FREAKS

Freaks
Freaks | USA | 1932
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Tod Browning. Während sein größter Erfolg, DRACULA (1931), das klassische, gothische Horrorkino repräsentiert, steht sein größter Misserfolg, FREAKS (1932), fast schon für das erst Jahrzehnte später auftauchende naturalistische Horrorkino. Auf dem Willen MGMs fußend, den Konkurrenten Universal zu übertrumpfen, ersann Browning – freilich im Verbund mit anderen Autoren – jene Idee, für die John Carpenter über vierzig Jahre später viel Achtung erfahren sollte: Er holte den Horror aus den Schlössern in die echte Welt; in den Zirkus, zwar, aber doch in die Realität. Und er machte anstelle der Geschöpfe der Fantasie echte Menschen zu den Protagonisten.

Letztere sind es dann auch, die im Fokus des Films stehen. Im Prolog bereits mit dem Potenzial, Frauen Schreckensrufe zu entlocken, gebrandmarkt, dauert es danach nicht lange, bis Browning all die auftretenden Menschen mit Behinderungen oder Fehlbildungen zu den Heldinnen und Helden seines Films macht. Sie sind es, die eine intakte Gesellschaft bilden und die vorurteilsfrei miteinander umgehen, aufeinander achten und zu allen Menschen achtsame Kontakt pflegen. Aber der Kontakt zu den beständig feixenden, drangsalierenden und diskriminierenden Menschen ohne Einschränkungen ist dabei von problematischen Repliken geprägt. Der kleinwüchsige Hans (Harry Earles) verliebt sich in die konventionell-große Cleopatra (Olga Baclanova) und weiß sofort, dass ihm Spott droht. Das – sinisteren Plänen geschuldete – Ausbleiben desselben erstaunt Hans dann überaus. Es zeigt sich eine Haltung, die zahllosen schlechten Erfahrungen geschuldet ist. Auf die Spitze getrieben wird das, wenn bei Cleopatras und Hans‘ Hochzeit die Menschen mit Behinderung den berühmten Gesang anstimmen, der Cleopatra zu „einer der ihren“ erklärt und diese dafür in eine Schimpftirade verfällt. All die Ablehnung und die Distanzierungen, die Menschen mit Behinderungen erfahren müssen, werden hier schrecklich greifbar. Der Film hält diese Ebene bis zum Ende konsequent durch; es ist unzweifelhaft, wer hier die „Freaks“ sind.

Neben dieser überdeutlichen Ebene entwirft Browning noch eine zweite, die mit dem Blick der Zuschauendes spielt. Das Auftreten von Menschen ohne Arme und Beine, von siamesischen Zwillingen, von Menschen mit fehlgebildeten Köpfen oder solchen ohne Unterkörper sorgt zwangsläufig dafür, dass Rezipienten auf das von der Norm abweichende Aussehen reagieren. Und auch, wenn diese Reaktionen heute sicherlich anders ausfallen, als bei den teilweise hysterischen Reaktionen zur Zeit der Erstveröffentlichung (Verbote folgten auf dem Fuße), ist FREAKS doch ein Film, der zur ständigen Selbstreflexion auffordert. Besonders deutlich wird das, wenn die Kamera im Finale an der Schulter des an Cleopatras Komplott beteiligten Hercules (Henry Victor) klebt. Durch wundervoll-stimmigen Gewitterregen kriechen die Menschen mit Behinderungen und Fehlbildungen teils mit Messer im Mund auf ihn zu; und so auch auf die Rezipienten. Ihr Sinnen nach Rache ist im Film plausibel, aber das bloße Bild auf der Leinwand wäre ohne Vorkenntnis der gröbsten Effekthascherei schuldig. Diese Diskrepanz durchzieht den Film, ihr Gewahr zu sein, ist ständige Aufgabe der Zuschauenden.

Solch eine Qualität, solch einen Anspruch erreichen wenige Filme. Das Tod Brownings Karriere sich von diesem Film nie wieder erholen sollte, zeigt, wie wenig Zuschauende diesem Anspruch gewachsen waren.

4 Antworten zu “FREAKS

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