EIN STREUNENDER HUND

Ein streunender Hund
Nora inu | Japan | 1949
IMDb, OFDb, Schnittberichte

KEIN BEDAUERN FÜR MEINE JUGEND (1946) und EIN WUNDERSCHÖNER SONNTAG (1947) verhandelten zunächst Gemeinschaft und dann Individualismus im Nachkriegsjapan. In ENGEL DER VERLORENEN (1948) richtet Akira Kurosawa den Blick dann auf die Gesellschaft und ihren Umgang miteinander und in EIN STREUNENDER HUND (1949), gemeinhin als Kurosawas erster Beitrag zum florierenden Film Noir betrachtet, widmet sich der Regisseur und Drehbuchautor nun der Frage nach der Verantwortung des Einzelnen. Der junge Polizist Murakami, der selbstverständlich von Kurosawas Dauerhauptdarsteller Toshirō Mifune verkörpert wird, geht seiner Dienstwaffe qua Diebstahl verlustig und muss miterleben, wie seine kurze Unachtsamkeit zur Folge hat, dass mit der Waffe Überfälle begangen, Menschen getötet und letztlich gar enge Freunde verletzt werden. Das Skript nimmt dabei keine großen Umwege in Kauf, sondern bewegt sich eng entlang dieser ansteigenden Spirale aus mit der Waffe verübten Missetaten und Murakamis Auseinandersetzung mit seiner Mitverantwortung daran. In der Auseinandersetzung mit seinem Cop-Buddy Sato (Takashi Shimura, Kurosawas zweiter männlicher Stammdarsteller) wird erörtert, ob die Vielzahl der zirkulierenden Waffen in Tokio nicht ohnehin Gewalt ermögliche oder ob die verfolgten Kriminellen grundsätzlich schlecht seien oder erst durch ihre Lebensumstände schlecht würden.

War Tokio in ENGEL DER VERLORENEN noch der giftige Sumpf, ist es nun durch omnipräsente Armut und sengende Hitze charakterisiert; alle Figuren schwitzen, ständig wird sich die Stirn betupft. Die Menschen leider unter der Hitze, aber auch unter dem Druck, der sich aus Armut und Aussichtslosigkeit ergibt. Um eine Waffe zu erlangen, geben die Kriminellen ihre Essenmarken her, Yuso lebt in einem Loch, das eines Menschen nicht würdig ist, das Nachkriegsjapan ist hier voll von Alkohol, Prostitution und düsteren Yakuza. Harumi (Keiko Awaji) verkörpert zudem das Abwenden von Polizei und Rechtsgläubigkeit, das aus dieser Lebenssituation erwächst. Im Finale wird die bereits erwähnte Frage nach der Bedeutung der Lebensumstände dann auch visuell überdeutlich, wenn Murakami und Yusa nach zähem Kampf wie Zwillinge nebeneinanderliegen. Dass der eine kriminell und der andere gesetzeshütend durch Leben schreiten ist lediglich das Ergebnis kleiner Begebenheiten im Leben, nicht etwa bewusste Entscheidung oder gar Veranlagung.

Während die Frage nach Verantwortung also teils offen bleibt, wird die Frage nach der Rolle in der Gesellschaft klar (und ungemein modern) beantwortet: Der Mensch ist hier Produkt seiner Umwelt, die Gestaltung seines Lebensweges liegt kaum in seinen Händen. Formal fasst Kurosawa diese Erkenntnisse in weitenteils ruhige und stimmige Bilder eines düsteren Nachkriegstokio. Dunkelheit und Regen dienen als Gradmesser der Emotionen, vieles wird in drückend-engen Umgebungen verhandelt. Außer dem Baseball-Stadion gibt es kaum extravagante Locations, die Frage nach Verantwortung und Selbstbestimmung stellt sich eben in Kneipen, Wohnzimmern und Hotellobbys. Berühmt geworden ist Murakamis knapp zehnminütiger Streifzug durch die verschiedenen Viertel Tokios, bei der er in zerrissener Kleidung die Aufmerksamkeit der Waffenhehler zu erwecken sucht. Zu hören sind fast nur die Geräusche der Straße, niemand spricht, nur Blicke sorgen für etwas Kommunikation. Dieses ziellose Wandeln sucht nach genau dem kleinen Zufall, der unbewussten Begegnung, der Auswirkungen auf ein Leben der ganze Film verhandelt; und natürlich tritt dieser Moment im Film wie im Leben stets ein – in welcher Form auch immer.

3 Antworten zu “EIN STREUNENDER HUND

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