BLUTIGE SEIDE

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Blutige Seide
Sei donne per l’assassino | Italien | 1964
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Max (Cameron Mitchell) führt mit seiner Frau Christina (Eva Bartok) in einem abgelegenen Herrenhaus einen Schönheitssalon, in dem auch Modeschauen stattfinden. Doch eines Tage wird das Model Isabella (Francesca Ungaro) von einem Unbekannten ermordet. Kurz darauf findet die Modelkollegin Nicole (Ariana Gorini) das Tagebuch der Verstorbenen, doch auch sie wird kurze Zeit später umgebracht. Daraufhin macht sich Inspektor Silvestri (Thomas Reiner) daran, den Mörder der Mädchen zu fassen.

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1963 veröffentlichte der italienische Regisseur Mario Bava, der sich bis zum Ende der 50’er Jahre als gelernter Kameramann verdingt hatte, den – in Deutschland leider nie veröffentlichten – Film LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO. Zu diesem Zeitpunkt konnte Bava bereits auf eine knapp 25-jährige Zeit als Kameramann zurückblicken, und war ein dementsprechend erfahrener Filmschaffender. Im Laufe der 50’er Jahre begegneten ihm dann zunehmend mehr Filme von Alfred Hitchcock, die Bava zutiefst beeindruckten, und ihn zu dem oben genannten Film inspirierten. Nur ein Jahr später veröffentlichte Bava dann den Film BLUTIGE SEIDE, der das zuvor etablierte konsequent fortsetzte, und so stilbildend für den italienischen Thriller der folgenden anderthalb Jahrzehnte werden sollte; der Giallo war geboren.
Das Drehbuch schrieb sein enger Freund Marcello Fondato, der somit ebenfalls als Mitbegründer des gelben Genres genannte werden muss. Die Kriminalgeschichte ist zwar keineswegs bahnbrechend (und erlaubt sich hin und wieder kleinere Ungereimtheiten), bildet aber einen zu jeder Zeit spannenden und wendungsreichen Rahmen. Der Endtwist darf zwar aus heutiger Sicht als durchschnittlich bezeichnet werden, im Kontext des Entstehungsjahres muss man ihn allerdings als einfalls- und einflussreich bezeichnen. Vor allem die Positionierung einer Frau als zentrale und gewaltausübende Rolle ist ihrer Zeit weit voraus und fand erst viele Jahre später Nachahmung. Unterstützung erhielt Fondato beim Schreiben von Guiseppe Barilla, der sein Film-Portfolio danach jedoch sofort beendete und sonst nicht mehr an Filmproduktionen mitwirkte.
Die Besetzung weiß ebenfalls sehr zu gefallen und bietet einen bemerkenswert internationalen Charme. Neben dem Amerikaner Cameron Mitchell als intrigantem Modemagnaten fällt vor allem Eva Bartok angenehm auf. Als äußerlich verführerische, aber innerlich hin- und hergerissene Geliebte spielt sie eine sehr ambivalente Rolle, deren bereits erwähnte Zentralität und Neigung zur Gewalt etwas Neues für das Bild der Frau im Film war. Unterstützt durch ihre anmutigen Auftritte nimmt Bartok sehr viel mehr Präsenz in Anspruch, als es ihre Screentime eigentlich erwarten dürfte. Als Gegenspieler auf der Seite des Gesetzes agiert Thomas Reiner, der eine angenehm zurückhaltende, aber nichtsdestotrotz einprägsame Rolle einnimmt. Für den gebürtigen Stuttgarter – den Sci-Fi-Fans aus der Fernsehserie RAUMPATROULLIE ORION kennen dürften – war dies das erste internationale Engagement, welchen er mit Bravour meisterte. Ergänzt wird der Cast durch allerlei hübsch Damen, die nach und nach dem maskierten zum Opfer fallen. Alle spielen dabei ordentlich, überlassen den zentralen Rolle aber stets die Bühne, wenn es darauf ankommt.

Nicole: Franco, was ist denn passiert? Wie kannst du hier herkommen? Wenn uns nun Isabella hier sieht!
Franco: Ach was, hast du was besorgt?
Nicole: Nein …
Franco: Wenn ich nicht sofort was bekomme … ich halte das nicht mehr aus!

Apropos Morde. Diese fallen verhältnismäßig hart aus, auch wenn der Film fast jedes Blutes schuldig bleibt. Bei zeitgenössischen Publikum vermochten die Meucheleien allerdings für entsetzen zu sorgen, so dass in Deutschland natürlich lange Zeit nur gekürte Fassungen des Films zu haben waren. Das hat sich dieser Tage glücklicherweise geändert, so dass man nun die Gewalttaten in voller Länge bestaunen kann. Und zu bestaunen gibt es dabei einiges. Voller Spannung und Finesse inszeniert Bava die letzten Minuten der schönen Damen, und kommt dabei seiner Inspiration Hitchcock zumindest äußerst nahe. Alle Morde unterscheiden sich im Setting und Gefühl voneinander und wechseln zwischen ruppig und verspielt. Wichtig ist dabei stets die grandiose Ausleuchtung, die jede Szene einzigartig macht.
Und genau hier liegt auch eine der ganz großen Stärken des Films. Das großartige Bühnenbild – der Begriff sei erlaubt, auch wenn ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht wurde – wird stets perfekt ausgeleuchtet und erhält so verschiedenste Stimmungen. Von bedrohlich, über verträumt bis hin zu sexuell-fantasierend bietet Bava ein riesige Palette an Atmosphären an. Dabei merkt man auch deutlich, dass Bava seine Finger in alle Bereiche des Films steckte, und so immer wieder sehr eng mit Kameramann Ubaldo Terzano zusammenarbeite, um ein derart beeindruckend Ergebnis zu erzielen. Die enge Zusammenarbeit wurde übrigens auch von Filmkomponist Carlo Rustichelli bestätigt, der in einem Interview kundtat, dass er und Bava oft tagelang die einzelnen Sequenzen durchgingen und nach passender Musik und passender Geräuschen suchten. Dem fertigen Werk verhilft das dann zu einem unglaublichen Zusammenspiel von Farbe, Bild und Ton, welches die erwähnten kleineren Drehbuchschwächen schlicht unbedeutend macht.
Wie in einem Rausch bewegt sich der Zuschauer durch den Film, der sich dann kongenialer Weise auch noch mit der Rolle des Zuschauers auseinandersetzt, indem er die Perspektive des Zuschauers beständig wechselt, und dem Kinogast somit die Pflicht auferlegt, sich seine Position in dieser Scharade selber zu suchen. Das wird sicherlich nicht jedem gefallen – manche mögen es gar als verstörend hinnehmen, aber mit der nötigen Offenheit, bietet der Film seinem Betrachter viele interessante filmtheoretische Ansätze.

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Viel weniger theoretisch, sondern vielmehr sehr praktisch sind dann die Auswirkungen, die BLUTIGE SEIDE nach sich zog. Innerhalb weniger Jahre wurde der Giallo zum italienischen Exportschlager und eine unüberschaubare Vielzahl an Werken fast aller bedeutenden (und unbedeutenden) italienischen Regisseure erblickt das Licht der Thriller-Welt. Seien es Regisseure wie Lucio Fulci, die erst durch das Wirken in anderen Genres Bekanntheit erlangen sollten, oder typische Genre-Tausendsassa wie Sergio Martino, alle wollten ein Stücke vom Giallo-Kuchen abhaben. Das absolute Aushängeschild des Genres sollte aber Dario Argento werden, der mit Filmen wie DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970), ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975), TENEBRAE (1982) und vielen anderen nicht nur die meisten und bekanntesten Gialli schuf, sondern das Genre auf vom Anbeginn bis zum Schluss begleitete. Sowohl in seinen Filmen, als auch in seinen Interviews machte er dabei immer wieder klar, dass er Bava BLUTIGE SEIDE als Startschuss des Genres versteht und würdigte das dementsprechend.
Tatsächlich finden sich alle zentralen Elemente des Giallo in diesem Film, sei es nun die Serienmörder-Thematik, die schwarzen Lederhandschuhe oder die stilvollinszenierten (teils brutalen) Morde, die nie ganz frei von einer gewissen sexuellen Aura sind. Auch die vielen phallischen Symboliken sind bereits anzutreffen, auch wenn das Messer als meistgenutzt Tatwaffe noch nicht vollends etabliert wird. Dafür sind aber Farbgebung, Ton und Inszenierung ebenso wegweisend wie die Leidenschaft für Nachaufnahmen der Augen der weiblichen Darstellerinnen. Natürlich wurde dem Genre in Laufe der Jahre noch einiges hinzugefügt, einiges wurde auch verbessert oder weitergedacht, aber der Grundstein zu allem, was den Giallo – der seinen Namen übrigens von der Umschlagfarbe der italienischen Kriminal-Groschenromane hat – ausmacht, wurde 1964 von Mario Bava gelegt. Nur wenige derart relevante Filme schaffen es, auch heute noch, bald 50 Jahre nach der Veröffentlichung, so uneingeschränkt gut zu unterhalten, und das ist – neben der ganzen theoretischen Lobhudelei – vielleicht eine der größten Fähigkeiten dieses Stücks Filmgeschichte.

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Dieser Grundstein des Giallo kann auch heute noch uneingeschränkt überzeugen und verweist immer noch viele Genrekollegen auf die Plätze. Gerade was das Zusammenwirken von Farben, Ton und Inszenierung anbelangt kommen nur wenige an das hier Gebotene heran. Vollkommen zu Recht hat der Film damit auch heute noch seinen Status als Blaupause eines ganzen Genres inne.

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12 Antworten zu “BLUTIGE SEIDE

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