VERGESSENE STUNDE

Vergessene Stunde
Black Angel | USA | 1946
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nach dem mysteriösen Tod der Sängerin Mavis Marlowe (Constance Dowling) fällt der Verdacht schnell auf deren Geliebten Kirk Bennett (John Phillips). Dessen Gattin Catherine (June Vincent) tut sich in der Absicht ihren Gatten zu entlasten mit dem Musiker und Trinker Martin Blair (Dan Duryea) zusammen, der wiederum der Ex von Marlowe ist. Zusammen begeben sie sich in den Nachtclub des zwielichtigen Mr. Marko (Peter Lorre), da sie den Täter in dessen Dunstkreis vermuten.

1946 war die seit Anfang des Jahrzehnts ins Rollen geratene Welle an düster-pessimistischen Kriminalfilmen aus den USA weiterhin auf dem Wege durch die Kinosäle der Welt. Der Film Noir fand mehr und mehr Anhänger und mehr und mehr Nachahmer und wurde so für allerlei Filmemacher und Studios zu einem nicht zu ignorierenden Phänomen. Universal Pictures, zu jener Zeit das kleinste unter den Major Studios, hatte bis dato vor allem mit den einschlägig bekannten Horror-Klassikern rund um diverse Archetypen des Genres und verschiedenen Abenteuer-Produktionen auf sich aufmerksam gemacht, sollte ab Mitte der 40er Jahre aber doch zunehmend auch den Kriminal-Markt für sich entdecken. Für die VERGESSENE STUNDE engagierte man dann Roy William Neill als Regisseur, hatte dieser doch für Universal schon den späten Monster-Klopper FRANKENSTEIN TRIFFT DEN WOLFSMENSCHEN (1943) inszeniert und zuvor mit zahlreichen SHERLOCK HOLMES-Filmen für 20th Century Fox von sich Reden gemacht.
Für DAS HAUS DES SCHRECKENS (1945) – einen der Filme um den britischen Schnüffler-König – hatte Roy Chanslor das Drehbuch geschrieben und auch für Neills Ausflug in die finsteren Bereiche des Kinos sollte dieser wieder den Federkiel in der Hand halten. Als Grundlage stand Chanslor dabei der Roman Black Angel des Noir-Großmeister Cornell Woolrich zur Verfügung. Chanslor nahm sich bei der Adaption einige Freiheiten – und zog so mitunter auch das Missfallen Woolrichs auf sich – schaffte es aber nahezu perfekt, die pessimistische Weltsicht des legendären Kriminalautors in das Drehbuch zu transportieren.

Catherine: Ich glaube, ich habe alles falsch gemacht.
Joe: Ja, die meisten Frauen tun das.

Die Geschichte ist derart düster, dass es einen bei der Auflösung (die der deutsche Verleihtitel in fast schon tolldreister Weise erahnen lässt) beinahe aus den Latschen haut. So böse, so finster kann die echte Welt doch eigentlich nicht sein, oder? Woolrichs jedenfalls ist es und somit auch die von VERGESSENE STUNDE. Neill inszeniert flott und spannend und lässt Martins und Catherines Ermittlungen somit atemlos an einem vorbeiziehen. Dabei stehen die ganze Zeit über genügend Tatverdächtige zur Verfügung, sodass der Twist am Ende tatsächlich sehr gut funktioniert. Die fein gezeichnete Liebesbeziehung zwischen den beiden Protagonisten, nebenbei einer der wenigen Sonnenstrahlen in der schwarzen Welt dieses Films, erhöht die Fallhöhe dabei ungemein und sorgt zwischendurch immer wieder mal für romantische Pausen, in denen der Zuschauer kurz Luft holen kann.

Denn ansonsten jagt der Film seinen Betrachter durch verschiedene Settings, die allesamt – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Film eher der zweiten Produktionsriege entstammt – sehr atmosphärisch in Szene gesetzt sind. Vor allem Mr. Markos Nachtclub tut sich hier hervor, versprüht er doch den allenthalten einen glamourösen und gleichzeitig überaus halbseidenen Charme. Kameramann Paul Ivano fängt das Ganze gekonnt und stimmig ein und zusammen mit Spezialeffekt-Fachmann David S. Horsley bastelte er unter anderem eine Einstellung, in der die Kamera wundervoll von der Straße hinaufsteigt, um dann hoch oben in das Fenster eines Wolkenkratzers einzudringen. Auch abseits der inhaltlichen Wucht eine Szene, die für offene Münder zu sorgen versteht.

Joe: Wann lernt er endlich, dass er nicht so schnell trinken kann, wie die einschenken?

Einzig in Sachen namenhafte Mimen muss sich Neills Film also hinter den großen Konkurrenten jener Tage anstellen. Mit Peter Lorre, der schon im Genre-Grundstein DIE SPUR DES FALKEN (1941) den wundervoll skurrilen Joel Cairo gab, ist zumindest der undurchsichtige Marko mit einem bekannten Gesicht besetzt. Hauptrolle Martin Blair ist mit Dan Duryea ungleich weniger prominent ausgefallen, was dessen Leistung jedoch keineswegs schmälern soll. Als gescheiterter Trinker und letztlich tragischer Mittelpunkt der Geschichte macht er eine durchaus gute Figur. Gleiches gilt June Vincent, die nebenbei noch ihr gesangliches Potenzial unter Beweise stellt. Renommierte Mimen wie Wallace Ford, Genrefreuden aus Tod Brownings Klassiker FREAKS (1932) bekannt, oder Broderick Crawford runden den Cast ab und machen ihn trotz des Fehlens der ganzen großen Namen zu einer runden Sache.
Letztlich liefert Neill mit seiner letzten Regiearbeit, er sollte nur wenige Monate nach der Fertigstellung an der Folgen eines Herzinfarkts versterben, einen sehr schönen Film Noir ab, der vor allem aufgrund seines ausweglosen Pessimismus zu überzeugen versteht. Hier gibt es wirklich kein Licht am Ende des Tunnels, was der Intention von Cornell Woolrichs Vorlage sehr nahekommt. Auch deshalb zählt VERGESSENE STUNDE zu den zwar unbekannteren, aber keineswegs schlechteren Vertretern des Genres.

Hier ist der Name Programm: je weiter der Zuschauer den Ermittlungen der Protagonisten folgt, desto düsterer und auswegloser wird die Situation, bis sie schließlich im finalen Twist den ganzen Pessimismus von Woolrichs Vorlage offenbart. Toll gespielt und gekonnt inszeniert bietet Roy Williams Neills letzte Regiearbeit so überaus gelungene Film Noir-Kost.

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Eine Antwort zu “VERGESSENE STUNDE

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