2001: ODYSSEE IM WELTRAUM

2001: Odyssee im Weltraum
2001: A Space Odyssey | Großbritannien/USA | 1968
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ein schwarzer Monolith erscheint in grauer Urzeit und verhilft den Vormenschen zu dem Wissen, dass man einen Knochen auch als Waffe einsetzen kann. Ein schwarzer Monolith wird 1999 auf dem Mond gefunden und erweist sich als uraltes außerirdisches Relikt, dass einen Impuls zum Jupiter sendet. 2001 ist ein internationales Raumschiff auf dem Weg zu Jupiter, doch der Bordcomputer HAL 9000 töte alle Besatzungsmitglieder bis auf Dr. David Bowman (Keir Dullea), der letztlich auf eine unerklärliche Existenz stößt.

1964 legt der zu dieser Zeit 36-jährige Stanley Kubrick mit DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN seinen ersten echten Welterfolg vor. Der finanzielle und rezeptionelle Widerhall sorgte dafür, dass ihm die Türen der diversen Filmstudios sperrangelweit offenstanden und er mit jedem noch so abwegigen Wunsch vorstellig werden konnte. Und Grundlage für sein nächstes Projekt sollte eine Idee werden, die Kubrick bereits während der Produktion zu DR. SELTSAM in den Sinn gekommen war. Denn die Satire auf den Kalten Krieg sollte einst aus der Perspektive außerirdischer Beobachter dargestellt werden, um den ganzen irrationalen Wahnsinn der Militärs und Politiker von außen zu betrachten. Dieses Konzept wurde zwar verworfen, doch der Gedanke, sich einmal der Science-Fiction zu widmen, blieb in Kubrick bestehen. War diese Genre bis dato vor allem den Kommunismus-Paranoia-Theorien der 50er und den wissenschaftsfernen Unterhaltungskonzepten der 60er Jahre vorbehalten gewesen, wollte Kubrick sich diesem Thema nun mit einem sehr viel größeren Ernst und gleichzeitig einer viel poetischeren, irrationalen Herangehensweise widmen.

Dr. Floyd: Vor 18 Monaten wurde der erste Beweis für die Existenz von bewusstem intelligenten Leben außerhalb der Erde entdeckt.

Nach kurzen Nachforschungen erkor er deshalb den britischen Physiker, Autoren und Sci-Fi-Pionier Arthur C. Clarke aus, mit ihm zusammen am inhaltlichen Grundgerüst der von Metro-Goldwyn-Mayer mit zunächst sechs Millionen US-Dollar (am Ende sollten sich die Gesamtkosten auf rund 10,5 Millionen US-Dollar belaufen) budgetierten Produktionen zu arbeiten. Clarke hatte 1953 die Kurzgeschichtensammlung Verbannt in die Zukunft (Originaltitel: Expedition to Earth) veröffentlicht, deren Teilstück Der Wachposten (Originaltitel: The Sentinel) zur Grundlage des gemeinsam entwickelten Drehbuchs werden sollte. Und da Kubrick, der für seine Filme seit jeher auf die Grundlage guter Romane, Erzählungen und (Kurz-)Geschichten angewiesen war, mittlerweile vieles über gute Narration gelernt hatte, arbeitete er dieses Mal auch entscheidend am Drehbuch mit. Und nicht nur das: während Kubrick und Clarke das Filmskript schrieben, entwickelte Clarke parallel einen gleichnamigen Roman, der die Ereignisse weiter ausführte. Kubrick arbeitete ebenfalls an dem Roman mit und so entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit, die immer wieder wechselseitige Überarbeitungen der Entwürfe mit sich brachte.

Und alle diese Überarbeitungen zielen auf ein von Clarke selbst sehr trefflich formuliertes Ziel ab: „Wenn Sie 2001 vollständig verstanden haben, haben wir versagt: Wir wollten viel mehr Fragen stellen, als wir beantwortet haben.“ Der ganze Film ist eine Aneinanderreihung von Szenen und Geschehnissen, die nur schwer in einen gemeinsamen Kontext einzuordnen sind. Jeder dahingehende Versuch scheitert schon nach wenigen Schritten und es bedarf ständig eigener Interpretationen, um einen Sinnzusammenhang zu konstruieren. Kubrick und Clarke geben dem Zuschauer schlichthinweg nicht genügend Informationen, um eine valide Aussage zu treffen. So ist jeder Betrachter dazu gezwungen (oder auch nicht), seine eigenen Erfahrungen und Ansichten einzubringen, um zu seiner eigenen Interpretation zu gelangen.

HAL: Kein Computer der Serie 9000 hat jemals einen Fehler gemacht oder unklare Informationen gegeben.

Nichtsdestotrotz gibt es einige Sujets, die sich recht deutlich herauslesen lassen. Der Monolith, der auf dem Mond klar als außerirdisch benannt wird, nimmt Einfluss auf die Geschicke der Menschheit. Er bringt den Vormenschen eine folgenschwere Erkenntnis und begleitet das Verleben Bowmans im Finale. Des Weiteren deutet schon der berühmteste Match-Cut der Filmgeschichte, der Knochen der zum Raumschiff wird, eine Progression an, die sich an vielen Stellen wiederfindet: Die Waffe als erste und der Supercomputer als letzte Erfindung des Menschen, grundlegende Entwicklungsschritte einer Zivilisation und natürlich die grandiose Alterungs-Montage von Bowman am Ende. Andere Elemente wie die Wiedergeburt Bowmans (und somit der Menschheit?), die Motivation von HAL oder die Beweggründe der Außerirdischen (oder der Gottheit?) bleiben hingegen unklar, rätselbehaftet, interpretationsfordernd. Die psychedelische Sequenz, die Bowman am Jupiter widerfährt, treibt dieses Konzept schließlich auf den Höhepunkt und lässt den Zuschauer völlig in eigene Empfindungen abdriften.
Es ist dieses wundervoll freie und offene Konzept, welches den Film zu einer so ungezwungenen Erfahrung macht. Jegliches Rätseln und Raten, um die vermeintliche Intention des Urhebers zu erkennen, wird hier obsolet. Stattdessen erlaubt der Film es seinem Rezipienten tatsächlich, seine eigenen Meinungen und Empfindungen zur Grundlage einer Deutung zu machen. Was in Literatur und Kunst allenthalben üblich ist, wird durch Kubrick auch endlich mal in der Kunstform Film genutzt; und das nicht in einer kleinen Independent-Produktion, sondern in einem der teuersten und erfolgreichsten Filme des Kinojahres 1968!

Und die enge Verknüpfung zur Kunst und Musik wird natürlich auch in den Formalia des Films deutlich. Die Unterteilung in vier Akte entspricht klassischer Opern-Struktur und die Idee, die ersten Minuten in völliger Finsternis mit György Ligetis Atmosphères zu verbringen, kündet ebenfalls von einer ähnlichen Herkunft. Richard Strauss Also sprach Zarathustra oder Johann Strauss An der schönen blauen Donau wurden durch die Verwendung in diesem Film zu popkulturellen Klassikern und sorgen für eine unbegreifbare Tragweite der Geschehnisse. Sie untermalen zudem die Ruhe und den Takt des Films, der sich aufgrund der sehr reduzierten Nutzung von Sprache eben an der Musik orientieren musste, um einen Rhythmus zu finden. Umso unruhiger wirkt folglich die Verwendung von menschlichen Atemgeräuschen für spannende Szenen, die den Film dann auch noch seines einzigen Maßstabs beraubt.

Dr. Smyslov: Bei uns gibt es ein Sprichwort: Wenn ein Problem gelöst werden kann, ist es sinnlos sich darüber Gedanken zu machen. Wenn es nicht gelöst werden kann, ist denken auch nicht gut.

Des Weiteren war Kubrick sehr daran gelegen, seinen Film von den oftmals fantasievollen, aber unrealistischen Schauwerten anderer zeitgenössischer Science-Fiction-Produktion abzuheben. Ein intensives Studium der Raumfahrt führt ihn letztlich zu Douglas Trumbull, der dann maßgeblich an den bahnbrechenden Spezialeffekten des Films beteiligt sein sollte. Trumbull, der später mit LAUTLOS IM WELTRAUM (1972), UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART (1977), STAR TREK – DER FILM (1979) und DER BLADE RUNNER (1982) Berühmtheit erlangen sollte, sorgte dann mittels teils visionären Trickeffekte (darunter auch die der Rückprojektion in Sachen Qualität deutlich überlegene Frontprojektion) für einen Look, der die folgenden großen Science-Fiction-Produktionen maßgeblich beeinflussen sollte. KRIEG DER STERNE (1977), STAR TREK – DER FILM (1979) und ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) orientieren sich in ihrem Artdesign allesamt mehr oder minder an Trumbulls Ideen und unterstreichen die Vorreiterrolle von 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM so eindrucksvoll. Alles wirkt realistisch und glaubwürdig, der realitätsferne Humbug früherer Jahre scheint wie weggespült. Selbst das psychedelische Finale driftet nicht in Kitsch ab, sondern erweckt tatsächlich den Eindruck fremder Sphären und Einflüsse.

Es liegt im Wesen eines so auf seinen Inhalt und seine Form bedachten Films, dass seine Darsteller nur kleine Rollen einnehmen. Neben der Figur HAL 9000 ist es vor allem Keir Dullea als Dave Bowman, der dem Zuschauer etwas Anknüpfung gewährt. William Sylvester schafft als Dr. Heywood Floyd aufgrund seiner undurchschaubaren Rolle eher Distanz und alle anderen Figuren werden quasi zu bloßen Statisten degradiert. Die erwähnte Zentrierung auf HAL unterstützt diesen Eindruck, ist der Supercomputer doch die mit Abstand bekannteste Rolle des Films.

Reporter: Haben Sie jemals darunter gelitten, dass Sie, trotz Ihrer enormen Intelligenz, von Menschen abhängig sind, um Ihre Aufgaben ausführen zu können?
HAL: Nicht im Geringsten. Ich arbeite gern mit Menschen.

Aber nicht nur das Elektronenhirn hat sich seit 1968 unaufhaltsam seinen Weg in das popkulturelle Gedächtnis der Menschheit gebahnt. Unzählige Elemente des Films sind heute fester Bestandteil der kulturellen Rezeption. Das Neugeborene im All, der Match-Cut zwischen Knochen und Raumschiff, die Farbwände des Douglas Trumbull, die Stücke der beiden Strauss‘ oder die Einstellung mit den beeindruckten Vormenschen: 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM ist ein Film, der wie kaum ein anderer Motive und Inhalte an die Filmwelt weitergegeben hat – ohne selber wirklich selbige anzubieten.
Diese Nicht-Interpretierbarkeit sorgte dann auch dafür, dass Publikum und Kritiker nach der Veröffentlichung zunächst sehr verstört reagierten und der Film nur bescheidenen Erfolg verbuchen konnte. Erst nachdem die Menschen verstanden, was Kubrick und Clarke hier vorhatten, was 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM eigentlich darstellt, stellte sich ein immenser Erfolg ein, der den Streifen sowohl künstlerisch als auch finanziell zu einem Werk von Weltrang machte. Bis heute wird der Film geliebt, gehasst, interpretiert und zitiert. Und einen besseren Anhaltspunkt dafür, wie großartig dieses Werk ist, gibt es wohl nicht.

Kubricks formal bahnbrechender Versuch, die Interpretation eines Films voll und ganz in die Hände des Rezipienten zu legen, ist bis heute einer der einflussreichsten und meistzitierten Filme der Geschichte. Seine höchste Relevanz für das Science-Fiction-Kino ist unbestreitbar und auch andere Filmgenres sowie die Popkultur als solche zehren noch heute von seiner schieren Brillanz. Ein Meisterwerk!

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6 Antworten zu “2001: ODYSSEE IM WELTRAUM

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