GEFAHR: DIABOLIK

Gefahr: Diabolik
Diabolik | Frankreich/Italien | 1968
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Diabolik (John Phillip Law) ist ein Meisterdieb, der die Behörden immer wieder an der Nase herumführt. Doch als er seiner Freundin Eva (Marisa Mell) ein seltenes Schmuckstück besorgen möchte, wird diese entführt und vom Gangster Valmont (Adolfo Celi) gefangen gehalten. Dieser wiederum arbeitet allerdings für den Inspektor Ginko (Michel Piccoli), der Diabolik eng auf den Fersen ist.

Nachdem Mario Bava mit Filmen wie VAMPIRE GEGEN HERAKLES (1961), BLUTIGE SEIDE (1964) oder PLANET DER VAMPIRE (1965) bereits in verschiedensten Genres seine ausgewöhnlichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte, warf er gen Ende der 60er Jahre einen Blick auf die italienische Comic-Reihe Diabolik!, die sich in Italien seit ihrer Veröffentlichung 1962 großer Beliebtheit erfreute. Das machte den Produzenten Dino De Laurentiis schnell auf das Projekt aufmerksam, der Bava dann ohne großes Federlesen drei Millionen US-Dollar zur Verfügung stellte. Ein Budget, mit dem der ansonsten äußert sparsam arbeitende Bava kaum etwas anfangen konnte; und folglich im Laufe der gesamten Produktion auch nur runde 400.000 US-Dollar verbrauchte.
Und das ist in Anbetracht des Dargebotenen kaum zu glauben, etabliert der Film doch einen Look, der so bis heute nur in ganz wenigen anderen Filmen zu finden ist. Denn reihenweise gibt es wundervolle Kulissen zu sehen und stets ist die Ausstattung über jeden Zweifel erhaben. Ein reicher Fundus an Trickeffekten versteckt dann die günstige Produktionsweise, die nur bei manchen Verfolgungsjagden (hier allerdings durchaus gewollt) zu Tage tritt.

Finanzminister: Denken Sie daran, das Wohl des Staates ist auch ihr Wohl. Darum zahlen Sie ihre Steuern, genau wie sonst. Lassen Sie sich nicht beirren!
Typ: Das könnte dir so passen, alter Quatschkopf!

Neben der liebevollen Gestaltung setzt auch das Art-Design des Films Maßstäbe. Inspiriert von FANTOMAS (1964) sowie dessen Nachfolgern und natürlich den großartigen Höhlen der Bösewichte in den aufstrebenden Bond-Filmen zaubert der Film ein derart unglaubliches retro-futuristisches Design auf die Leinwand, das dem Zuschauer die ersten 20 Minuten der Mund durchgehend offen stehen dürfte. Das ist ganz große Kunst und diese verbindet sich mit Bavas kongenialer Inszenierung zu einem wilden Rausch, der den Zuschauer erst nach der Hälfte der Spielzeit wieder aus seinem Bann entlässt. Immer wieder eingestreute Trickszenen, die auf die Comic-Herkunft des Stoffes verweisen, runden den optischen Eindruck ebenso gekonnt wie selbstreflexiv ab.

Nach den erwähnten 20 Minuten offenbart der Film dann aber langsam sein großes Manko: Der Story fehlt nämlich jegliche Stringenz. Denn genau genommen handelt es sich um mehrere der Comicvorlage entnommene Episoden, die aber untereinander nicht zusammenhängen. So begegnet man als Betrachter leider ähnlichen Szenen und Momenten des Öfteren, kurz vor Ende startet der Film sogar fast eine neue Geschichte. Das sorgt dafür, dass sich der Streifen manchmal sehr knapp am Rande einer belanglosen visuellen Darbietung bewegt. Doch letztlich bietet er auch an diesen Stellen immer noch genau Inhalt auf, um die Unterhaltung aufrecht zu erhalten.
Dazu trägt auf Seiten der Schauspieler vor allem Marisa Mell bei, die mit ihrer betörenden Präsenz von der Nebenrolle zum Mittelpunkt wird. Mell – die ein Jahr später in Fulci großartigem NACKT ÜBER LEICHEN (1969) mit einer ähnlich tollen Leistung überzeugte – ist so maßgeblich für den lockeren Swinging-60ies-Charme verantwortlich, der den Film durchgehend begleitet. Daneben wirkt John Phillip Law, der im selben Jahr auch an der Seite von Jane Fonda in BARBARELLA (1968) zu sehen war, teilweise etwas blass, was allerdings auch in der Anlage seiner Rolle begründet liegt; wer überwiegend mit einer Latexmaske bekleidet ist, dem bleibt nur wenig Zeit gelungen zu schauspielern. Auf Seiten der Bösen gibt es dann noch Adolfo Celi zu sehen, der sich drei Jahre zuvor schon als Antagonist in FEUERBALL (1965) bewies und diesen Erfahrungsschatz hier auch gekonnt karikiert zum Besten gibt.

Und wenn wir nun davon sprechen, dass der Film eine wundervoll inszenierte Stilübung in Sachen Spät-60er ist, dann dürften wir die musikalische Seite natürlich nicht außer Acht lassen. Hier hatte Filmmusik-Legende Ennio Morricone seine Finger im Spiel, der dem Film einen unbeschreiblich wundervollen Score verpasst hat. Seinem Stil treu bleibend finden sich darin neben zahlreichen psychedelischen und rockigen auch viele experimentelle Klänge, die ebenfalls zu der äuß0erst gelungen Gesamtmixtur des Films beitragen. Und auch viele Jahre später war der Film noch im Blickpunkt der Musikerszene, als nämlich die Beastie Boys das Musikvideo zu ihren 1998 veröffentlichten Song Body Movin mit einer nachgespielten Version des Films verzierten (die auch einige Original-Filmszenen enthält).

Typ: Äh, ja, Exzellenz!
Chef: „Ja, Exzellenz“, wenn das alles ist, was Sie zu sagen haben ist das ein bisschen wenig, oder?
Anderer Typ: Ja, Exzellenz!
Chef: und was bitte soll ich unserem Premierminister sagen, etwa auch „Ja, Exzellenz“?
Typ: Ja, Exzellenz!

Und diese Verbeugung ist vollends angemessen, bietet Mario Bava hier doch einen Film auf, der es wie nur wenig andere versteht, seinen augenscheinlichen Mangel an Inhalt und Spannung durch seine kongenialen Formalia spielend aufzuwiegen. Kleinere Längen kann man nämlich getrost übersehen, wenn einem dafür eine derartige Menge an wundervollen Ideen, Kulissen und Einstellungen geboten wird. Und wenn Diabolik einem zum Schluss verschmitzt zuzwinkert, dann weiß man einfach, dass man hier gerade äußerst gut unterhalten wurde.

Mario Bava beweist hier, dass auch inhaltliche Armut und ein teilweise nichtexistenter Spannungsbogen aufzuwiegen sind, wenn man mit einer genialen Inszenierung und einer ebenso pracht- wie fantasievollen Ausstattung aufwarten kann. So ist Unterhaltung garantiert wenn es heißt: Gefahr, Diabolik!

4 Antworten zu “GEFAHR: DIABOLIK

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