PAPRIKA

Paprika
Papurika | Japan | 2006
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Zeichentrickfilm im Allgemeinen und der Anime im Besonderen zeichnen sich bekanntlich durch ein gegenüber dem Realfilm stark variiertes Potenzial an optischen Möglichkeiten aus. Ohne Bindung an die Grenzen der Realität (die die CGI-Entwicklung zwar verschiebt, aber doch eben nicht auflöst) sind dieser Filmform seit jeher Dinge möglich, die Fantasie beflügeln und Surrealismus anregen. Satoshi Kons nach einem Roman von Yasutaka Tsutsui entworfener PAPRIKA kann als idealtypischer Beleg dafür herangezogen werden. Die Geschichte des neuartigen psychotherapeutischen Traum-Untersuchungsgeräts DC-Mini wird so unmittelbar verrückt eröffnet, dass den Betrachtenden bereits in den ersten Minuten des Films die Entscheidung, ob sie sich vorbehaltlos darauf einlassen möchten, abgenommen wird. Konakawas wilder Ritt durch seine Träume zeichnet den Takt der folgenden 90 Minuten vor; alles fühlt sich an, wie der Boden seines kleinen Käfigs in der Manege: durchlässig.

Tsutsui setzt danach auf ein bewährtes Prinzip, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt zunächst noch erkennbar scheinen, dann jedoch mehr und mehr verschwimmen. Was hier Einfluss worauf hat und wer das von wo aus bestimmt, ist völlig undurchschaubar, die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen verändern sich ständig. Die Schlagzahl wird dabei immer mehr erhöht, sodass selbst Zuschauende, die mit dem Ziel antreten, sich einen Reim auf Sämtliches zu machen, nach einiger Zeit die Segel streichen und sich dem surrealen Genuss hingeben sollten.

Deutlich vereinfacht wird dieses Hingeben durch die optische Finesse des Films. Die einzelnen Hintergründe sind wunderbar detailreich gezeichnet und der Einsatz von CGI findet maßvoll und gut integriert statt. Weniger Maß kennen hingegen die schieren Mengen an grandiosen Traumerscheinungen. Die Parade wäre es wert, sie minutenlang im Standbild zu untersuchen, das spätere Zusammenfallen von Wirklichkeit und Traum sorgt für einen wunderbaren Clash von realistischen Stadtszenarien und wahnsitzigen Figuren. Sämtliche kulturelle Einflüsse und Verweise zu erkennen erscheint als Mammutaufgabe.

Hinter diesem mitreißenden Surrealismus steht dann eine Metapher, die deutlich die Entstehungszeit von Roman (1993) und Anime (2006) spiegelt: das Internet als freier Raum der Entfaltung. In ihm kann man (analog zur Traumwelt) tun und sein, was man möchte, es wird alles möglich. Geheime Wünsche finden Ausdruck, düstere Pläne werden umsetzbar. Vor 15 respektive 30 Jahren sorgt eine solche Metapher augenscheinlich noch für weitgehend positive Assoziationen. Auch wenn Inui natürlich düstere Pläne verfolgt, so betont der Film durch seine bunt-fröhlich Optik doch auch stets den positiven Charakter der Parallelwelt; Konakawa (der in einer grandiosen Szene zum Film erklärenden Akira Kurosawa wird) wird durch sie gar geheilt. Es fällt schwer, sich dieser Tage eine ähnlich fröhliche Interpretation vorzustellen. Der Film atmet jene positiv besetzte online-Aufbruchsstimmung, welche heute Hass, Hetze und Überwachungskapitalismus gewichen ist. Für Filmbegeisterte ist es somit ein Segen, dass der 2010 verstorbene Satoshi Kon seinen letzten Anime rechtzeitig fertiggestellt hat.

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