DIE SPUR DES FALKEN

Die Spur des Falken
The Maltese Falcon | USA | 1941
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Privatdetektive Sam Spade (Humphrey Bogart) und Miles Archer (Jerome Cowan) bekommen von einer undurchsichtigen jungen Frau (Mary Astor) einen Auftrag, der sich jedoch schnell als Finte herausstellt. Doch da Archer bei den Nachforschungen zu Tode kommt, rückt Spade schnell in den Fokus der Ermittlungen. Dass plötzlich auch noch der zwielichtige Joel Cairo (Peter Lorre) auftaucht, der nach eines mysteriösen Statue sucht, macht den Fall allerdings keineswegs einfacher …

Bereits 1931 und 1936 schufen Roy Del Ruth und William Dieterle für Warner Bros. die Filme THE MALTESE FALCON und DER SATAN UND DIE LADY, die beide auf dem Roman Der Malteser Falke von Dashiell Hammett basierten. Und da man im Hause Warner Bros. sehr darauf bedacht war, die eingekauften Lizenzrechte auf gänzlich auszuschöpfen, bot man auch dem seit 1938 angestellten Drehbuchautoren John Huston 1941 die Möglichkeit, den Stoff ein weiteres Mal umzusetzen. Huston war allerdings der Meinung, dass die Herren Del Ruth und Dieterle mit ihren Filmen viel zu freie Adaptionen vorgelegt hatten und schrieb so selber ein Skript, bei dem der den Roman quasi eins zu eins in ein Spielfilmdrehbuch übersetzte. Zwar fielen einige Nebenfiguren dieser Transformationen zum Opfer, dafür schafften es jedoch die meisten Dialoge Wort für Wort in das Skript.

Brigid: Sam, ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt.
Sam: Wenn du Glück hast, kommst du nach 20 Jahren wieder aus dem Zuchthaus. Dann kannst du mir das alles ja nochmal erzählen. Vorausgesetzt sie knüpfen dich nicht gleich auf an deinem zarten Hälschen.

Das sorgte dann auch dafür, dass auch im Film die Figur des Sam Spade uneingeschränkt im Mittelpunkt steht. Es gibt tatsächlich nur eine Szene, in der Spade nicht auftritt, und in allen anderen Sequenzen ist er sowohl das inhaltliche als auch formale Zentrum der Einstellung. Dabei handelt es sich bei Spade keineswegs um einen sympathischen Heroen, vielmehr ist die Figur, die durchaus stark von den Pulp-Romanen des Raymond Chandler inspiriert ist, eine sehr ambivalente und facettenreiche. Nach außen ist Spade ein eher unmoralischer Typus, der hauptsächlich Interesse an Geld und dem eigenen Vorteil hegt. Aber auch die Beziehung zu der Frau seines Partners, die er nach dessen Tod dann eiskalt stehenlässt, macht deutlich, dass der Hauptcharakter keineswegs ein Strahlemann ist. Das ändert sich zwar im Verlaufe des Films, wenn Spade einige moralische Entscheidung zu treffen hat und durchaus romantische Züge offenbart, doch bleibt die Figur bis zuletzt eine überaus interpretierbare.

Um diesen Hauptcharakter gruppiert der Film dann einen zwar übersichtlichen, aber nichtsdestotrotz undurchsichtigen Cast, der die tempo- und ebenenreiche Geschichte wunderbar in Personen fasst. Mary Astor, seit der Stummfilmzeit eine Ikone des US-Kinos, sucht als völlig undurchsichtige Brigid O’Shaughnessy Ihresgleichen und ist so maßgeblich für Spannung und Wendungen verantwortlich. Peter Lorre als exzentrischer Joel Cairo verpasste der Geschichte den nötigen hauch Exotik, der analog zu den Erzählungen aus dem Fernen Osten etwas Geheimnisvolles transportiert. Sydney Greenstreet darf als korpulenter Gangsterboss Kasper Gutman einen Stereotypen des Genres begründen und der von Elisha Cook Jr. gegebene unfähige Revolvermann Wilmer Cook belegt ein weiteres Mal wunderbar, dass in diesem Film nichts so klar ist, wie es zunächst scheinen mag.

Sam: Für einen Privatdetektiv macht es sich bezahlt, wenn er in dem Ruf steht, bestechlich zu sein. Er bekommt mehr Aufträge.

Über all diesen tollen Mimen thront aber unangefochten Humphrey Bogart, der hier mit Sam Spade eine der glasklaren Blaupausen des Privatdetektives liefert. Der Zuschauer wird dabei bezüglich seiner Erkenntnisse von Huston immer geschickt auf dem gleichen Level wie Spade gehalten, sodass der erwähnt ambivalente Bogart den Zuschauer quasi durch den Film führt. Für Bogart, dessen Rolle nach dem Wunsch von Warner Bros. eigentlich von George Raft gegeben werden sollte, der jedoch dankend ablehnte, bedeutete dieser Auftritt dann zusammen mit dem ein Jahr später folgenden Engagement in CASABLANCA (1942) den endgültigen Aufstieg in die A-Riege der Darsteller.
Neben diesen großartigen Mimen ist es dann die von Huston sehr geschickt dargestellte Geschichte, die Spannung und Tempo auf ununterbrochen hohem Niveau hält. Zahlreiche Andeutungen und Halbsätze lassen erahnen, dass die Figuren teilweise deutlich mehr wissen als der Zuschauer, was diesem zahlreiche Möglichkeiten der Interpretation eröffnet. Wenn O’Shaughnessy und Cairo plötzlich in einer grandiosen Szenen zu streiten beginnen und dabei allerlei dem Zuschauer unbekanntes Wissen über die Vergangenheit des jeweils anderes offenbaren, möchte man als Betrachter am liebsten dazwischenplatzen um mit ein paar Fragen nachzuhaken.

Doch das erlaubt einem Huston nicht, der seinen Zuschauer immer wieder von Szene zu Szene treibt. Der Regiedebütant verbindet seine Handvoll Sets mittels schönen Aufnahmen von düsteren Straßen und dunkeln Häusereingängen und bedient sich dabei der Ausleuchtungsmethoden des Deutschen Expressionismus. Zusammen mit den teils finsteren Charakteren und einem durchaus schon spürbaren (wenn auch ungleich schwächer als schon einige Jahre später) Pessimismus wird DIE SPUR DES FALKEN so zum einem absoluten Grundstein des Film Noir und zum Startschuss der sogenannten Schwarzen Serie; obwohl diesbezüglich auch zunehmend Boris Ingsters STRANGER ON THE THIRD FLOOR (1940) Beachtung erfährt. So oder so kommt Hustons Film aber bezüglich Stil und Figuren unzweifelhaft ein immenser Vorbildcharakter, sowohl für die anschließend folgenden Filme der Schwarzen Serie als auch für Detektiv- und Kriminalfilme bis in die Gegenwart, zu.

Sam: Wenn einer von uns bei einem Auftrag umgelegt wird, dann wäre es eine schlechte Reklame, den Mörder laufen zu lassen. Für mich, für die Firma, für alle Privatdetektive.

Dazu trägt auch Adolph Deutschs angenehm düsterer Score bei, der die „schwarze“ Grundstimmung des Films gekonnt auffängt und vor allem die Wanderungen Spades mit trefflichen Klängen unterlegt. Leider wurden diese für die deutsche Synchronfassung allerdings nicht übernommen. Stattdessen bekam der deutsche Kinogänger bei der Veröffentlichung des Films im Jahre 1948 schmissige Jazz-Stücke vorgesetzt. Diese verfehlen allerdings nicht nur die Entstehungszeit des Films um ein paar Jahre, sondern verpassen dem Film auch eine wesentlich beschwingtere und weniger düstere Atmosphäre. Um den Streifen also adäquat und wie intendiert erleben zu können, muss an dieser Stelle unbedingt die Originalversion angeraten werden.
Neben diesem Wermutstropfen gibt es an John Hustons Regiedebut allerdings schlichthinweg nichts auszusetzen und als Genregrundstein gehört der Film ohnehin zum absoluten Kernkanon des Detektiv- und Kriminalfilms bzw. des Film Noir. Bis heute lässt sich seine Wirkung in diversen Neo-Noirs nachvollziehen und es ist auch in diesen Tagen immer wieder eine Freude, Sam Spade bei seinen Ermittlungen zuzusehen; so ist das halt bei Meisterwerken.

John Hustons Regiedebut ist mit seiner grandiosen Besetzung und der unglaublich flott und spannend inszenierten Geschichte wahrlich ein würdiger Grundstein des Film Noir bzw. der Schwarzen Serie. Hier nahm vieles seinen Anfang, was bis heute im Kino von Welt zum guten Ton gehört. Bravo!

3 Antworten zu “DIE SPUR DES FALKEN

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