SO SCHÖN – SO NACKT – SO TOT

So schön – So nackt – So tot
Rivelazioni di un manicao sessuale al capo della squardra mobile | Italien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mysteriöse Todesfälle rufen Inspektor Capuana (Farley Granger) auf den Plan: In Rom meuchelt ein Unbekannter diverse Damen der hohen Gesellschaft, die allesamt ihre Gatten betrogen haben. Immer mehr zügellose Damen fallen dem Maskierten zum Opfer, der stets einige Fotografien mit den Vergehen der Frauen am Tatort zurücklässt. Und schließlich sieht Capuana sogar sein eigenes Eheleben in Gefahr …

1972 war der Giallo bereits ein vollends etabliertes Filmgenre und die Meister dieser italienischen Thriller-Spielart, allen voran Mario Bava, Dario Argento und Sergio Martino, hatten selbiges mit zahlreichen Werken vollauf ausdefiniert. Dementsprechend wurde es für die nachfolgenden Werke immer schwieriger, sich aus der Masse an folgenden Produktionen hervorzutun. Diverse Genre-Mixturen waren die Folge, aber eben auch zahlreiche nur mittelprächtige Werke. Nun könnte man auch von Roberto Bianchi Montero, der seit dem Beginn seiner Regie-Karriere zu Beginn der 50er Jahre nie darum verlegen war, sich beliebte Thematiken zu eigen zu machen, erwarten, dass er einen eher uninspirierten Genrebeitrag abliefert, doch tatsächlich bietet sein für die deutsche Kinoauswertung reißerisch mit SO SCHÖN – SO NACKT – SO TOT betitelter Streifen einige Aspekte auf, die ihn – trotz einiger Mittelmäßigkeiten – doch zu einem gelungenen machen.

Santangeli: Nein, Franca, ich habe eine andere Idee: Du fährst mal wieder zu deiner Mutter. So wie schon oft in letzter Zeit. Aber dieses Mal fährst du tatsächlich.

Zunächst einmal sei die Umgebung genannt, in der das Geschehen hier stattfindet. Denn obschon die Gefilde der oberen Zehntausend mit ihren Villen und Dekadenzen den üblichen Rahmen für die farbintensiven und prunkvollen Aufnahmen des Genres darstellen und auch deren Ausschweifungen eine altbekannte Motivation für das Auftreten von maskierten Mörder darstellen, lassen Montero und seine Co-Autoren Luigi Angelo und Italo Fasan die Ereignisse doch erstaunlich oft in schmutzige Gassen und Straßenzüge ausweichen. Hier prallen der Prunk und die Enthobenheit des klassischen Giallo deutlich auf die seit Stenos im selben Jahr veröffentlichten DAS SYNDIKAT (1972) bekannte realistische Öde des Poliziesco. Dessen Realismus und Resignation findet sich nicht zuletzt im Beruf des Hauptdarstellers wieder, denn anstelle eines Touristen oder sonstwie Unbeteiligten folgt der Betrachter hier einem waschechten Bullen. Diese Konzeption verleiht dem Streifen nicht nur einiges an Eigenständigkeit (auch wenn Massimo Dallamano diese Idee zwei Jahre später mit DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (1974) deutlich ausgereifter umsetzen sollte), sondern übertüncht auch einige inhaltliche Lücken.

Denn die hier gebotene Hatz nach dem Mörder stellt den erfahrenen Genre-Freund vor keine allzu großen Unklarheiten. Und das, obwohl die Anzahl an Figuren sowie deren Verhältnisse und Zusammenhänge teilweise schwer zu überschauende Ausmaße annehmen. Vor allem die Vielzahl an Damen, die augenscheinlich allesamt den gleichen Modeberater haben, sorgt teilweise für Verwirrungen und ist dann nur vom fachkundigen Blick auseinanderzuhalten. Dieser erkennt dann aber unter anderem Sylva Koscina, die schon in den Sandalen-Klassikern DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DES HERKULES (1958) und HERKULES UND DIE KÖNIGIN DER AMAZONEN (1959) mitwirkte, oder die begabte Annabellla Incontrera. In kleineren Rollen gibt es dann gar Genre-Ikonen wie Femi Benussi, Nieves Navarro und Krista Nell zu sehen und wem das noch nicht genügt, der kann die US-Amerikanerin Jessica Dublin beobachten, die kurz zuvor in VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA (1971) mitwirkte und nach ihrem höchst skurrilen Auftritt in DIE TEUFLISCHEN VON MYKONOS (1976) in den 80er Jahren in diversen Troma-Vehikeln auftreten sollte.
Auf Seiten der Herren indes gibt der in jenen Tagen häufiger in Italien beschäftigte US-Amerikaner Farley Granger einen tollen Inspektor Capuana ab. Zugute kommt ihm dabei eine zweite große Stärke des Drehbuchs: die Konfrontation des Jagenden mit dem Gejagten. Denn der Killer tritt mit Capuana in Kontakt und schafft so eine persönliche Ebene zwischen den beiden. Capuana zweifelt im Verlaufe der Ermittlungen also nicht nur an seiner eigenen Wirksamkeit (ein weiteres typisches Poliziesco-Motiv), sondern auch an seinem bisher für unversehrt gehaltenen Privatleben. Das daraus entstehende, höchst ambivalente Finale gehört ebenfalls zu den großen Stärken des Films – und bekanntlich ist ein tolles Ende häufig dazu angetan, vorherige Holprigkeiten doch noch glattzubügeln.

Neben dem toll spielenden Granger gibt Silvio Tranquilli einen gelungen schmierigen Rechtsanwalt Santangeli, der die ganze Missgunst, die man der Römer Oberschicht gegenüber zu empfinden geneigt ist, auf sich vereint. Chris Avram, der ein Jahr zuvor in Mario Bavas IM BLUTRAUSCH DES SATANS (1971) mit von der Partie war, bleibt als Professor Casali lange im Zweilicht, während sein von Luciano Rossi gewohnt verdreht gegebener Gehilfe Gastone für die plakativen Momente des Film zuständig ist.

Capuana: Ein solcher Gedanke ist mir gar nicht angenehm. Wie soll ich je einen impotenten Mann schnappen … unter Tausenden.

Aber auch abseits davon scheut sich der Film nicht, nackte Tatsachen und einiges blutige Einstellungen zu nutzen, um Schauwerte zu erzeugen. Montero montiert das dann geschickt in die schön ausgeleuchteten Kulissen und sorgt so für heimeliges Giallo-Flair – welches von der Maske des Killers, die mehr als nur kleine Erinnerungen an Bavas Genre-Blaupause BLUTIGE SEIDE (1964) weckt, dick unterstrichen wird. Handschuhe, Messer und diverse Aufnahmen aus der Innensicht verorten den Film dann – trotz der erwähnten Anleihen beim Polizeifilm – vollends im tiefen Gelb.
Komponist Giorgio Gaslini schließlich verpasst dem Streifen einen wirklich tollen Score, der ebenfalls dafür sorgt, dass man den einen oder anderen Handlungshänger spielend durchsteht. Gaslini sollte in den nächsten Jahren auch Argentos DIE HALUNKEN (1973) und ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1974) mit feiner Musik versehen, zeigt aber bereits hier, das er Filme mit ebenso passenden wie eigenständigen Kompositionen zu versehen versteht. Und ähnliches lässt sich auch über SO SCHÖN – SO NACKT – SO TOT sagen: Der Streifen ist zwar sicherlich kein Meisterwerk des Genres, aber doch allemal eine schöner und durchaus eigenständiger Vertreter desselben. Und in einem Genre, das viel zu häufig auf seine Klassiker reduziert wird, sind genau solche Filme sehr viel wert.

Obwohl einige narrative Unzulänglichkeiten dem Film höchste Weihen verwehren, überzeugt Monteros Genrebeitrag doch durch einige frische Ideen, seine tolle Besetzung und die schwungvolle Inszenierung. So entsteht ein schöner Giallo, der deutlich mehr darstellt als nur die „zweite Garde“.

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3 Antworten zu “SO SCHÖN – SO NACKT – SO TOT

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