Bahn mit 18 Fahrgästen und verlangt eine Millionen US-Dollar an Lösegeld innerhalb einer Stunde. Für den zuständigen Lt. Zachary Garber (Walter Matthau) beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem er nur mittels Funk auf die Gangster einwirken kann.

Seit Anfang der 70er Jahre hatte sich in der US-amerikanischen Filmlandschaft ein Genre etabliert, welches sich mit der (vermeintlich) zunehmenden Kriminalität in den Großstädten auseinandersetzte bzw. von dieser profitierte. Filme wie Don Siegels DIRTY HARRY (1971), William Friedkins BRENNPUNKT BROOKLYN (1971), Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT (1974) oder Martin Scorseses TAXI DRIVER (1976) nutzten dabei neben der Kriminalität allesamt auch noch die tiefen Straßenschluchten von New York, denn als Inbegriff der Urbanität bot diese Stadt unzählige Möglichkeiten, der düsteren Perspektive auf die amerikanische Gesellschaft den passenden Rahmen zu verleihen. Joseph Sargents von United Artists produzierter STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123 ist ebenfalls dieser Epoche zugehörig, unterscheidet sich jedoch in einigen wesentlichen Punkten von seinen Mitstreitern.

Garber: Rico, ich möchte dir ein paar Freunde vorstellen.
Patrone: Tag.
Garber: Es sind gute Freunde, Rico!
Patrone: Dann guten Tag!

Das Skript von Peter Stone basiert auf Morton Freedgoods (Autorenname John Godey) Roman Abfahrt Pelham 1 Uhr 23. Stone transferiert dabei nur die grundlegendsten Elemente in das Drehbuch und liefert so eine auf das nötigste reduzierte Geschichte. Es gibt kein Drumherum und keine Spielereien, es gibt nur eine einzige, unglaublich stringente Geschichte. Jedes Details (und derer gibt es bei genauer Betrachtung deutlich mehr, als zunächst erkennbar) dient einem Zweck, jeder Satz hat einen Sinn. So fällt kaum auf, dass die Story eine grundsätzlich einfache ist, da der Zuschauer durch zahlreiche kleine Einfälle und ein brachiales Tempo ständig in Spannung gehalten wird.

Dass die Geschehnisse dann zu 90 Prozent im U-Bahn-Tunnel oder einer fensterlosen Zentrale des Verkehrsunternehmens stattfinden, gibt dem Film ein gänzlich anderes Flair, als bei den oben erwähnten Kollegen. New York ist hier vor allem der formale Rahmen der Geschehnisse. Der scheinbar endlose Funkverkehr zwischen unzähligen Behörden, der von seiner Stadt entfremdete Bürgermeister, die zynischen Kommentare aller Orten: Sargent zeichnet ein Bild von New York, dass weniger düsterer Verbrechensschauplatz als viel mehr unübersichtlicher Ameisenhaufen ist. Dass eine der wenigen oberirdischen Szenen dann fast ausschließlich den beinahe undurchdringlichen New Yorker Verkehr zeigt, betont diese Eigenart nochmals.
Innerhalb dieses Rahmens inszeniert Sargent dann eine Heist-Story, die immer wieder von den Auftritten des Lt. Garber unterbrochen wird. So düster und brutal die Szenen im Untergrund teilweise ausfallen, so ironisch wird diese Stimmung von Garber, Patrone und Konsorten oftmals wieder gebrochen. Der – etwas zu überzeichnete – Bürgermeister trägt ebenfalls seinen Teil zu dieser Ambivalenz bei und schafft so einen weiteren Unterschied zu den oftmals ausschließlich pessimistischen Filmen dieser Spielart: hier ist es durchaus erlaubt, zwischendurch mal zu lachen.

Typ: Aber, Garber, dürfen die denn überhaupt hier sein?
Garber: Keine Sorge, die verstehen nur Japanisch. Würden Sie mir bitte folgen, meine lieben Affenköpfe?

Einen großen Anteil an dieser Ausrichtung hat sicherlich Hauptrolle Walter Matthau, der hier als Lt. Zachary Garber eine nahezu perfekte Besetzung darstellt. Denn obwohl Matthau nach seinen großen Erfolgen in DER GLÜCKSPILZ (1966) oder EIN SELTSAMES PAAR (1968) Angst davor hatte, als Komödiant abgestempelt zu werden (und deshalb seit seinen Auftritt in MASSENMORD IN SAN FRANCISCO (1973) versuchte, wieder in ernster Gefilde vorzudringen), tendiert seine Rolle doch immer wieder in ebendiese Richtung. Mal zynisch, mal albern stellt Matthau in seinem knallbunten Hemd den passenden Kontrast zu den gleichgewandeten Verbrechern im dunkeln Tunnel dar. Und spätestens, wenn er in einer genialen Schlussszene mit seinem Dackelblick durch die Tür schielt, in dem Wissen, den Fall letztendlich gelöst zu haben, dann kann er seine Komödienherkunft – erfreulicherweise – nicht mehr verhehlen.

Sein Gegenspieler ist dann hauptsächlich Robert Shaw als Mr. Blue, der nach seinem Auftritt als Gangsterboss in DER CLOU (1973) hier erneut den Kopf einer Gruppe von Unholden mimen darf. Shaw zeichnet so maßgeblich für den Heist-Aspekt des Films verantwortlich, ist er doch der minutiöse Planer der Entführung. Eiskalt und professionell steuert er seine Truppe, schreckt vor Mord nicht zurück und wird so zu einem wundervollen Gegenspieler für Matthau. Dabei lebt er allerdings auch von seiner toll besetzen Truppe, aus der vor allem Hollywood-Legende Martin Balsam herausragt. Als schreckhafter, von persönlichen Rachegelüsten getriebener Mittäter macht Balsam die Gangster nah- und greifbar. Er sorgt für Empathie und bleibt bis zum Finale die interessanteste, weil undurchsichtigste Figur. Hector Elizondo als Mr. Grey darf dann den unberechenbaren Rassisten geben, während Earl Hindman als Mr. Brown eher blass bleibt. Jerry Stiller als missmutiger Rico Patrone vervollständigt schließlich den überwiegend überzeugend besetzen Stamm an Schauspielern.

Krankenschwester: Tut mir Leid, Sie haben eine Influenza, Herr Bürgermeister. Da kann man wenig tun.
Bürgermeister: Eins würde mir ganz sicher helfen: wenn Sie gehen!

Der Kniff, die vier Gangster in dem gleichen Outfit auftreten zu lassen, ist übrigens gleich auf mehreren Ebenen genial. Nichts nur erhöht er die Glaubwürdigkeit der Entführung (zeigt es doch, wie durchdacht und überlegt diese ist), er sorgt auch dafür, dass der Zuschauer zu vermehrter Aufmerksamkeit gezwungen wird. Die Zuordnung von Personen, Eigenschaften und Namen fesselt den Betrachter also zusätzlich an die Geschehnisse; ein Kniff, den sich Quentin Tarantino 18 Jahre später für RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE (1992) nur allzu gerne entlieh.
Kameramann Owen Roizman, der für Friedkin schon BRENNPUNKT BROOKLYN und DER EXORZIST (1973) fotografierte, versorgt den Film dann mit ebenso reduzierten wie funktionalen Einstellungen und David Shire liefert einen treiben Score. Das alles dient Sargents gradlinigem Inszenierungsstil und macht den Film so zu einem einzigen spannenden Erlebnis. Details wie die facettenreichen Fahrgäste, das liebevolle U-Bahn-Knowhow oder all die kleinen Absurditäten am Rande der Geschichte machen STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123 zu einem ganz besonderen Film innerhalb des rauen 70er Jahre New-York-Kinos. Die Nachahmer PELHAM BAY PARK (1998) respektive DIE ENTFÜHRUNG DER U-BAHN PELHAM 1 2 3 (2009) können dessen Flair und Atmosphäre nicht im Geringsten erreichen, was Sargents Original noch mal in seiner Qualität bestätigt.

Sargents unheimlich rasanter und gradliniger Entführungs-Thriller erweitert das zu jener Zeit beliebte New Yorker Krimi-Kino durch ein dickes Augenzwinkern und sorgt so für blendende Unterhaltung. Matthau, Shaw und Balsam brillieren und machen den Streifen so zu einem echten Erlebnis.

Advertisements

3 Antworten zu “STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 123

  1. Pingback: EIN MANN SIEHT ROT | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE | SPLATTERTRASH·

  3. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (27-04-15)·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s