DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT

Die Stunde, wenn Dracula kommt
La maschera del demonio | Italien | 1960
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Zweihundert Jahre nachdem die Hexe Asa (Barbara Steele) und ihr Geliebter Javutich (Arturo Dominici) grausam hingerichtet wurden, kehren die beiden durch einen unglücklichen Zufall ins Leben zurück und bedrängen ihre eigenen Nachkommen, darunter auch die hübsche Katia Vajda (Barbara Steele). Die zufällig auf der Durchreise befindlichen Ärzte Prof. Thomas Kruvajan (Andrea Checchi) und Dr. Andre Gorobec (John Richardson) eilen Familie Vajda zur Hilfe.

Seit Beginn der 40er Jahre als Kameramann tätig war es Mario Bava lange Zeit nicht daran gelegen, an dieser Profession etwas zu ändern. Ihm machte dieser sehr technische Teil der Filmproduktion Freude und die Arbeit als Regisseur erschien ihm seit jeher als äußerst fordernde und umfangreiche Aufgabe. Doch ohne es zu wollen kam ihm ab Ende der 50er Jahre immer häufiger die Aufgabe des Regisseurs zu. Sowohl bei Riccardo Fredas DER VAMPIR VON NOTRE DAME (1957) und dessen CALTIKI – RÄTSEL DES GRAUENS (1959) als auch bei Jacques Tourneurs DIE SCHLACHT VON MARATHON (1959) wurde Bava mit der Fertigstellung der Regiearbeiten bedacht, da sich die etatmäßigen Regisseure mit den Produzenten überwarfen. Und da diese drei Filme allesamt von Lionello Santis Galatea Film produziert wurden, war dieser Herr Bava zu besonderem Dank verpflichtet. Also ermöglichte Santi dem trickreichen und findigen Kameramann ein Budget von etwas weniger als 100.000 US-Dollar, mittels welchem dieser seine erste eigene Regiearbeit in Angriff nehmen konnte.

Katia: Mein Vater, der Fürst Vajda, hat befohlen, dass nichts mehr in der Kirche erneuert wird. Er fürchtet, dass in der Kirche Unholde hausen …

Bava schnappte sich die Erzählung Wij des russisch-ukrainischen Autoren Nikolai Wassiljewitsch Gogol aus dem Jahre 1835 und überarbeitete diese mithilfe von Mario Serandrei, Marcello Coscia, der Jahre später Jorge Graus großartigen DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN (1974) mitschreiben sollte, und Ennio De Concini, aus dessen berühmter Feder unter anderem Pietro Germis SCHEIDUNG AUF ITALIENISCH (1961), Sergio Leones DER KOLOß VON RHODOS (1961) oder Tinto Brass SALON KITTY (1974) stammten. Dabei blieb von Gogols ursprünglicher Geschichte jedoch nicht mehr viel übrig, viel mehr nutzen die vier Autoren die vom Russen ukrainischer Abstammung geschaffene Atmosphäre als Grundlage für ihr Drehbuch. Einzelne Szenen finden sich zwar im Film wieder, aber grundsätzlich ist es die morbide und enthobene Stimmung, die Bava und Konsorten sich zu Nutze zu machen versuchten.

Und tatsächlich ist es vor allem diese Atmosphäre, die DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT zu einem auch heute noch bedeutenden Teil des bava’schen Schaffens macht. Dank seiner umfangreichen Erfahrung als Kameramann gelingt es Bava nämlich bravourös, die häufig sehr rudimentäre Ausstattung mittels trickreicher Einstellungen und genialer Beleuchtung bestmöglich zu nutzen. So entsteht aus wenigen Zweigen, etwas Erde und viel Nebel ein gruseliger Wald oder ein abgelegener Friedhof. Die Außenszenen sind derart spartanisch, dass die sich aus ihnen entwickelnde Stimmung immer wieder aufs Neue beeindruckt. Wie auch in vielen späteren Werken sind es dabei vor allem starke Kontraste, die geschickt eingesetzt werden. Dem gegenüber stehen einige geradezu pompöse Innenräume, die ebenfalls großartig in Szene gesetzt werden und die bereits erahnen lassen, welche bahnbrechenden visuellen Geschenke dieser Regisseur der Filmwelt noch machen sollte.

Fürst Vajda: Nein, es muss etwas anderes sein, was da heult – so heulen Wölfe nicht.

In diese außerordentliche Optik bettet Bava dann eine Geschichte, die vor allem von ihrer teilweise auffällig expliziten Darstellung lebt. Schon die Exposition zeigt einige für die Zeit ungewöhnlich brutale Szenen und auch in der Folge kommt es immer wieder zu recht eindeutigen Darstellungen. Bava scheut weder Blut und Verunstaltungen und verpasst dem Film so neben dessen Gothic-Horror-Flair gleich noch etwas spekulatives Kapital. Demzufolge musste der Film in den USA auch um einige Minuten erleichtert werden, um die Zuschauerschaft vor allzu rabiaten Darstellungen zu bewahren. Immer wieder verweisen die zahlreichen tricktechnischen Einstellungen jedoch auch auf Bavas ursprüngliche Profession. So werden die beschleunigte Alterung respektive Verjüngung von Katia und Asa im Finale beispielweise fast ausschließlich per Änderungen der Beleuchtung erzielt.

Beide Damen werden übrigens von der Britin Barbara Steele gemimt, die Bava aufgrund ihres sehr eigenen Äußeren unbedingt in der Hauptrolle sehen wollte. Tatsächlich gelingt es Bava beeindruckend, die 23-Jährige trotz gleicher Frisur und gleichen Make-ups zwei unterschiedliche Figuren darstellen zu lassen. Der Kontrast zwischen einer überzeichnet guten Katia und der lüstern bösen Asa trägt den Film maßgeblich. Auch der Brite John Richardson kam als Andre zu seiner ersten Hauptrolle, auch wenn sein überzeichnetes Spiel heute zunehmend dafür verantwortlich ist, dass man dem Film einen unfreiwillig komischen Aspekt andichtet. Ansonsten gibt es mit Ivo Garrani, Andrea Checchi oder Arturo Dominici, der einen tollen Vampirfürst Javutich gibt, einige bekannte Gesichter des italienischen Kinos jener Tage zu sehen.

Kruvajan: Wenn du erst mal 30 Jahre Doktor gewesen bist, dann wirst du auch wissen wie leer und einfältig das Kongressgefasel ist.

Leider schafft es das Drehbuch nicht, die gesamte Spielzeit mit einem konsistenten Spannungsbogen zu überwirken. Während der Film äußerst eindringlich und rasant einsteigt und dabei einige durchaus interessante Handlungsfäden zu weben beginnt, verliert er im Laufe der Spielzeit doch an Schwung und endet letztlich in einem durchaus wenig beeindruckenden Finale. Hier wäre etwas mehr Innovation nötig gewesen, um der optischen Pracht auch einen entsprechenden Inhalt gegenüberzustellen.
Nichtsdestoweniger war DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT für Bava (und auch Steele) der Startschuss für ein große Regiekarriere, die zu großen Teilen auf Fähigkeiten fußen sollte, die bereits in diesem Frühwerk zu erkennen sind. Trotz Ausflügen in anderen Genre sollte der Maestro dem (Gothic-)Horror immer eng verbunden bleiben – was nach einem für das Gerne derart bedeutenden Debüt kaum zu verwundern vermag.

Ein Regiedebüt, das die großen Fähigkeiten Bavas mehr als nur andeutet. Die optische Pracht, die trickreiche Arbeitsweise und die stimmige Konstruktion einer atmosphärisch dichten Welt stellen darüber hinaus die Grundlage für das sich in den folgenden Jahren entwickelnde Genre des italienischen Gothic-Horrors dar.

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