ROSSO – DIE FARBE DES TODES

Rosso – Die Farbe des Todes
Profondo Rosso | Italien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der in Rom gastierende US-amerikanische Musiker Marcus Daly (David Hemmings) macht eines Nachts in der Nähe seiner Wohnung eine grausame Beobachtung: das Medium Helga Ulmann (Macha Méril) wird grausam ermordet und der Täter – in einen dunkelbraunen Ledermantel gewandt – flieht unerkannt. Während die Behörden im Dunkeln tappen, nimmt sich Maly zusammen mit der forschen Reporterin Gianna Brezzi (Daria Nicolodi) des Falls an. Doch während seiner Ermittlungen kommen nicht nur immer mehr Menschen zu Tode, es wird für Marcus auch zunehmend schwieriger, Wahn und Wirklichkeit zu unterschieden.

Nachdem Dario Argento dem Giallo mit seiner TIER-TRILOGIE ganz entscheidenden Vorschub geleistet hatte – das Genre sollte sich zu einer der erfolgreichsten Sparten des italienischen Kinos jener Tage entwickeln – verlagerte er seine Tätigkeit zunächst einmal in andere Gefilde. Mit DIE HALUNKEN (1973) bewies er sich sodann im Komödienfach und zeigte zugleich gekonnt, dass es nicht immer die modernen Großstädte sein müssen, die er formschön in Szene setzt. Nichtsdestotrotz ließen diese den Mittdreißiger nicht los und so kehrte er schon zwei Jahre später wieder in die unberechenbaren Untiefen der Metropolen Rom und Turin zurück. Vater Salvatore und Bruder Claudio standen dabei erneut als treue Produzenten zur Verfügung, bezüglich seines Co-Autoren beschritt Argento jedoch Neuland. Barnardino Zapponi, der bereits an den Skripten zu FELLINIS SATYRICON (1969) und FELLINIS ROMA (1972) beteiligt gewesen war, unterstütze ihn bei der Drehbucharbeit. Und dieses sollte sich in Teilen auffällig an seinen drei bereits veröffentlichten Gialli orientieren, in anderen (entscheidenden) Punkten jedoch gänzlich neue Wege einschlagen.
Beibehalten wurden neben der Großstadt als die Menschen umschlingender Schauplatz vor allem der Umstand, dass es ein US-amerikanischer Besucher ist, der die Untersuchungen im Namen des Zuschauers betreibt. Auch gerät dieser erneut zufällig in diese Situation und wiederum sieht sich dieser Laien-Ermittler diversen Irrungen und Wirrungen gegenüber. Dass sich das Hauptthema schließlich erneut damit beschäftigt, was ein Mensch bewusst wahrnimmt und was er nur unbewusst registriert, schließt den Kreis zu DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) dann vollends. Aber auch Elemente aus DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1971) und VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (1971) finden hier erneut Verwendung, sodass sich für Argento-Kenner entweder wohliges Wiedererkennen oder aufkeimende Ermüdung einstellen. Dieser Gefahr begegnet der Film allerdings gekonnt, indem er diese bekannten Konzepte in einen gänzlich neuen Rahmen fasst.

Marcus: Eine Sprache muss man nicht mit Hilfe der Trinksprüche lernen.

Denn in diesem Film führt Argento das erste Mal die für ihn später so typischen surrealen Elemente ein. Waren die oben genannten Werke alles Gialli, die dem klassischen Whodunit-Prinzip folgten und die mit beiden Beinen in der Realität standen, so bewegt sich ROSSO – DIE FARBE DES TODES mit zumindest einem Bein aus dieser weg. Je weiter Marcus mit seinen Ermittlungen fortschreitet, desto mehr verlässt sich der Film auf seine einfallsreiche Optik und die bloße Wirkung von Farben und Stimmungen. Sinnbildlich ist hier die leerstehende Villa zu nennen, die Marcus scheinbar tagelang bei Nacht und bei Tage durchsucht und die scheinbar keine zeitliche und räumliche Bindung zur Außenwelt aufweist. Zuletzt scheint ihn dieses Gebäude gar umbringen zu wollen, bis der Hobby-Detektiv ihm schließlich sein düsteres Geheimnis entreißen kann.

Um den Film in diese surreale Stimmung tauchen zu können, bedient sich Argento zahlreicher optischer und anderer technischer Kniffe. Nur allzu oft sorgt er zusammen mit Kameramann Luigi Kuveiller, der neben Elio Petris grandiosem ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER (1970) auch Argentos DIE HALUNKEN fotografierte, für atemberaubende Einstellungen, die vor Symbolkraft und Interpretationsfülle nur so strotzen. Ein Vorhang empfängt den Zuschauer im Film, einsame Cafés erleuchten nächtliche Piazzas und Augen tauchen in vermeintlich leeren Schränken auf. Marcus Suche wird immer entrückter, sodass auch abseitige Ideen, wie mordenlüsterne Puppen und eidechsenquälende Kinder (hier macht sich Argento leider der Schandtat der Tierquälerei schuldig) plötzlich stimmig in das Gesamtbild passen. Dabei gibt es durchweg schöne Sets und Kulissen zu sehen, die die intensive Stimmung des Films trefflich aufgreifen. Der Film zieht den Zuschauer quasi in sich hinein und zwingt ihn, ihm mit offenen Augen zu folgen.

Marcus: Du solltest weniger trinken.
Carlo: Wahrlich ein guter Rat, der beste Rat, den ich je in meinem Leben gehört habe – und der beschissendste Rat!

Möglich wird das auch, weil der Film es seinem Betrachter zugleich gestattet, einige Gehirnzellen abzuschalten. Schon das erste Auftreten der völlig planlosen Polizei lässt erahnen, was sich nach kurzer Zeit überdeutlich zeigen soll: Zusammenhänge, Abfolgen und Logik stehen hier bestenfalls an zweiter Stelle. Der Weg der Ermittlungen überschlägt und verdreht sich dann teilweise derart, dass die folgenden inhaltlichen Sprünge schon beinahe wie heilsame Lösungen erscheinen. Es ist schlicht unwichtig, ob das Gebotene irgendeiner Kausalität folgt. Der Film nutzt die so entstehenden Freiheiten, um seine Figuren gelungen skurril und abwegig zu zeichnen und diese dann völlig ungezwungen agieren zu lassen. Das mündet schließlich in einigen durchaus humorvollen Zwistigkeiten zwischen Marcus und Gianna, die den ernsten Grundton immer wieder gekonnt aufbrechen.

Der Brite David Hemmings macht seine Sache dabei durchaus gelungen, schafft er es doch, das zunehmende Abdriften Marcus‘ glaubwürdig zu vermitteln. Man folgt ihm gerne, spürt seine Verunsicherung und will ebenfalls, dass eine befriedigende Lösung gefunden wird. Daria Nicolodi (die Argento nach Abschluss der Dreharbeiten ehelichte) als Gianna gibt dazu einen etwas zu selten auftretenden weiblichen Gegenpart, der Marcus mit einer forschen, emanzipierten Art immer wieder fordert und formt. Gabriele Lavia gibt einen gelungenen Trunkenbold Carlo (der des Weiteren erneut Argentos Faible für homosexuelle Charakter belegt) und Giuliana Calandra darf als zügig dahingeraffte Schriftstellerin Amanda zumindest kurzzeitig unterhalten. Leider wird auch die aus Marokko stammende Macha Méril allzu schnell gemeuchelt, allerdings sorgt sie somit dafür, dass der Zuschauer schnell darüber im Bilde ist, welch hohes Maß an Gewalttätigkeiten ihn erwartet. Denn Verbrennungen, Abtrennungen und allerlei sonstige Gräuel warten auch in diesem Argento-Werk auf ihre Betrachter. Dabei war es dem Regista dieses Mal ausgesprochen wichtig, Schmerzen darzustellen, die der Zuschauer nachempfinden kann. Während das bei Pistolenkugeln nur bedingt der Fall ist, kann sich jeder vorstellen, wie sich der Zusammenstoß mit Möbelstücken oder garstige Schnittwunden anfühlen. Grausam, aber wahr.

Typ: Wer könnte das getan haben?
Elvira: Ein Wahnsinniger, wer sonst? Es ist immer ein Wahnsinniger und die fassen sie nie!

Wie konsequent Argento in diesem Film zu seinem Konzept steht, zeigt sich dann in der Auflösung des Rätsels, das zwar wenig überraschend (da logisch kaum erschließbar) daherkommt, sich aber vollends dem zugrundeliegenden Konzept, der Frage nach Wahrnehmung und Realität, unterordnet. So könnte der aufmerksame Zuschauer den Film schon in den ersten Minuten durchschauen, doch der (ab-)lenkende Stil und die zahlreichen Winkelzüge erschweren dies ungemein (man möchte fast behaupten, dass es beim ersten Betrachten unmöglich ist, das entscheidende Detail zu erhaschen). Und genau hier offenbart sich auch die große Stärke von ROSSO – DIE FARBE DES TODES. Der Betrachter folgt Marcus bei seinen Ermittlungen wirklich auf Schritt und Tritt. Als Zuschauer stehen einem die gleichen Chancen offen, aber man erfährt auch die gleichen Wirrungen und Unsicherheiten. Man fühlt und meint sich durch den Film, bis man am Ende auf eine inhaltlich zwar eher durchschnittliche aber dafür umso eindringlichere Auflösung trifft. Und Goblin macht dazu auch noch tolle Musik!

Dario Argentos vierter Gialli verlässt die bis dahin bekannten Pfade und begibt sich das erste Mal in die Nähe des Surrealen. Was später sein Markenzeichen werden sollte, wird hier geschickt mit dem Whodunit-Konzept kombiniert. Das sorgt letztlich sowohl für ein überschaubares Narrativum aber gleichzeitig für eine durchaus rauschhafte Filmerfahrung. Fühlen statt Verstehen, Empfinden statt Denken!

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