KEIN BEDAUERN FÜR MEINE JUGEND

Kein Bedauern für meine Jugend
Waga seishun ni kuinashi | Japan | 1946
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Auch Kurosawas erster Nachkriegsfilm, KEIN BEDAUERN FÜR MEINE JUGEND, ist noch gänzlich von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Die Handlung beginnt im Jahr 1933 und zeigt brutale Übergriffe der Faschisten auf Studentendemonstrationen. Inspiriert durch eine wahre Begebenheit an der Universität Kyotos, wo ein Jura-Professor wegen marxistischer Ansichten suspendiert wurde, was Demonstrationen hervorrief, die wiederum unterrückt wurden, zeigt Kurosawa Bilder, die halb-dokumentarisch, halb-dramatisierend ins Geschehen (Suspendierung, Demos, Riots) einführen. Danach gibt es – eingebettet in eine Liebesgeschichte – eine ebenfalls auf realem Vorbild ruhende Agentengeschichte, die während des Kriegs angesiedelt ist. Im Finale ist der Faschismus besiegt und Professor Yagihara (Denjirô Ôkôchi) erhält sein Amt zurück; die Demokratie obsiegt und die Zivilisation kehrt ins Nachkriegsjapan zurück. Bemerkt sei, dass das japanische Filmwesen zu dieser Zeit unter dem starken Einfluss der US-amerikanischen Übergangs-Administration stand, die einen derart positiv-demokratischen Grundton einforderte; Kurosawa musste sein ursprüngliches Drehbuch mehrfach überarbeiten.

2. Setsuko Hara spielt die Professorentochter Yukie, die eingangs als Repräsentation der schnöseligen Wissenschaftskaste dient. Sie spielt Klavier, frönt dem Müßiggang und die Entscheidung zwischen dem bodenständigen Staatsanwalt Itokawa (Akitake Kono) und dem Revoluzzer Ryukichi Noge (Susuma Fujita) scheint ihre größte Sorge zu sein. Doch nach einigen Jahren verschlägt es sie nach Tokio, wo sie schließlich mit Noge zusammenkommt. Dessen Verhaftung als Spion bringt Yukie ebenfalls in Probleme, der Ernst des Lebens klopft plötzlich an. Nachdem Noge im Gefängnis zu Tode kommt, sieht Yukie – mittlerweile von Symbol zur Hauptrolle gereift – es als ihre Pflicht an, seine Eltern zu informieren und ihnen bei der Feldarbeit zu helfen. Ein Martyrium beginnt, bei dem sich Yukie, verlacht von den Dorfkindern und geschüttelt vom Fieber, auf den Reisfeldern schindet, bis ihre Schwiegereltern ihr und Noge schließlich Absolution erteilen. Zurück bei ihren Eltern erkennt sie jedoch in einer fantastischen Szene, dass ein Lied auf dem Klavier nicht mit dessen von entschlossenen Bäuerinnen und Bauern geschmetterter Version mithalten kann – also schließt der Film mit einer zufriedenen Yukie, die auf der Ladefläche eines LKW Richtung Feldarbeit fährt. Friedliches Schaffen zum Wohle aller, Yukie hat – stellvertretend für Japan – verstanden.

3. Wie erwähnt beeindruckt die Schlussszene auch formal. Kurosawa blendet das müde Klavierspiel langsam in die gesungene Fassung über, Wille und Entschlossenheit werden greifbar. In einer weiteren tollen Szene besucht Yukie immer wieder das Geschäft Noges in Tokio, ohne sich allerdings hineinzutrauen. Ihre zahllosen Anläufe, mal begleitet von Dunkelheit, mal von Regen, mal nur von geschäftigen Passanten, blendet Kurosawa geschickt ineinander über, sodass die Rezipienten ob der Ungewissheit irgendwann an den Nägeln zu klauen beginnen dürften. Aber auch in vielen anderen Momenten wird deutlich, dass der den Schnitt ebenfalls verantwortende Kurosawa mittlerweile einiges an Sicherheit gewonnen hat. Immer wieder gibt es Nahaufnahmen von Gesichtern, die die jeweilige Stimmung intensiv transportieren: die Ablehnung in den Augen von Noges Vater, die Verachtung im Blick seiner Mutter oder die aufrichtige, wenn auch immer noch Liebe versteckende Hilfsbereitschaft Itokawas seien hier als Beispiele angeführt.

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