SIE LEBEN

Sie leben
They Live | USA | 1988
IMDb, OFDb, Schnittberichte

John Nada (Roddy Piper) schlägt sich am unteren Ende der US-amerikanischen Gesellschaftsstruktur als Wanderarbeiter durch. Gerade in L.A. abgekommen trifft er auf Frank (Keith David) und eine skurrile Gruppe von Wunderlingen, die Sonnenbrillen produziert. Als John zufällig eines dieser Augengläser aufsetzt, erkennt er, dass die Welt, die er zu kennen glaubt, in Wirklichkeit gar nicht existiert: Stattdessen beherrschen Aliens mithilfe konditionierenden Slogans die Erde.

Entstanden John Carpenters Filme schon immer im Spannungsfeld zwischen kreativer aber niedrig budgetierter Eigenregie und mit umfangreichen Finanzen aber auch großen Eingriffen in seine künstlerische Freiheit versehenen Major-Produktionen, so waren es BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA (1986) und DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT (1987), die den stets eigensinnigen Filmemacher vollends von der Zusammenarbeit mit großen Gelbgebern abbrachten. Schon vor DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT unterschieb Carpenter einen Vier-Filme-Vertrag bei der kleinen Produktionsfirma Alive Films in der Hoffnung, nun endlich wieder voller Kontrolle über seine Werke zu erlangen. Sein zweites Werk innerhalb dieses Vertrags sollte dann auf der 1963 veröffentlichten Kurzgeschichte Eight O’Clock in the Morning von Ray Nelson basieren. Unter dem Pseudonym Frank Armitage (einer Verbeugung vor seinem Vorbild H. P. Lovecraft) verband Carpenter die der Kurzgeschichte entstammende Idee einer unbemerkten Invasion durch außerirdische Profitmacher mit der aktuellen politischen Realität der USA der späten 80er Jahre.

John Nada: Ich dachte, ich komm mal vorbei, kaue Kaugummi und trete ‘nen paar Leuten in den Arsch – ich hab nur leider kein Kaugummi!

So bekommen die seit 1981 von Präsident Ronald Reagan etablierten Reaganomics die volle Breiteseite der carpenter’schen Sozialkritik verpasst. Carpenter entwirft eine Welt, in der Außerirdische für die immense soziale Spaltung der Gesellschaft verantwortlich sind, die seinerzeit (und auch heute noch) in den USA grassiert(e). Die extraterrestrischen Besucher machen sich dabei jenes Konzept zunutze, welches jeder kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu Grunde liegt. Die Reichen werden aufgrund ihrer Möglichkeit, Kapital einzusetzen, immer reicher, während man die ständig ärmer werdende Majorität der Gesellschaft mit der Behauptung, ein stets klagloses Arbeiten würde schon irgendwann zum soziale Aufstieg führen, ruhigstellt. Indem er so die Kapitaleigner zu den Feinden einer freien Gesellschaft erklärt, verkehrt Carpenter das Konzept vieler US-amerikanischen Science-Fiction-Filme der 50er Jahre ins Gegenteil, die Ideen von Gemeinschaft und Gleichheit, also kommunistische Konzeptionen, zur beängstigenden Grundlage ihrer Szenarios machten. In diesen Kontext muss auch die künstlerische Entscheidung eingeordnet werden, die „echte“ Welt in schwarz-weiß, die Illusion hingegen in voller Farbpracht darzustellen.

Filmische Form findet diese Welt dann in einer Mischung aus Slums und Großstadtschluchten. Immer wieder stellen Einstellungen Arm und Reich geschickt gegenüber, Wellblech wird in einem deutlichen Kontrast zu Glas und Stahl dargestellt. Innerhalb dieser Situation agieren die herrschenden Wesen geradezu totalitär; jeder Passant ist in der Lage, Auffälliges an eine wie auch immer geartete Zentrale zu melden. Demgegenüber existiert eine guerillagleiche Widerstandsgruppe, die mittels Fernsehbotschaften und der Produktion der entlarvenden Brillen Einfluss auf die Geschicke der Gesellschaft zu nehmen sucht. Dass auch die Aufklärer sich der Massenmedien bedienen, sei nur am Rande erwähnt, lädt aber trotzdem zu interpretieren ein.

Straßenprediger: Sie beeinflussen unsere Entscheidungen, ohne dass wir es wissen. Sie betäuben unsere Sinne, ohne dass wir es fühlen. Sie kontrollieren unser Leben, ohne dass wir es bemerken. Wir schlafen … sie leben!

Trotz eines Budgets von lediglich drei Millionen US-Dollar gelingt es Carpenter und seinem Spezialeffekt-Team, eine weitestgehend glaubhafte Welt zu kreieren. Obwohl immer nur kleine Ausschnitte zu sehen sind, funktionieren die Bedrohung und die Unsicherheit, die dieser Umgebung innewohnen, überaus gut. Vor allem, wenn John seine Umgebung zum ersten Mal per Sonnenbrille untersucht und so plötzlich die überall vorhandenen Außerirdischen zu sehen sind, entsteht eine durchaus bedrückende Atmosphäre. Leider geht der Ausstattung zum Ende hin ein wenig die Puste aus, sodass das Finale im Hauptquartier ein wenig stereotyp und spartanisch ausfällt. Carpenter rettet diesen augenscheinlichen Mangel an Möglichkeiten letztlich, indem er seine Zuschauenden höchst augenzwinkernd in den Abspann entlässt.

Ebenfalls eines gewissen Augenzwinkerns nicht völlig bar ist wohl die Besetzung von Roddy Piper zu bewerten. Der kanadische Wrestler hatte im Verlaufe der 80er Jahre bereits etwas Schauspielerfahrung gesammelt und wird hier als geistiger Nachfolger von Kurt Russell installiert. Piper bewegt sich ebenso stoisch und zynisch durch die Welt wie Carpenters Lieblingsmime und wird so zu einem stilbrechenden Gegenentwurf ihrer sonstigen Bewohner. Anstelle eines Intellektuellen, der die Machenschaften der Aliens auf ethischer Basis ablehnt, folgen die Zuschauenden einem Working-Class-Hero in den Kampf. Das Piper dabei häufig recht hölzern agiert, darf man – je nach persönlichem Gusto – entweder als bewusste Reduktion oder als pures Unvermögen auslegen.

John Nada: Bruder, das Leben ist wie eine räudige Hündin – jetzt ist sie wieder heiß!

Daneben gibt es mit Keith David einen alten Bekannten aus Carpenters Stammcast zu sehen. Nach seinem Durchbruch mit DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982) war es vor allem Oliver Stones PLATOON (1986), der dem New Yorker zu größerer Bekanntheit verhalf. Zurück bei Carpenter dient Davids Frank lange Zeit als Prototyp des Desinteressierten. Durch seine Haltung ist es den Invasoren überhaupt erst möglich, die Erde zu unterjochen, seine infantile Gutgläubigkeit ist die Wurzel allen Übels. Meg Forster, ein Jahr zuvor als Evil-Lyn noch in MASTERS OF THE UNIVERSE (1987) zu sehen, bleibt demgegenüber leider etwas blass, der Streifen konzentriert sich vollends auf seine beiden Hauptfiguren. Kein Wunder, dass die beiden deshalb auch ein ellenlangen Faustkampf darbieten, der die Stimmung des Films zur Halbzeit von düster-mysteriös auf actionreich-plakativ umstellt.
Denn genau das ist SIE LEBEN im Kern: ein flotter Actionstreifen, der es aufgrund seiner erstaunlich offensiven Kritik an gesellschaftlichen Mechanismen (den Präsidenten der Vereinigten Staaten bekommt man dann aber doch nur in Form seines außerirdischen Aussehens zu Gesicht) mit Leichtigkeit schafft, sich einen exponierten Platz im Feld der gleichförmigen 80er-Actioner zu sichern. John Carpenter kehrt mit diesem Film wieder zu seinen Wurzeln zurück, dem unabhängig produzierten Genrekino. Zwar räumte auch dieser Streifen an den Kinokassen nicht über die Maßen ab, aber ein kleiner finanzieller Erfolg war er dann doch – und ein künstlerischer, inhaltlicher und (wie sollte es bei Carpenter auch anders sein) musikalischer sowieso.

Ein ungemein flotter Streifen, der wie kaum ein anderer soziale Missstände nicht nur als vordergründige Motivation, sondern als ernsthafte Grundlage seiner für sich genommen eher durchschnittlichen Actionsequenzen nutzt.

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