BARON BLOOD

Baron Blood
Gli Orrori del Castello die Norimberga | Italien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Peter Kleist (Antonio Cantafora), Nachfahre des lange verstorbenen Barons Otto von Kleist, begibt sich auf dessen altes Schloss, um die Wurzeln seiner Familie zu erkunden. Dabei hilft ihm die Historikerin Eva (Elke Sommer), mit der zusammen Peter dann auch einen folgenschweren Fehler begeht: Per alter Schriftrolle erwecken die beiden den mordlüsternen Geist des Barons (Joseph Cotton) zu neuem Leben.

Zu Beginn der 70er Jahre neigt sich die Karriere von Regievirtuose Mario Bava bereits ihrem Ende entgegen. Die ganz großen Erfolg seines Schaffens wie DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960) und BLUTIGE SEIDE (1964) oder auch der kommerziell sehr erfolgreiche GEFAHR: DIABOLIK! (1967) hatten ihm zwar einen weltweit anerkannten Ruf eingebracht, aber Bavas ureigener Unwille, sich den Mechanismen des Filmgeschäfts zu unterwerfen, hatten ihm den Weg nach ganz oben stets verwehrt. In dieser Zeit sollte Bava dann einen seiner letzten klassischen Gothic-Horror-Filme inszenieren, dessen Synopsis den geneigten Betrachter schon mit einem Stirnrunzeln in den Film einführen dürfte.
Denn das von dem Amerikaner Vincent Fotre verfasste Drehbuch erscheint schon auf den ersten Blick wie eine allzu stereotype Gruselgeschichte: Ein erweckter Toter kehrt zurück, um die Menschen wiederum zu plagen. Schon hier bemerkt man den starken selbstreferenziellen Charakter des Films, denn dieses Konzept setzte Bava bereits in DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT um. Auch die Ermordung des Hausmeisters Fritz erinnert stark an jenes frühe Werk Bavas, während der Mord am Gesichtschirurgen ein deutliches Zitat aus BLUTIGE SEIDE darstellt; inklusive des baumelnden Telefons im Hintergrund. Diese und viele weitere Zitate seiner eigenen Filme machen den Streifen dann zu einem fröhlichen Rätselraten für Bava-kundige, können jedoch nicht über die im Kern sehr blasse und antriebslose Geschichte hinwegtäuschen. Der fehlt es schlicht an etwas Innovation, das Ausfüllen des bekannten Motivs mit selbstreferentiellen Anteilen reicht hier nicht aus.

Dr. Hessler: Blutbaron wurde er genannt, ja! Ich hoffe nur, Sie haben seine Veranlagung nicht geerbt!
Peter: Weiß man nie …

Was den Zuschauer dann aber trotz der weitestgehend belanglosen Geschichte ohne Weiteres zu unterhalten vermag ist wieder einmal Bavas kongenialer Inszenierungsstil. Jede Einstellung wirkt durchdachte, macht Spaß und ist interpretierbar. Nichts ist zufällig im Bild, ständig gibt es etwas zu entdecken. Einfallsreiche Kamerafahrten wechseln sich mit Zooms und Totalen ab und in der Gesamtheit stellt der Film wieder Mal einen untrüglichen Beweis für Bavas frühe Tätigkeit als Kameramann dar.

Auch die Ausstattung des Films entspricht dem, was man aus seinen früheren Werken gewohnt ist. Prunkvolle Säle wechseln sich mit düsteren Gemäuern ab, ständig weht dichter Nebel durchs Bild. Kräftige Farben geben den einzelnen Szenen Fixpunkte und verschiedene Farbkontraste erfreuen das Auge. Vor allem, wenn Eva zur Flucht durch die nächtlichen Gassen ansetzt, spielt der Film seine volle optische Finesse aus, hier fühlt man sich der Essenz des bava’schen Kino kurzfristig wieder ganz nahe.
Innerhalb diese tollen Inszenierung bewegt sich dann ein gelungener, wenn auch etwas konturloser Cast. Joseph Cotton – der sich bereits in den 40er Jahren mit CITIZEN KANE (1941) und DER DRITTE MANN (1949) sein Denkmal setzte – leidet leider an der geringen Screentime, die ihm der Film zubilligt, denn nur als Alfred Becker bekommt man den Hollywood-Star wirklich zu Gesicht. Das dessen Rolle dann auch noch ein wenig zu offensichtlich angelegt ist, hilft dann auch nicht und macht Cottons Auftritt letztlich nur zu einem – unverschuldet – durchwachsenen.

Dr. Hummel: Ich spiele nicht mit dem Okkulten, solltet ihr auch nicht. Wenn‘s zur Besessenheit wird, ist es gefährlich!

Besser trifft es da schon die Deutsche Elke Sommer, die hier den personellen Farbtupfer darstellt. In jeder ihrer Szenen auf andere Weise exzentrisch gekleidet, stellt sie den Gegenpol zu den anzugtragenden Herren dar und korrespondiert wundervoll mit Bava Farbspiel. Des Weiteren nutzt Bava Sommer, um mit unzähligen Schrei-Sequenzen den teilweise überzeichneten und humorvollen Ton des Film weiteres auszuformen (der sich im Übrigen auch in der Tatsache manifestiert, dass der gerade auferstandene Baron sich erst einmal zum Gesichtschirurgen begibt). Massimo Girotti als ruhiger Professor und Antonio Cantafora als unbedarfter Jüngling runden dann einen Cast ab, der letztlich funktioniert ohne aber zu brillieren.
Doch das Vertrauen, welches der Produzent Alfredo Leone in das Werk gesetzt hatte, sollte vor allem in den USA belohnt werden. Denn dort avancierte BARON BLOOD – trotz einiger Kürzungen und eines komplett ersetzten Soundtracks – zu einem wahrer Kassenschlager, der den Produzenten sogleich dazu veranlasste, Bavas nächsten Film – DER TEUFLISCHE (1972) – nicht nur zu finanzieren, sondern dem Regisseur auch freie Hand zu gewähren. In Deutschland hingegen erfuhr der Film nicht einmal eine Kinoaufführung und fristet bis heute ein eher peripheres Dasein im Portfolio Bavas.

Optisch und inszenatorisch gelungener Gothic-Horror, der Bava-Fans mit zahlreichen selbstreferenziellen Zitaten zu unterhalten vermag. Das Drehbuch stellt jedoch eine deutliche Schwäche dar, die dem Film höhere Weihen verwehrt.

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3 Antworten zu “BARON BLOOD

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