DER TEUFLISCHE

Der Teuflische
Lisa e il diavolo | Deutschland/Italien/Spanien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Bei einem Besuch in einer italienischen Kleinstadt begegnet die Touristin Lisa (Elke Sommer) einem skurrilen Herren (Telly Savalas), der sich gerade eine Puppe anfertigen lässt. Als sie sich kurz darauf in den engen Gassen verläuft, trifft die auf Francis Lehar (Eduardo Fajardo) und dessen Gattin Sophia (Sylva Koscina), welche Lisa mit auf ein angelegenes Schloss nehmen, wo eine Gräfin (Alida Valli) mit ihrem Sohn Maximilian (Alessio Orano) lebt. Als Lisa im Diener Leandro den Puppenliebhaber aus dem Städtchen wiedererkennt, beginnt für sie in Alptraum.

Mario Bavas Gothic-Horror-Revival BARON BLOOD (1972) wurde vor allem auf dem US-amerikanischen Markt zu einem riesigen Erfolg. Folgerichtig bot Produzent Alfredo Leone dem Regista sogleich den finanziellen Rahmen für einen weiteren Gothic-Horror-Streifen an, was Bava nur allzu gerne annahm. War er sein Regieleben lang stets ein sparsamer Regisseur gewesen, sah er sich nun einem beinahe uneingeschränkten Handlungsspielraum gegenüber; finanziell wie künstlerisch. Gemeinsam formulierten Bava und Leone ein Drehbuch, welches dem Inhalt von BARON BLOOD zwar durchaus folgte, formal allerdings sehr viel weniger konventionell ausfallen sollte. Tatsächlich nutzte Bava die ihm gegebenen Möglichkeiten, um einen Film zu drehen, der deutlicher als viele seiner bisherigen Filme auf eine konsistente Storyline verzichtet und sich stattdessen stark auf Emotion und Metaphysik konzentriert.
So opfert der Film seine Verbundenheit zur Realität schon in den ersten Minuten und hinterlegt Savalas Gesicht nicht nur mit dem Antlitz des Teufels, sondern nutzt auch die in seinem Arm ruhende Puppe dazu, die Grenzen zwischen Traum und Realität zu verwischen. So tauchen in Savalas Händen abwechseln eine Puppe und der sich starr gebende Espartaco Santoni auf, was die Aufmerksamkeit des Zuschauenden früh auf die Probe stellt. In der Folge nimmt sich Bava immer wieder die Freiheit, Szenen aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen und jeweils Details zu verändern. Er schafft somit ein löchriges Bild der Wirklichkeit, deren Bestand stets nur bis zum nächsten Schnitt zu reichen scheint. Es ist somit am Rezipienten, jede Einstellung auf Bestaltbarkeit und Tatsächlichkeit abzuklopfen.

Gräfin: Oh, Maximilian, welcher böse Geist bringt dich dazu, solche Worte zu sagen? Hast du denn keinen Stolz?
Maximilian: Nein, ich habe keinen Stolz, wenn es um Dinge geht, die ich gern tue.

Leider wirkt sich dieser Ansatz auch auf die Handlung aus – und zwar durchaus unglücklich. Denn diese jederzeit spürbare Unsicherheit – eine der großen Stärken des Films – verhindert es geradezu, dass die Geschichte zu einem tragfähigen Aspekt des Films werden kann. Da es ohnehin nicht möglich ist, sich auf irgendetwas zu verlassen, bleiben auch die ohnehin überschaubaren Storybausteine nur vage Andeutungen. Was wirklich passiert, was nur erträumt ist, was Vergangenheit ist und was Illusion ist nicht zu unterscheiden. Aber selbst, wenn man sich intensiv in die Geschichte hineinbegibt, bleibt die Handlung rund um eine vergangene Liebe, die Vater und Sohn gleichermaßen erfasste und die heute für Zwist und geistige Verwirrung sorgt, eine blasse. Ein konsistenter Spannungsbogen entsteht so kaum, die finale Auflösung (die den ersten Minuten des Films eigentlich nichts mehr hinzufügt) bestätigt diesen Eindruck überdeutlich.

Aber ein Film von Maio Bava lebt glücklicherweise nicht nur von einer logisch durchdachten Handlung, sondern auch von seiner Ästhetik und seiner Gestaltung. Und in diesem Punkt beweist Bava ein weiteres Mal sein außerordentliches Können. Vielleicht gehören die Aufnahmen im Schloss zu den großartigsten seiner Karriere. Die mondäne Innenausstattung wird Bava-typisch mit einem intensiven Farbspiel ausgeleuchtet, was für unglaublich eindringliche Bilder sorgt. Die obendrein starken Kontraste zwischen Helligkeit und Düsternis unterstützten den Traumcharakter zahlreicher Szenen trefflich und machen den Film zu einem optischen Hochgenuss. Jede Szene wird von der Kamera ernst genommen und immer wieder abwechslungsreich präsentiert. Zusammen mit der stimmigen Ausstattung und den tollen Kostümen, wird der Film zu einem wahrlichen Rausch der Eindrücke.
In der Hauptrolle dient Elke Sommer als gelungene Übermittlerin der Ängste an die Zuschauenden, fallen diese doch ähnlich unverhofft in die Geschichte, wie die Protagonistin. Sommer überzeugte schon in BARON BLOOD vorbehaltlos und belegt ihr Können in DER TEUFLISCHE erneut. Aber auch Genre-Fachfrau Sylva Koscina und der stets in Italowestern auftauchende Eduardo Fajardo funktionieren als zerstrittenes Paar prächtig, auch wenn Exploitation-Ikone Gabriele Tinti als Chauffeur George kräftig dazwischenfunkt. Auch Alida Valli und Alessio Orano tragen als skurriles Mutter-Sohn-Paar gelungen zur mysteriösen Stimmung des Films bei, während US-Amerikaner Telly Savalas hier als Leandro nicht nur eine gelungen verstörende Darbietung abliefert, sondern auch gleich noch sein späteres KOJAK-Markenzeichen, den Lutscher, etablierte.

Leandro: Es ist nicht immer weise, die Vergangenheit aufzuhalten.

Produzent Alfredo Leone dürfte es ob dieser Qualitäten sehr sauer aufgestoßen sein, dass der Film bei seiner Premiere nur höchst überschaubaren Erfolg verbuchen konnte. Um die eingesetzten Mittel zu retten veranlasste er deshalb Nachdrehs, bei welchen er unter Mithilfe von Bavas Sohn Lamberto eine neue Rahmenhandlung erstellte. Der Erfolg von William Friedkins DER EXORZIST (1973) stand Pate für eine Geschichte, in der Elke Sommer zur Besessenen wird, der Robert Alda als Priester zu helfen versucht. Erwartungsgemäß können die neu gedrehten Szenen nicht im Ansatz mit Marios Arbeit konkurrieren und wirken durchweg wie Fremdkörper im Film – der zudem noch mit einigen nicht verwendeten Nacktaufnahmen angereichert wurde. Der im Original durchaus vorhandene Slasher-Charakter des Films (Bava hatte nur ein Jahr zuvor mit IM BLUTRAUSCH DES SATANS (1971) quasi die Genre-Blaupause geliefert) geht hier ebenfalls verloren, sodass man die als LA CASA DELL’ESORCISMO respektive THE HOUSE OF EXORCISM im Jahr 1974 wiederveröffentlichte Fassung getrost ignorieren kann; auch wenn sie die deutlich verbreitetere ist – ein weiteres Indiz dafür, dass Bava mit seiner Hinwendung zur handlungsarmer Metaphysik hier ein wenig zu weit gegangen ist.

Auch wenn der Streifen sicherlich nicht misslungen ist, so ist Bavas Weigerung, dem Film eine wirklich übergreifende Handlung zu spendieren, doch allemal diskutabel. Während Cast und vor allem Optik und Atmosphäre bestechen, bleibt die inhaltliche Verknüpfung dieser Elemente weitestgehend auf der Strecke. Es obliegt so sicherlich dem Geschmack des Zuschauers, ob er nach dem Abspann himmelhoch jauchzend oder leidlich gelangweilt zurückbleibt.

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Eine Antwort zu “DER TEUFLISCHE

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