IM BLUTRAUSCH DES SATANS

Im Blutrausch des Satans
Reazione a catena | Italien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Am Ufer eines Sees kommt es zu mysteriösen Morden. Keiner weiß, ob der einsame Fischer Simon (Claudio Camaso), der habgierige Architekt Ventura (Chris Avram) oder das skurrile Ehepaar Paolo (Leopoldo Trieste) und Anna (Laura Betti) dahinterstecken. Dass dann auch noch eine Gruppe bade- und liebeswütiger Teenager auftaucht, sowie das hinterhältige Pärchen Renata (Claudine Auger) und Albert (Luigi Pistilli) macht die Sache zusätzlich kompliziert.

Nachdem Mario Bava mit DER VAMPIR VON NOTRE DAME (1957) dem klassischen Horrorfilm, mit VAMPIRE GEGEN HERAKLES (1961) dem Sandalenfilm und natürlich mit BLUTIGE SEIDE (1964) dem Giallo Vorschub geleistet hatte, schuf er im Herbst seiner Karriere einige durchaus interessante Werke, die jedoch keinen derart ikonischen Status erreichen sollten wie die eingangs erwähnten Filme. Neben dem komödiantischen Italowestern 3 HALUNKEN UND EIN HALLELUJA (1970) und dem Gothic-Horror BARON BLOOD (1972) fällt auch IM BLUTRAUSCH DES SATANS in diese Periode; im Gegensatz zu den beiden andern kommt diesem allerdings durchaus wieder die Genre-begründende Qualität Bavas früherer Arbeiten zu.
Dabei beginnt der Film wie ein klassischer bava’scher Giallo. Ein prunkvoll eingerichtetes Anwesen, Licht- und Schattenspiel, ein Mord, schwarze Handschuhe. Doch diese Atmosphäre bricht, sobald die Kamera dem Zuschauer die Identität des Mörders unmittelbar nach dem Eröffnungsmord offenlegt. Dessen sofortiger Tod wiederum gibt dem Film – dessen Originaltitel Reazione a catena auf Deutsch sehr trefflich Rettenreaktion bedeutet – dann die Form für die folgenden knapp 90 Minuten vor. Denn es folgt ein manchmal etwas unzusammenhängend wirkendes Meucheln und Morden, welches auf einen soeben geschehenen Mord immer wieder in selber Weise antwortet. Bis hin zum stilistisch zwar fraglichen, inhaltlich aber sehr konsequenten Finale bleibt der Film diesem Rhythmus treu; und ist so gänzlich gegen übliche Sehgewohnheiten gebürstet.

Laura: Ich versteh‘ was anderes unter Liebe als nur Bumsen und dann gleich abhau’n!

So gibt es im Cast keine einzige symphytische Figur. Alle Auftretenden sind getrieben von Habgier oder anderen niederen Motiven, alle lügen, alle betrügen. Dieses Fehlen einer positiven Rolle in Verbindung mit dem Unwillen des Drehbuch, eine dieser Figuren in den Mittelpunkt zu rücken, sorgt dafür, dass sich der Zuschauer nirgends gedanklich festhalten kann, sondern die jeweiligen Geschehnisse jedes Mal unvoreingenommen verfolgt. Dabei besteht das Skript – an dem unter anderem auch Autoren-Legende Dardano Sacchetti und Giuseppe Zacariello, der zwei Jahre zuvor das Drehbuch zu Piero Schivazappas THE FRIGHTENED WOMAN geschrieben hatte, mitarbeiteteten – fast nur aus Interaktion zwischen den Charakteren; der See und die Umgebung haben kaum Relevanz.

Das stellt Mario Bava, für den eine bildgewaltige Inszenierung seiner Drehorte ja grundlegendes Handwerkszeug darstellt, dann vor das Problem, dass es hier für des Zuschauers Auge fast nichts zu begutachten gibt. Außer der eröffnenden Villa bleibt die Wohnung des Immobilienhais Ventura quasi der einzige optische Leckerbissen. Der Rest besteht aus Wald, kleinen Lauben und Barracken, die zudem noch überwiegend nachts aufgesucht werden.
Wie um dieser optischen Reduzierung zu begegnen, füllt Bava seinen Film dann mit massig Kunstblut auf und präsentiert gleich mehrere äußerst brutale Szenen, die dem Film bis heute eine Beschlagnahme in Deutschland anhänglich machen. Während die Gewaltweinwirkung in Bavas früheren Filmen zwar ebenfalls dramatisch, aber doch weniger deutlich war, so gibt es nun unmittelbare Gewaltszenen, die an Härte durchaus beachtlich ausfallen. Ein hoher Bodycount und leuchtend rotes Blut stehend also der optischen Überschaubarkeit des Spielorts entgegen.

In Sachen Besetzung punktet der Film vor allem mit dem aus der DOLLAR-TRILOGIE bekannten Luigi Pistilli, der hier vom antriebslosen Gatten zur Killermaschine mutiert; und somit als einzige Rolle eine Entwicklung durchmacht. Seine Gemahlin gibt Claudine Auger – die neben ihrem Bond-Auftritt in FEUERBALL (1965) vor allem aus Dussio Tessaris DER BASTARD (1968) bekannt ist – die hier angenehm kühl und distanziert mimt. Leopoldo Trieste und Laura Betti geben ein weiteres skurriles Paar und Claudio Camaso mimt den stereotypen Verdächtigten. Sämtliche Rollen wirken dabei immer wieder bewusst überzeichnet. Jede Figur erfüllt ihre Rolle, einzelne Charakterzüge treten fast völlig in den Hintergrund.

Typ: Mata Hari war gegen dich ja ‘ne ganz mickrige Tanzmaus!
Mädel: Oh, wer war denn Mata Hari?
Typ: Auch so ‘ne Disko-Königin!

Wohl auch deshalb wird der Film heute oftmals als Prototyp des Slasherfilms rezipiert. Und tatsächlich liefert Bava hier alle Zutaten, aus denen das US-amerikanische Kino einige Jahre später Filme wie HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (1978) oder FREITAG DER 13. (1980) zusammenmischen sollte. So ist es sicherlich kein Zufall, dass Steve Miner in FREITAG DER 13. TEIL 2 (1981) zwei Morde im Detail nachahmt. Jedoch gingen nur die Formalia wie die Mordserie, das Setting oder die Charaktere in das neue Genre ein, nicht aber die Idee, die Bavas Film zugrunde liegt; das Leid, dass alle selbiges Verübenden ereilt, erschien den US-Filmern wohl nicht zu transportieren nötig.
Umso interessanter und wichtiger ist IM BLUTRAUSCH DES SATANS auch heute noch für das Genre des Slasherfilms, auch wenn der Film innerhalb von Bavas Portfolio oftmals etwas zurückgesetzt betrachtet wird. Denn außer den äußerst harten Kills bietet der Film eine hintergründige Idee und setzt diese ansprechend um. Und vor allem die ungewöhnliche – da sehr rudimentäre – Charakterzeichnung stellt einen mutigen Schritt dar, der den Film gänzlich von seinen späteren Nachahmern respektive Genrekollegen abhebt.

Bavas Spätwerk ist nicht nur der Grundstein des US-amerikanischen Slasherfilms, sondern auch ein durchdachter Film mit einer sehr funktionalen – und vermutlich genau deshalb viele Zuschauer schreckenden – Art der Charakterzeichnung.

6 Antworten zu “IM BLUTRAUSCH DES SATANS

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