LOLITA

Lolita
Lolita | USA | 1962
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Schriftsteller Humbert Humbert (James Mason) zieht bei der koketten Witwe Charlotte Haze (Shelley Winters) ein, da er in der Nähe eine Anstellung als Literaturprofessor gefunden hat. Allerdings sind es mitnichten das saubere Zimmer oder das kostenlose Frühstück, welche Humbert zum Bleiben verleiten, sondern die verführerische 12-jährige Tochter von Charlotte: Lolita (Sue Lyon).

Bereits kurz nach WEGE ZUM RUHM (1957) entdeckten Stanley Kubrick und James B. Harris den Roman Lolita des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Beiden waren unmittelbar von dem Stoff verzaubert und sicherten sich zeitnah die Filmrechte an dem Werk. Doch ein Anruf von Kirk Douglas, der 1960 sehr dringend einen Regisseur für sein Projekt SPARTACUS brauchte, ließ Kubrick sein Vorhaben vorerst auf Eis legen. Die Dreharbeiten an dem Monumentalfilm gestalteten sich dann bekanntlich äußerst schwierig und ließen in Kubrick einen starken Widerwillen gegen die Arbeitsweisen der Filmfabriken Hollywoods wachsen. Nicht zufällig sackten der Regisseur und sein Stammproduzent Harris dann die Hälfte des rund zwei Millionen US-Dollar betragenden Budgets für LOLITA bei Metro-Goldwyn-Mayer ein und verzogen sich danach in die Elstree Studios in London, um dort nach eigenem Ermessen arbeiten zu können.

Charlotte: Was halten Sie davon, mir ein paar neue Tanzschritte beizubringen?
Humbert: Ausgeschlossen, Charlotte, ich kenne noch nicht einmal die alten.

Allerdings sollte auch das nicht ganz einfach werden, war doch die Romanvorlage eine äußerst umstrittene, die schon bei ihrer Veröffentlichung 1955 für Aufsehen und Empörung gesorgt hatte. Also arbeitete Kubrick von Anfang an eng mit den Zensurbehörden zusammen, um späteren Problemen frühzeitig aus dem Wege zu gehen. Als Autoren konnte Nabokov selbst gewonnen werden, der dann ein rund 400-seitiges Skript ablieferte, welches dem Roman weitgehend folgt, allerdings einige kleinere Umbauten und Erweiterungen enthält. Die einzige große Änderung besteht darin, dass Humbert nun von Beginn an auch Gefühle für Lolita hat, während er sie im Roman bis zum Finale fast ausschließlich körperlich begehrt. Diese Änderung war nötig, weil eine rein sexuelle Beziehung zwischen beiden auf der Leinwand schlichthinweg nicht darstellbar gewesen wäre.

Mit Sue Lyon, die Kubrick in der TV-Sendung IHR STAR: LORETTA YOUNG entdeckt hatte, fällt die zentrale Besetzung dann äußerst trefflich aus. Die damals 14-jährige versteht die Rolle der Lolita bemerkenswert gut und bringt den lasziven Liebreiz der Figur toll auf die Leinwand. Vor allem, wenn sie im Verlaufe des Films immer mal wieder Härte und Eigennutz durchblicken lässt, entfaltet sie eine beeindruckende Tiefe. Dem gegenüber gibt James Mason, der drei Jahre zuvor in Hitchcocks DER UNSICHTBARE DRITTE (1959) seinen größten Erfolg feierte, einen Humbert Humbert, der Lolita zunehmend verfällt und dabei seine Tugenden und Umgangsformen über Bord wirft. Ist er zunächst noch ein galanter freundlicher Mann der Literatur, wird er im Verlaufe der Beziehung zu dem Mädchen immer mehr zu einem eigenbrötlerischen, eifersüchtigen Kleinkrämer, dem jede Höflichkeit und Eleganz abgeht.

Lolita: Du vergisst mich nicht!

Hollywood-Starlet Shelley Winters darf als umtriebige Witwe Charlotte begeistern, die Humbert nach allen Regeln der Kunst zu verführen sucht. Der Grund für ihre Wut auf Lolita liegt zweifelsfrei in der Erkenntnis, dass ihre Tochter sie an Schönheit bei weitem übertrifft und als Charlotte diese Vermutung im Tagebuch Humberts bestätigt findet, ist ihr Leben verwirkt. Der Brite Peter Sellers schließlich ist als Clare Quilty oftmals für den Humor und die Hintergründigkeit des Films verantwortlich. Die diversen Verkleidungen in denen Sellers auftritt, machen die bis zum Schluss bestehende Undurchschaubarkeit seiner Rolle deutlich, die diversen Andeutungen seiner sexuellen Ausschweifungen hingegen kontrastieren die ordentliche Fassade Humberts. Alle vier Rollen sind in Lug und Betrug miteinander verwoben, Lolita betrügt Humbert mit Quilty ebenso, wie Humbert Charlotte mit Lolita.
Alle vier Hauptcharaktere sind minutiös gezeichnet und gespielt und sorgen so für beste Unterhaltung, zumal Kubrick sein inszenatorisches Können ein weiteres Mal geschickt nutzt. Auch wenn LOLITA keine allzu extravaganten optischen Spielereien bietet, so ist er doch von auffällig gekonnter Machart. Zahlreiche sehr lange Shots belegen nicht nur das Können der Darsteller (die die meisten Texte improvisierten), sondern auch das von Kameramann Oswald Morris. Kubrick inszeniert indes mit viel Fingerspitzengefühl und holt aus seinen begrenzten Räumlichkeiten – der Film spielt im Grunde ausschließlich in (Schlaf-)Zimmern und Autos – ein Maximum an Atmosphäre raus.

Die Voranstellung des Finals sorgt zudem für eine interessante Konstellation: die Wut, die Humbert augenscheinlich auf Quilty hat, wird im Film kaum thematisiert. Die Treffen beider Figuren bleiben von irritierender Oberflächlichkeit und erst die finale Wendung erklärt den Mord an Quilty. Bis dahin entwickelt der Film aber einen erstaunlichen Spannungsbogen, der über die gesamte Länge kaum einen Hänger zu verzeichnen hat. Der Grund dafür liegt sicherlich auch im subtilen Humor, den Kubrick seinem Werke angedeihen lässt. Humberts Versuche, Charlottes Zuneigung abzuweisen, seine Unfähigkeit, die Augen von Lolita zu lassen oder eben Quiltys scheinbar willkürlich Plappereien lockern die knisternde Stimmung immer mal wieder auf und sorgen für einen angenehmen Kontrast.

Charlotte: Glaubst du an Gott?
Humbert: Die Frage ist, ob Gott an mich glauben will.

Der Film spielte dann mit 3,7 Millionen US-Dollar ein zufriedenstellendes Ergebnis ein, unterlag aber trotz Kubrick oben erwähnter Weitsicht einigen Schnitten und Kürzungen. Nichtsdestotrotz konnten sich Kubrick und Harris mit diesem Projekt endlich von Hollywood emanzipieren und fortan ihre eigenen Wege als Filmemacher beschreiten. Diese Wege verliefen allerdings in unterschiedlicher Richtung, denn tatsächlich sollte LOLITA aber die letzte Zusammenarbeit der beiden Freunde darstellen; Harris widmete sich ab 1965 auch der Arbeit als Regisseur und so war auch die Harris-Kubrick Productions Geschichte. Und während Harris sich mit ZWISCHENFALL IM ATLANTIK (1965) den maritimen Auswüchsen des Kalten Kriegs zuwandte, sollte sich Kubricks nächstes Werk auf die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki beziehen …

Atmosphärische Romanverfilmung, die vor allem von ihren genial geschriebenen Figuren und deren toller Umsetzung durch die Mimen lebt. Zudem der erste Film, den Kubrick in der Ruhe des englischen Exil drehen konnte.

3 Antworten zu “LOLITA

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