DIE HALUNKEN

Die Halunken
Le cinque giornate | Italien | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Während der Märzrevolution 1848 wird der Dieb Cainazzo (Adriano Celentano) zufällig aus einem mailänder Knast befreit. Sogleich will er seinen alten Kumpanen Zampino (Glauco Onorato) aufspüren, da dieser ihm noch Geld schuldet, doch in den Wirren der Revolution gegen die Österreicher, gerät der an Politik zunächst nicht interesseierte Schurke immer wieder in überaus skurrile Situationen; ein Glück, dass er den römischen Bäcker Romolo Marcelli (Enzo Cerusico) an seiner Seite hat.

Nach der TIER-TRILOGIE war Dario Argento zunächst nicht daran interessiert, den Giallo weiterhin im Kinobetrieb zu befördern. Stattdessen widmete er sich zwei Episoden der vierteiligen TV-Serie LA PORTA SUL BUIO (1973), mittels derer er im damals noch monopolisierten italienischen Fernsehen einen beachtlichen Erfolg verbuchen konnte (zumal sein Gesicht auch im Vorspann einer Episode zu sehen war). Doch auch diese Serie spielte mit der Angst, der Psyche und der Dunkelheit und entsprach so weitgehend den argento’schen Konstanten; um also wirklich einen Schritt vom Bekannten weg zu machen, bedurfte es eines radikalen Sujetwechsels. Zusammen mit Luigi Cozzi, der schon das Drehbuch zu VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (1971) geschrieben hatte und ebenfalls an LA PORTA SUL BUIO beteiligt gewesen war, Enzo Ungari und Nanni Balestrini schrieb Argento also ein Drehbuch, welches sich innerhalb der italienischen Märzrevolution bewegt und sich statt mit der Angst und den Problemen einzelner (meist nicht-italienischer) Protagonisten mit der gesamtgesellschaftlichen Situation Italiens beschäftigt.
Denn DIE HALUNKEN ist ein sehr pessimistischer Kommentar auf die italienische Gesellschaft der frühen 70er Jahre und auf die idealistischen Revolutionsbemühungen überall auf dem Erdball. Schonungslos legt der Film den Adel als gierigen und von den Menschen entfremdeten Apparat frei und führt dessen Amoral in zahllosen Variationen vor. Eine Baroness wird so zum lüsternen Weib, das von spritzendem Blut zusätzlich befeuert wird und ihre Lust dann an den willfährigen Vertretern des Volkes befriedigt. Der „Führer“ einer Revolutionsbande ergeht sich in hemmungsloser (Ver)Gewalt(igung) und in einer grandiosen Szene führt der Film seinem Betrachter vor Augen, dass sich in den geputzten Lackschuhen der Oberschicht die löchrigsten aller Socken verbergen. Dass der Streifen dann mit der einfachen Feststellung des mittlerweile gesellschaftlich positionierten Cainazzo endet, dass die Revolution nur Lug und Trug ist, rundet die pessimistisch-zynische Sicht, die Argento hier kredenzt, trefflich ab.

Cainazzo: Sie haben uns alle beschissen!

Inszenatorisch bewegt sich Argento dabei ein ganzes Stück abseits der bekannten Pfade, sind es doch plötzlich die taghellen Gassen eines beinahe menschenleeren Mailand, die als Kulisse der Geschehnisse dienen. Vielfach wird mit Zeitlupe und -raffer gespielt, sodass der Film häufig zwischen Slapstick und Dramatik schwankt. Dazu kommt der von Giorgio Gaslini arrangierte Score, der zum Großteil aus italienischen Volksliedern besteht. So erhalten viele Szenen einen zusätzlichen Subtext und manch vermeintlich alberne Sequenz einiges an Tiefe. Generell steckt der Film voller historischer und gesellschaftlicher Kommentare, Anspielungen und nicht selten Seitenhiebe und macht so noch einmal deutlich, dass er eine sehr persönliche Sicht seines Regisseurs auf die italienische Realität darstellt; und sich somit vornehmlich an das italienische Publikum jener Tage richtete.

Ärgerlich fällt allerdings vor allem die erste halbe Stunde aus, in der der Film sich stark komischer Elemente bedient, diese jedoch nicht mit seinem grundsätzlichen Duktus in Einklang zu bringen versteht. So entpuppt sich der Beginn als äußerst wechselhaft. Sorgt eine Szene, in der dutzende Bürger völlig gedankenlos dem fahnentragenden Cainazzo folgen, bis dieser den Lappen schließlich nach kurzer Erleichterung am Pissoir vergisst, für großes Vergnügen, lässt einen die folgende Slapstick-Geburtshilfe von selbigem und Romolo nur mit dem Kopf schütteln. Generell schleichen sich in die sehr episodische Struktur des Films so immer wieder Szenen, derer es wahrlich nicht bedurft hätte. Aber Argento bekommt spätestens ab der Filmmitte die Kurve und kehrt die satirischen Elemente deutlich nach hervor.
Bis dahin ist es oftmals das humorvolle Spiel Adriano Celentanos, das den Zuschauer davor bewahrt, den Film vorschnell aufzugeben. Noch einige Jahre von seinem schauspielerischen Durchbruch entfernt, gelingt es diesem häufig, mit seiner hier noch stoischen Art und Weise den Humor nicht völlig kippen zu lassen. Enzo Cerusico, der in Argentos Beitrag zu LA PORTA SUL BUIO als Hauptrolle vertreten war, gibt daneben den wesentlich sympathischeren Romolo, der für Hauptrolle Cainazzo letztlich zum engen Freund wird und dessen Tod ihm die Sinnlosigkeit der Revolution vollends vor Augen führt.

Cainazzo: Der ist an Luxus gestorben!

Daneben treten viele italienische Berühmtheiten auf, die Argento hier in auffällig überzeichnete und unkonventionelle Rollen steckt. Marilu Tolo, bekannt aus Giulio Questis TÖTE, DJANGO (1967) oder Damiano Damianis DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT (1971) darf als völlig überdrehte Baroness auftrumpfen oder Glauco Onorato als Emporkömmling Zampino. Carla Tatò verkörpert die sexuelle Besessenheit und Salvatore Barraco ist mit seiner höchst eigenen Physiognomie ohnehin in jedem Film eine Sehenswürdigkeit. Die heillose Karikierung, mit der Argento die Revolutionswirren zeichnet, findet sich als auch in den Rollen wieder, die die beachtliche Besetzung verkörpert.
Nach der TIER-TRILOGIE und zwei Jahre vor ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975) stellt DIE HALUNKEN sicherlich einen der ungewöhnlichsten Filme Argentos dar. Vor allem die starke persönlich Färbung, die vordringliche gesellschaftliche Positionierung und der skurrile – und nicht gänzlich gelingende – Drahtseilakt zwischen Komödie und bitterböser Satire, machen den Streifen zu einem höchst interessanten und sehenswerten Beitrag des großen Meisters. Dabei bleibt allerdings festzuhalten, dass gerade die erste halbe Stunde dem Zuschauer einiges an Durchhaltevermögen abverlangt; wer das aber aufbringt, wird mit einem intelligenten und fordernden Film belohnt, der Argentos Portfolio eine interessante Facette hinzufügt.

Wer die ungeschickt-alberne erste halbe Stunde übersteht, wird mit einem beißend-zynischen Gesellschaftskommentar belohnt, der zeigt, dass Argento auch abseits von Dunkelheit und Angst zu überzeugen vermag. Entlarvend und karikierend bewegt sich der Film durch die italienische Märzrevolution 1848 und macht diese zu einer Parabel für vieles, was auch heute noch schief läuft.

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3 Antworten zu “DIE HALUNKEN

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