UNSER MANN IN RIO

Unser Mann in Rio
Se tutte le donne del mondo | Italien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der CIA-Agent Kelly (Mike Connors) ist in Rio unterwegs und hat es zusammen mit der britischen Agentin Susan Flemming (Dorothy Provine) auf den Unternehmer Mr. Ardonian (Raf Vallone) abgesehen, der mittels einer zeugungsunfähig-machenden Strahlung die Weltherrschaft an sich reißen möchte.

Seit JAMES BOND 007 JAGT DR. NO (1962) den modernen Agentenfilm begründet hatte, war man in Europa und insbesondere in Italien stets daran interessiert, auch ein Stückchen vom großen Geheimagenten-Kuchen zu ergattern. Diverse europäische Koproduktionen ließen das Eurospy-Genre florieren und sorgten für eine Vielzahl an gelungenen, aber auch eine Menge eher einfallsloser Erzeugnisse dieser Art. Der 1966 von Dino De Laurentiis produzierte UNSER MANN IN RIO erhebt sich jedoch mit Leichtigkeit aus dem Gros an vergleichbaren Vehikeln und nimmt so ganz problemlos einen der exponiertesten Plätze des Genres ein.
Das liegt vor allem an der sehr hochwertigen Ausstattung des Films und den zahlreichen Originalschauplätzen. In und um Rio gedreht, entstanden, auch dank Aldo Tontis Kameraarbeit, wundervolle Aufnahmen, die dem Film von den ersten Minuten an, in denen es gleich zu einer atemberaubenden Verfolgungsjagd auf der Christusstatue kommt, ein wundervoll exotisches Flair verleihen. Tonti hatte seit den 40er Jahren einen festen Posten im italienischen Kino inne und war seit seiner Arbeit an Richard Fleischers BARABBAS (1961) in der A-Liga angekommen. Zusammen mit dem erfahrenen Regie-Duo Henry Levin und Arduino Maiuri entsteht so eine Troika, die den Film in wundervolle Aufnahmen zu kleiden vermag.

Susan: Es fährt uns jemand hinterher!
James: Das überrascht mich durchaus nicht: Sie sehen heute entzückend aus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.

Dabei haben Produktionsdesigner Mario Garbuglia, der zwei Jahre später die einfallsreichen Sets für Roger Vadims BARBARELLA (1968) zimmern sollte, und Dekorateur Emilio D’Andria aber auch alles getan, um den drei erwähnten Herren möglichst viele Schauwerte vor die Linse zu zaubern. In paradiesisch gelegenen Dschungelbauten verbergen sich einfallsreiche Innenausstattungen, Ardonians Zentrale strotzt nur so vor Gimmicks und je mehr es auf das Finale zugeht, desto zahlreicher werden die spektakulären Komplett-Kulissen, die die Geheimbasis des Schurken ebenso kunterbunt wie einfallsreich darstellen. Das alles sieht dabei durchaus wertig und glaubhaft aus, und spielt so locker eine Liga höher, als die im Genre nur allzu oft anzutreffenden wackeligen Pappmaschee-Wände.

Natürlich dürften auch allerlei Gadgets und technische Spielereien nicht fehlen, von denen Effekt-Experte Augie Lohman diverse anfertigte. Neben kleineren Einfällen wie Pistolen in Taschenlampen, Messern in Schuhen und Giftspritzen in Ringen ist es dann vor allem der Rolls-Royce Modell Silver Cloud, der die Herzen von Gadget-Freunden höher schlagen lassen wird. Neben Minibar und Kleiderschrank gibt es nämlich eine grandiose Tarnfunktion, die unter den Karossen der Agenten-Kollegen Ihresgleichen suchen dürfte. Dabei driften diese oftmals humorigen oder augenzwinkernden Ideen übrigens nie in Albernheiten ab.

Ardonian: Auf Ihre Schönheit!
Soong: Die versuche ich zu vergessen.
Ardonian: Warum denn?
Soong: Weil sie mir bei der Arbeit nicht hilft.

Und diese Fähigkeit weisen auch die übrigen Elemente des Films auf. Während viele Genrekollegen entweder unter dem Vorwand der Parodie in völlige Alberei verfallen oder aber einen derartigen Ernst an den Tag legen, dass es den Sujets einfach unangemessen ist, findet UNSER MANN IN RIO hier den (fast) perfekten Mittelweg. Der Film wandert ständig auf dem schmalen Grat zwischen beiden Extremen und stellt so ebenso sehr einen eigenständigen Film, wie eine gelungene JAMES BOND-Persiflage dar. Dass das nicht an den Machern des Pate stehenden Franchise‘ vorbeiging, beweist übrigens der Umstand, dass sich Drehbuchautor Christopher Wood für seine Version von MOONRAKER durchaus stark (teilweise sogar szenengetrau) von UNSER MANN IN RIO inspirieren ließ.
In der Hauptrolle gibt es dann den US-Amerikaner Mike Connors zu sehen, der kurz darauf in der TV-Krimiserie MANNIX zu größerem Ruhm gelangen sollte. Hier gibt Connors eine treffliche Bond-Adaption, die allerdings auch genügend Eigenständigkeit aufbringt, um nicht als bloßer Abklatsch unterzugehen. Die ebenfalls aus den USA stammende Dorothy Provine, deren Karriere sich größtenteils im US-Fernsehen abspielte, darf als britische Agentin (mit dem vielsagenden Nachnamen Flemming) überzeugen und ganz nebenbei das dümmliche Frauenbild, das zahllose Agentenfilme zeichnen, auf die Schüppe nehmen. Bravo!

Den ganz großen Wurf in Sachen Besetzung stellt aber sicherlich der britische Komiker Terry-Thomas dar, der hier in einer Doppelrolle den Chauffeur James und den Forscher Lord Aldric gibt. Terry-Thomas Karikatur eines britischen Butlers punktet immer wieder mit grandioser Mimik und unglaublich trockenen Kommentaren. Bis zum Ende sind so Lacher garantiert. Raf Vallone, der 1961 in Anthony Manns EL CID mitwirkte, schließlich kann als größenwahnsinniger Mr. Ardonian zwar nicht mit den ganz großen Genre-Antagonisten wie Adolfo Celi, Donald Pleasence oder gar Gert Fröbe mithalten, macht seine Sache aber mit einer Mischung aus Charme und Schmier doch sehr ordentlich.

James: Er springt nicht an, Sir.
Kelly:
Soll das heißen, es ist was nicht in Ordnung?
James:
Bei einem Rolls-Royce ist nie etwas nicht in Ordnung, Sir, er springt nur nicht an.

Das Drehbuch von Jack Pulman und Arduino Maiuri, der zuvor schon an den Skripten zu Krachern wie GEFAHR: DIABOLIK (1968), LASST UNS TÖTEN, COMPANEROS (1970) oder RACKET (1976) mitwirkte, hält die Spannung dann bis zum Ende gekonnt aufrecht und lässt die Geschehnisse so nie zu visuellem Selbstzweck werden. Mario Nascimbene steuert einen schmissigen Easy-Listening-Score bei und vervollständigt so immer wieder die ebenso charmante wie pointierte Inszenierung.
Ohne nun in Superlative verfallen zu wollen, stellt UNSER MANN IN RIO so zweifelsohne einen der besten Eurospy-Vertreter dar, der auch den Vergleich mit dem großen Vorbild JAMES BOND nicht zu scheuen braucht. Denn an den wenigen Stellen, an denen der Streifen in diesem Vergleich unterlegen ist, beweist er einen feinen Sinn für Ironie und macht so aus den vermeintlichen Schwächen im Handumdrehen Stärken. Hut ab!

Ohne Frage einer der besten Eurospy-Streifen, der sich auch vor dem britischen Vorbild nicht zu verstecken braucht. Vor allem die tolle Ausstattung und die Ausgewogenheit von trefflicher Parodie und eigenständigen Ideen machen diesen Film zu einem wahren Hochgenuss.

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2 Antworten zu “UNSER MANN IN RIO

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