LADY FRANKENSTEIN

Lady Frankenstein
La figlia di Frankenstein | Italien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Baron Frankenstein (Joseph Cotton) erweckt ein Wesen, das überwiegend aus Einzelteilen von Leichen zusammengebastelt ist. Doch anstatt zu gehorchen, tötet das Wesen den Baron und terrorisiert die Bürger der nahen Stadt. Nun ist es also an Tania (Rosalba Neri), der Tochter des Barons, der Kreatur Einhalt zu gebieten, was diese mittels eines weiteren künstlichen Wesens zu schaffen versucht …

Der in New York geborene Mel Welles errang vor allem als Schauspieler einiges an Aufmerksamkeit; so unter anderem im Corman-Reißer ATTACK OF THE CRAB MONSTERS (1957) oder als Mushnick im ebenfalls aus Cormans Feder stammenden KLEINER LADEN VOLLER SCHRECKEN (1960). An letzterem durfte er sich dann auch erstmals als – noch ungenannter – Ko-Regisseur versuchen und in der Folge mit SCHARFE SCHÜSSE AUF JAMAIKA (1965) oder DAS GEHEIMNIS DER TODESINSEL (1967) durchaus launige Regiearbeiten abliefern. Anfang der 70er Jahre wollte Welles dann eine mit Sex und Crime aufgepeppte Version von Bram Stokers Dracula zusammenbasteln, was jedoch kurzfristig an diversen rechtlichen Problemen scheiterte.
Also wurden die Autoren Dick Randall, der zuvor vor allem als Produzent von allerlei italienischen Schmuddelwerken in Erscheinung getreten war, und Edward Di Lorenzo kurzerhand damit beauftragt, eine ähnliche Geschichte rund um Mary W. Shelleys Frankenstein zu konzipieren, waren Darsteller und Requisiten doch schon größtenteils gebucht respektive gebaut. Das Ergebnis, das die beiden Herren Autoren dann in kurzer Zeit erwirkten, kann dabei durchaus beeindrucken, bietet es doch neben kurzweiliger Gothic-Horror-Unterhaltung auch einige eigenständige Ansätze.

Charles: Aber sollte der Mensch es nicht Gott überlassen, Leben zu schaffen?
Frankenstein: Auf Erden ist der Mensch Gott.

Grundlegend handelt es sich um eine flotte Abwandlung des Frankenstein-Sujets, welches mittels der Tochter des berühmten Wissenschaftlers in Richtung Erotik gedrückt werden soll. Tania Frankenstein ist lasziv, schlau und gerissen und holt sich so stets das, was sie will. Was zunächst vordergründig-exploitativen Mechanismen geschuldet scheint, entpuppt sich jedoch schnell als auffällig emanzipierte Darstellung, die Fräulein Tania zu einer beeindruckenden weiblichen Variation der Gattung Mad Scientist werden lässt.

Schon bei ihrem ersten Auftreten beschwert sich Tania über die veralteten Frauenbilder, die die Herren an der Universität pflegen würden, und verlangt von ihrem Vater und dessen Gehilfen, auf Augenhöhe behandelt zu werden. Als ausgebildete Chirurgin bewegt sie sich auf hohem wissenschaftlichen Level und steht den Kerlen somit in nichts nach. Darüber hinaus ist Tania über den gesamten Film hinweg eine eigenständig handelnde Person, die die übrigen Männer für ihre Zwecke nutzt und bei Bedarf auch gegeneinander auszuspielen vermag. Allein dieser Umstand macht den Film schon mehr als sehenswert.
Gegeben wird diese starke Dame dann von Rosalba Neri, die das italienische Kino seit den frühen 60er Jahren bereicherte und 1969 in Ottavio Alessis Sleaze-Reißer SKLAVEN IHRER TRIEBE die Hauptrolle gab. Neri zaubert dabei eine wundervolle Darbietung aufs Parkett, die stets auf dem schmalen Grat zwischen Schmuddel und Anmut balanciert. Gleiches kann man von US-Star Joseph Cotton, seit CITIZEN KANE (1941) und DER DRITTE MANN (1949) weltberühmt, leider nicht behaupten, bleibt ihm doch als Baron Frankenstein schlicht zu wenig Zeit, um sein Können wirklich zu offenbaren.

Frankenstein: War es sehr schwierig?
Tom: Nicht schwieriger als ‘ne Pulle Whiskey auszutrinken; und das hat mir noch nie Schwierigkeiten gemacht.

Die bekommt wiederum Herbert Fux, der hier als überaus schmieriger Grabrüber Tom ganz groß auftrumpfen darf. Fux gibt seine aus zahllosen Streifen bekannte Paraderolle hier ein weiteres Mal nahezu perfekt und krönt seine eigene Leistung mit der Empfehlung an Tania, dass die sich nach dem Beischlaf mit ihm nur ein heißes Bad nehmen müsse, um sich wie neugeborenen zu fühlen. Selbstreflexion par Excellence! Schmuddel-Fachmensch Paul Muller bleibt als Laborgehilfe und Liebes-Hälfte Charles leider eher blass, wird dahingehend aber noch von Freizeit-Schauspieler Mickey Hargitay übertroffen, der sich nach DIE LIEBESNÄCHTE DES HERKULES (1960) oder SCARLETTO – SCHLOß DES BLUTES (1965) anscheinend zur Schauspielerei berufen fühlte.

Die von Welles zügig inszenierte Geschichte findet dann in durchaus gelungenen Kulissen statt, unter denen vor allem das toll gestaltete Labor der Familie Frankenstein hervorsticht. Überall leuchtet und blubbert es in bunten Farben vor sich hin und wenn das Wesen sich dann erhebt, ist ohnehin klar, wohin die Reise geht. Mit einer fantastisch-albernen Maske bewaffnet stürmt das Geschöpf fortan durch die Gegend und meuchelt mit Vorliebe nackt umherhüpfende Mädels. Wo es nur geht, versucht der Film mittels durchaus beachtlicher Gewaltszenen oder zufällig entblößter Körperteile Schauwerte zu erzeugen und hat dabei einigen Erfolg. Das der geist-behinderte Thomas dann während des Beischlafs erstickt wird (was Tania nicht am Höhepunkt hindern kann), ist nur einer der so gearteten Höhepunkte, die der Film auffährt.

Tom: Trinken Sie auch einen?
Tania: Es ist mir noch zu früh.
Tom: Mir ist es nie zu früh, für nichts!

So vergehen die knapp 90 Minuten wie im Flug und sobald der Streifen vorbei ist, muss man konstatieren, dass er erstaunlich gute Unterhaltung geboten hat. Sex und Gewalt in tollen Kulissen, von einem netten Cast präsentiert und mit einem ordentlichen Schuss Feminismus abgeschmeckt. Letztlich verdient der Streifen somit deutlich mehr Beachtung, als ihm die oftmalige Rezeption als billigem Horror-Exploiter zukommen ließ/lässt.

Eine gehörige Portion an Sex und Gewalt in tollen Kulissen sorgt schon für gute Genre-Unterhaltung, aber Rosalba Neris erstaunlich emanzipierte Rolle als Frankensteins Tochter macht den Streifen zu einem echten Hingucker.

Eine Antwort zu “LADY FRANKENSTEIN

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