
DER WÜSTENPLANET
DUNE | USA | 1984
IMDb, OFDb, Schnittberichte
David Lynchs DER WÜSTENPLANET ist wahrlich ein Film, der ohne seine Romanvorlage aus dem Jahr 1965 von Frank Herbert nicht funktioniert; da man ihn ohne vorherige Lektüre quasi nicht versteht. Und dass nicht jeder im Vorhinein die knapp 1.000 Seiten studiert, trug und trägt sicherlich zur in Fachkreisen häufig ablehnenden und in Fankreisen häufig wohlwollenden Rezeption bei. Der Grund dafür, dass der Film für DUNE-Unkundige schwer verständlich ist, ist bekanntermaßen der Produktionsgeschichte geschuldet. Nach dem missglückten Verfilmungsversuch von Produzent Arthur P. Jacobs, vor allem aber dem von Regisseur Alejandro Jodorowsky (dessen Anlauf in der arte-Doku JODOROWSKY’S DUNE (2013) großartig nachgezeichnet wird), wollte der Produzent Dino De Laurentiis zwar den aufstrebenden Regisseur David Lynch nach dessen Erfolgen ERASERHEAD (1977) und DER ELEFANTENMENSCH (1980) wegen seiner extravaganten Ideen verpflichten, ihm aber bezüglich des Final Cut keine freie Hand lassen. Dass aus dem (je nach Quelle) dreieinhalb- bis fünfstündigen Rohschnitt von Lynch dann durch Produzentenhand nur gute zwei Stunden wurden, sorgt für die eingangs erwähnte Schwierigkeit, den Geschehnissen ohne Vorkenntnisse zu folgen.
Und auch in der Form der Kinofassung findet diese Entscheidung ihren Niederschlag: Es gibt Erklärungen, eine Erzählerin, dazu Voiceover, die die Gedankenwelt der Figuren öffnen. Mithilfe dieser Mittel wird versucht, den Zuschauenden in Windeseile die Rahmenbedingungen der Welt DUNE zu vergegenwärtigen; mit mäßigem Erfolg. Dabei ist die Erzählerin durchaus nahe am Sachbuch-artigen Charakter der Romanvorlage, in der ebenfalls regelmäßig Erklärungen und Schilderungen ausgeführt werden. Für Romankenner somit altbekannt, für Filmfreunde jedoch sehr ungewohnt. Das Medium Film bietet genügend andere Wege, Zusammenhänge zu schildern; das schlichte Vorlesen ist sicherlich dem Zurechtstutzen der Spielzeit geschuldet. Und auch die Schauspielenden dürfen sich zurecht limitiert fühlen, wenn zahllose ihrer Szenen gestrichen werden, um ihre Gedanken dann nicht per Mimik oder Spiel, sondern per Voiceover zu vermitteln. Dazu gehen durch die Kürzungen wichtige inhaltliche Zusammenhänge verloren und die Geschichte verliert jeden Rhythmus. Gerade zum Ende hin, wenn Paul zu den Fremen stößt und deren Vertrauen und Ansehen erlangt, ist in der Kinofassung kaum nachzuvollziehen, wie und warum das Alles so vorstatten geht. Die im Roman wichtigen Auseinandersetzungen mit dem Kapitalismus (auch wenn diese auch dort dünn bleibt) oder der Religion werden im Film auf einzelne Sätze reduziert.
Dem gegenüber steht dann ein Design, das deutlich die Handschrift Lynchs verkennen lässt. Alles wirkt etwas düster und verdreht, selbst die prunkvollen Räumlichkeiten haben einen morbid-viktorianischen Stil. Die Harkonnen sind grotesk eklig dargestellt, die Visionen Pauls wirken immer entrückt und kryptisch. Dazu ersann der Produktions-Designer Anthony Masters, der auch schon Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) designte, einen sehr eigenständigen Look, der die Popcorn-Welt von KRIEG DER STERNE (1977) und das düster-realistische Design von ALIEN – DAS UNHEINMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) elegant kreuzt und der Stimmung des Romans so sehr nahekommt. Auch das dürfte ein Grund dafür sein, warum der Film bei Fans der Vorlage um einiges besser wegkommt als bei Unbedarften. Um die Geister noch mehr zu scheiden, existieren noch dir mit Rohmaterial erweiterte TV-Fassung (in der Lynch seinen Namen nicht vorkommen lassen wollte) und seit 2009 auch die Fan-Version „Spicediver-Cut“, die natürlich ebenfalls nicht die Zustimmung Lynchs genießt. Die Kinofassung wurde der teuerste Lynch-Film aller Zeiten, der den Regisseur jedoch tief enttäuscht zurückließ. Für das nächste gemeinsame Projekt von De Laurentiis und Lynch BLUE VELVET (1986) wurden Budget und Gehalt dann dramatisch gekürzt, dafür erhielt der Regisseur jedoch die Hoheit über den Final Cut.