ENGEL DER VERLORENEN

Engel der Verlorenen
Yoidore tenshi | Japan | 1948
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Während Akira Kurosawa mit EIN WUNDERSCHÖNER SONNTAG (1947) einen Blick auf die hoffnungsvollen Details des zerstörten Nachkriegstokio warf, kommt ENGEL DER VERLORENEN, von dem der Regisseur sagt, es sei sein erster wirklich eigener Film, durchaus pessimistischer daher. Reichte im Jahr 1947 noch etwas persönliches Glück, um die Ruinen vergessen zu machen, steht nun die Frage im Raum, wie die japanische Gesellschaft mit dem verlorenen Krieg umgehen soll. Dazu zeichnet Kurosawa ein (Studio-)Tokio, das vor allem aus engen Gassen, zahllosen Baracken und einem zentralen Sumpf besteht. Dieser bringt den Anwohnern Typhus und Tuberkulose, steht sinnbildlich für schmutzige Überbleibsel des Krieges: Faschismus, Militarismus, Nationalismus. Daneben gibt es in der Stadt aber auch US-amerikanische Nachtclubs, die nicht nur die Wirkung der Besatzung Japans darstellen, sondern gleichzeitig die stilistische Bindung an Film Noir und Poetischen Realismus aufzeigen.

2. Film Noir und Poetischer Realismus prägen vor allem Takashi Shimura als Doktor Sanada. Der grundsätzlich Hilfsbereite ist gleichzeitig ein hoffnungsloser Säufer, er ist sich seines Siechtums bewusst, versucht aber trotzdem, heilend auf seine Umwelt einzuwirken. Die jedoch nimmt die Hilfe kaum an, Schmutz, Suff und Lottertum scheinen übermächtig. Es ist letztlich der Yakuza Matsunaga, der Sanada als perfektes Ziel seiner Bemühungen dient. Der von Toshirō Mifune (in dessen erster von vielen Zusammenarbeiten mit Kurosawa) gegebene, an Tuberkulose erkrankte Hitzkopf erfährt fortan – trotz zahlreicher Streits – Sanadas volle Aufmerksamkeit. Das von Kurosawa häufig verwendete Meister-Schüler-Verhältnis schwankt hier mehrfach hin und her und wirkt nie ganz trittfest. Hauptgrund dafür ist Matsunagas Zugehörigkeit zu den Yakuza und damit zu einem althergebrachten System von Ehre und Gesicht. Dem intensiven Spiel der beiden Mimen ist es aber zu verdanken, dass diese wendungsreiche Beziehung den Film spielend trägt und bis zum Ende spannend hält.

3. Wäre die Beziehung zwischen Sanada und Matsunaga alleine einen Film wert, erzeugt Kurosawa mittels des Obergangsters Okada (Reisaburō Yamamoto), der wiederum der Ex von Sanadas Gehilfin Miyo (Chieko Nakakita, die Masako aus EIN WUNDERSCHÖNER SONNTAG) ist, eine bestechende Dreiecksbeziehung. Denn um seinem Patienten wirklich zu heilen, muss Sanada nicht nur gegen die Tuberkulose kämpfen, sondern auch gegen die überkommenen Gesellschaftsstrukturen der Yakuza. Handwerklich verdeutlicht Kurosawa das unter anderem, indem er Okada zur Filmmitte am sumpfigen Tümpel erscheinen lässt – quasi das patriarchale Ding aus dem Sumpf! Miyo erlebt in der Praxis indes eine gleichberechtigte Welt, in der Sanada sie lautstark gegen die Besitzansprüche Okadas verteidigt.

4. Der Film bietet zahlreiche inszenatorische Höhepunkt, darunter Matsunagas Fiebertraum am Meer, die schwüle Hitze des Nachtclubs oder die zahlreichen – mal wortlosen, mal wortreichen – Auseinandersetzungen zwischen Arzt und Patient. Heraussticht sicherlich das Finale, in dem sich Okada und Matsunaga geradezu hilflos in Farbe winden, lange Zeit unfähig, den anderen zu erstechen. Trotz ihrer hasserfüllten Gesichter verlieren die gefürchteten Yakuza hier ihre Ausstrahlung und werden zu haltlos Strampelnden in einer sich wandelnden Zeit. Es ist nicht das Althergebrachte, was Sanada am Ende retten kann, sondern eine Studentin, die nicht nur die Tuberkulose besiegt, sondern auch an der Uni Erfolg hat, geht mit Sanada in den Abspann hinein. Weder das alte Japan in Form der Yakuza, noch die US-amerikanische Besatzung in Form der Nachtclubs verspricht Hoffnung, sondern eine junge, moderne, vorwärtsgewandte Gesellschaft in Person einer lebensfrohen Akademikerin.

3 Antworten zu “ENGEL DER VERLORENEN

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