BARBARELLA

Barbarella
Barbarella | Frankreich/Italien | 1968
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Barbarella (Jane Fonda) erhält vom Erdenpräsidenten den Auftrag den Wissenschaftler Durand-Durand (Milo O’Shea) zu finden um den intergalaktischen Frieden zu bewahren. Dazu muss sie einen Planten aufsuchen, der von dem finsteren großen Tyrannen (Anita Pallenberg) regiert wird. Doch immerhin stehen sowohl der blinde Engel Pygar (John Phillip Law), als auch die örtliche Resistance an Barbarellas Seite.

Als der französische Zeichner Jean-Claude Forest 1962 seinen Comic Barbarella im französischen V-Magazin veröffentlichte, da schien er seiner Zeit ein wenig voraus zu sein. Die sexuelle Revolution hatte noch nicht begonnen, sodass die Abenteuer der barbusigen Heroine nicht nur als unpassend empfunden, sondern auch relativ zügig verboten wurden. 1966 erschien dann eine leicht überarbeitete Fassung, welche nicht mehr beanstandet wurde. Das weckte dann das Interesse des französischen Regisseurs Roger Vadim, der mit dem Brigitte Bardot-Streifen … UND IMMER LOCKT DAS WEIB (1956) oder Filmen wie GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN (1959) und … UND VOR LUST ZU STERBEN (1960) seit jeher ein Interesse an die Sexualität betreffenden Stoffen gezeigt hatte. Als Produzent konnte dann Dino De Laurentiis für das Projekt gewonnen werden, der die Produktion mit runden neun Millionen US-Dollar ausstattete.
Das Script schrieb Vadim dann zusammen mit zahlreichen anderen Autoren. Darunter zum Beispiel Tudor Gates, der im selben Jahr am Script zu Bavas Sixties-Knaller GEFAHR: DIABOLIK (1968) beteiligt sein sollte oder Terry Southern, der mit DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN (1964) sowie EASY RIDER (1969) ebenfalls Großes vollbracht hatte bzw. noch vollbringen sollte.

Barbarella: Wenn es irgendetwas gibt, was ich Ihnen geben kann, dann …
Typ: Wie schön, dann erlauben Sie mir doch … ich möchte mit Ihnen schlafen!
Barbarella: Mit mir schlafen?
Typ: Ja!
Barbarella: Was äh, was fällt Ihnen ein? Sie kennen doch mein Psychokardiogramm überhaupt nicht!

Das Ergebnis stellt sich dann als Essenz des Jahres 1968 heraus. War es zu jener Zeit nicht unüblich, dass abgedrehte Produktionen durchaus ordentliche Budgets erhielten, so bringt BARBARELLA diese Strömung auf den Punkt und wird zum filmischen Brennglas eines Sommers. All die Hippie-Attitüde, all der Drogenumgang, all der Frieden, all die Liebe springen einem aus diesem Stück Film geradezu entgegen und bestimmen so auch die Handlung. Diese ist in ihrem Kern völlig unwichtig, wird dann aber durch unzählige absurde Ideen ausstaffiert.

Vor allem formal sorgt das für eine vollkommen abgedrehte Optik, die Futurismus mit Bauhaus und dem typischen Look einer Hippie-Kommune vermischt. Da fliegt Barbarella dann in ihrem Plüsch-Apartment durch das All und reitet danach im Eis-Schlitten einer Bande von Killer-Puppen entgegen. In der Stadt Sogo (deren Name dem biblischen Sodom und Gomorrha entlehnt ist) paffen Frauen dann riesige Wasserpfeifen, in denen Männer umherschwimmen und ein Fiesling bedient eine Orgel, die ein in ihr gefangenes Opfer mittels Orgasmus dem Tode zuführt. Derartiges gibt es zwar auch in vielen anderen Film jener Zeit zu sehen, aber nur wenige Werke bringen es so überzeichnet und vollkommen enthoben auf die Leinwand wie dieses.

Barbarella: Ein Moment, ich zieh mir schnell was an!
Präsident: Nein, wozu denn, es handelt sich nur um eine Staatsangelegenheit …

Dabei merkt man dem Film sein hohes Budget zu jeder Zeit an, denn die Kulissen und die sonstige Ausstattung sind wirklich ein Augenschmaus. Alles ist grell-bunt und psychedelisch, ständig wechseln Hintergrund und Ambiente. Der gewollt artifizielle Look vieler Kulissen stört dabei überhaupt nicht, sondern verleiht dem Film vielmehr ein sehr eigenständiges und bis heute vielfach zitiertes Aussehen. Ständig gibt es für den Betrachter etwas Neues zu entdecken, kein Raum, kein Charakter gleicht dem anderen.
Bezüglich der popkulturellen Prägung und Zitation ist der Film übrigens eines der maßgeblichsten Werke jener Epoche. Unzählige Filme aus den verschiedensten Genres haben sich bei einzelnen Ideen bedient und vor allem Musikschaffende haben sich immer wieder für einzelne Lieder oder gleiche ganze Bandnamen inspirieren lassen. Bis heute wirken also Design und Stil des Films nach, was ihm mittlerweile eine gewisse Überlebensgröße eingetragen hat.

Doch wie viele ähnliche gelagerte Werke, krankt auch BARBARELLA aus filmischer Sicht daran, dass der Streifen seinem Betrachter nach dem perplexen Staunen der ersten 20 Minuten nicht mehr viel zu bieten hat. Irgendwann stellt sich schlicht eine Sättigung beim Zuschauer ein, sodass dieser den x-ten wilden Einfall nur noch zur Kenntnis nimmt. Hier schafft es die Geschichte einfach nicht, die abgedrehte und schön anzusehende Form mit Inhalt zu füllen. Hinter dem vordergründig flachen Inhalt verbirgt sich keine intelligente Ebene, keine weiterer Gedanke. Der Film ist kein Parabel, kein Kommentar, sondern einfach ein Unterhaltungswek.

Durand-Durand: Wenn wir das Crescendo erreichen, dann stirbst du! Ja, vor Vergnügen! Dein Ende wird ganz plötzlich kommen und voll Wonne sein!

Das dürfte auch der Grund sein, warum Hauptdarstellerin Jane Fonda bis heute nicht gerne auf diesen Streifen angesprochen wird. Fonda, die sich in den 60er Jahren stets für Gleichberechtigung und gegen den Vietnamkrieg einsetzte, erkennt wohl auch, dass sie hier ein plakatives Figürchen gemimt hat, dass ein ganzes Stück entfernt von ihrem gesellschaftlichen Engagement positioniert ist. Denn wo man zunächst denken könnte, dass die weibliche Hauptrolle, die die Erde retten soll, einen durchaus emanzipatorischen Gedanken wiederspiegelt, so muss man doch relativ schnell feststellen, dass dem mitnichten so ist. Denn Barbarellas einziger Weg ein Problem zu lösen, ist Sex mit einem Mann zu haben. Immer wieder ist das die Lösung eines Problems, sowie ihre einzige Möglichkeit sich zu bedanken. Das ist nicht nur schade, sondern steht auch immer krassen Gegensatz zu den Gedanken der Zeit, deren Formalia der Film so vollendet aufgreift. Letztlich ist Fondas Mitwirken wohl auf ihre acht Jahre andauernde Ehe mit Vadim zurückzuführen.
Neben Fonda gibt es dann noch John Phillip Law, der im selben Jahr im bereits erwähnten GEFAHR: DIABOLIK (1968) die Hauptrolle geben sollte, zu sehen, der als blinder Engel gefällig mitspielt. Anita Pallenberg als lüsterne Antagonisten und der französische Pantomime Marcel Marceau füllen den außergewöhnlichen Cast weiter auf. Als einzige etwas facettenreichere Rolle tritt Miles O’Shea auf, der als Durand-Durand immerhin für einen kleinen Twist verantwortlich zeichnet.
Letztlich stellt sich also die Frage, was der geneigte Zuschauer vom diesem Film erwartet. Wenn er ein psychedelisches Sixties-Abenteuer voller skurriler Ideen und mit einer teilweise atemberaubenden Optik erleben möchte, dass stellt BARBARELLA wohl die erste Wahl dar. Wenn man mit dem Jahr 1968 jedoch mehr verbindet als Drogen und allerlei abgedrehte Ideen, dann fällt es einem doch schwer, in diesem Film ein Statement jener Zeit zu sehen.

Der Streifen ist in Sachen Optik und Design sicherlich eines der wegweisensten Werke jener Zeit, das bis heute unzählige Mal in den verschiedensten Bereichen der Popkultur zitiert wurde. Leider bietet der Film aber nicht nur inhaltlich eine irgendwann für Langeweile sorgende Leere, sondern auch eine Hauptfigur, die außer dem Beischlaf nichts gebacken bekommt; und das ist sicherlich nicht die Idee jener Zeit.

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6 Antworten zu “BARBARELLA

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