
Vernetzt – Johnny Mnemonic
Johnny Mnemonic | Kanada/USA | 1995
IMDb, OFDb, Schnittberichte
William Gibsons Neuromancer-Trilogie (1984-1988) ist bekanntlich die Grundlage aller Cyberpunk-Welten. Und wie bei so vielen komplexen und erfolgreichen Fantasy- oder Science-Fiction-Stoffen wurde auch hier eine Zeit lang in jeder Adaptionsdiskussion der Terminus unverfilmbar vorgebracht. Gibson selbst und vor allem der Künstler Robert Longo (dessen Fotoserie Men in the cities von 1980 übrigens eine überraschende Ähnlichkeit mit den bullet-time-Sequenzen aus MATRIX (1999), dessen Schöpfers Neuromancer und Longo wohl auch kennen dürften, aufweist) besorgten sich dann aber 26 Millionen US-Dollar, um eine Kurzgeschichte Gibson, die auch im Neuromancer-Universum spielt, als Low-Budget-Kunstfilm umzusetzen. Während der Produktion landete ihr Hauptdarsteller Keanu Reeves mit SPEED (1994) allerdings einen großen Erfolg und so entschieden die Produzenten, dass das Projekt massentauglich werden müsse. Es folgten Umschnitte, ein enttäuschter Robert Longo und ein Ergebnis, das die epochemachende Vorlage nur ansatzweise wiederzugeben vermag.
Was durchaus gelingt, ist die Darstellung der Orte. Die Exposition in Beijing wählt mit der neondurchfluteten Großstadt Ostasiens einen Hotspot der Cyberpunk-Ästhetik. Dazu ein Luxushotel inklusive weitläufiger Lobby, das funktioniert. Auch die diversen Bars und Clubs inklusive skurriler Charaktere sowie eine Industriebrache in der Nähe einer Ostküstengroßstadt sind stimmungsvolle Locations, die die sprawl-Atomsphäre trefflich wiedergeben. Allerdings lassen es die Straßen, Gassen und Schächte, die diese Orte verbinden, an Belebtheit, ja, an Größe mangeln. Außer im provisorischen Krankenhaus gibt es quasi nie Menschenansammlungen zu sehen, die wuchernde Größe der Städte der nahen Zukunft ist selten zu spüren; hier setzt das Budget sicherlich Limitierungen. Dafür folgt der teils ruppige Wechsel zwischen den einzelnen Handlungsorten durchaus der literarischen Vorlage von 1984.
Innerhalb dieser Welt gibt es dann eine Vielzahl an Figuren, die auffällig oft von bekannten Mimen gegeben werden. Keanu Reeves als Hauptrolle Johnny wird von Dina Meyer flankiert, die zwei Jahre später in STARSHIP TROOPERS (1997) glänzen sollte. Ice-T spielt einen technologiefeindlichen Außenseiter, Takeshi Kitano den spät geläuterten Konzernchef und Dolph Lundgren den absurden Straßenprediger. Black Flag-Frontmann Henry Rollins, der ein Jahr zuvor in HIGHWAY HEAT (1994) zu sehen war, darf die technologiekritischen Standpunkte vertreten und Udo Kier den zwielichtigen Auftraggeber geben. Als im Netz lebender Geist einer Firmengründerin gibt es gar Barbara Sukowa, die in Fassbinders LOLA (1981) oder Margarethe von Trottas DIE BLEIERNE ZEIT (1981) und ROSA LUXEMBURG (1986) die Hauptrollen spielte, zu sehen. Hätte Longo diese Schauspieler für seine ursprüngliche Idee zur Verfügung gehabt, was hätte das geben können …
Sorgen Johnnys moralischer Zwiespalt und die Auseinandersetzung mit einer möglicherweise durch zu viel Technologie verursachten Krankheit zwischenzeitlich für Spannung, so neigt sich der Film zum Ende hin dann immer mehr der simplen Unterhaltung zu. Wenn ein Delphin per Gedankenkraft den „Ich bin Jesus“-brüllenden Lundgren verbrennt, ist das trotz der gelungenen Kulissen, in denen dieses Schauspiel stattfindet, schon sehr abseitig. Und wenn dann der Brand in der Zentrale jenes Konzerns, der die Welt unterjochen wollte, weniger wichtig ist, als ein Schlussgag, bei dem sich die verbrannte Leiche noch mal erhebt, allerdings nur, um von Aufräumenden entsorgt zu werden – ja, dann kann einem Robert Longo wirklich leidtun …