
In den Fesseln von Shangri-La
Lost Horizon | USA | 1937
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Häufig geschrieben, trotzdem richtig: Gelingt es einer filmischen Adaption den Wesenskern der Romanvorlage zu bewahren, so ist sie meist als gelungen zu bezeichnen. Um also James Hiltons Der verlorene Horizont von 1933 angemessen auf die Leinwand zu bringen, durfte sich Frank Capra nicht nur des phantastischen und eskapistischen Gehalts der Vorlage annehmen, sondern musste den Zuschauern vor allem das Zeichen, das Shangri-La darstellt, vermitteln: Der von Ronald Colman gespielte britische Diplomat Robert Conway findet, von den Wirren eines Aufstands in China (oder im Roman vom zerfallenden Nordwestindien) ohnehin von der internationalen Politik und der Feindseligkeit der Menschen ermüdet, in dem unwirklichen Zufluchtsort in Himalaya jenen Platz, an dem persönliche Entwicklung und ein befruchtendes Miteinander möglich sind.
Nach und nach stellen auch Conways Begleiter, die zunächst schnell wieder „in die Zivilisation“ zurückkehren wollen, fest, dass dieser Ort ihnen guttut: Der Paläontologe Lovett (Edward Everett Horton) legt seine anfängliche Angst ab, beginnt Kinder zu unterrichten und Forschung zu betreiben. Der Kriminelle Barnard (Thomas Mitchell) schätzt Shangri-La zunächst nur als Versteck, beginnt aber schließlich mit der Allgemeinheit dienenden Kanalisationsarbeiten. Das von Isabel Jewell gegebene Sternchen Gloria Stone bekommt leider kaum Screentime, was wohl den massiven Kürzungen von ursprünglich 360, über 210 auf letztlich 133 Minuten geschuldet ist. Diese dürften auch der Grund dafür sein, dass John Howard als Roberts kleiner Bruder George zu wenig Spielzeit bekommt. Denn er ist der einzige, der durchweg am Plan, Shangri-La zu verlassen, festhält und letztlich auch seinen Bruder überzeugen kann. 30 Minuten mehr Figurenzeichnung hätten dem Film wohl nicht geschadet, um die unterschiedlichen Position und Beweggründe noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken – aber Capra musste eben auch auf seine Produzenten hören.
Deshalb gibt es mit Sondra Bizet (Jane Wyatt) nun auch ein Love-Interest für Robert, das zudem von der Aufgabe, die Funktion Shangri-Las als Quell weitreichender Jugend zu verdeutlichen, entbunden ist; diese fällt weiterhin der George zugetanen Maria (Margo) zu. Die Gefahr dieser sicherlich von den Produzenten getroffenen Entscheidung liegt darin, dass sie Roberts Zuneigung und spätere Entscheidung für Shangri-La etwas verwischt. Insbesondere ein alternatives Ende, bei dem Sondra auf die Rückkehr Roberts wartet, lässt die Liebe gar in den Vordergrund rücken. Es ist aber eben nicht Liebe, sondern das Glück eines friedvollen und gebildeten Lebens, dass ihn trotz gröbster Widerstände zurückkehren lässt. Dem Roman zu folgen und nur Conway Willen, zurückzukehren, auszudrücken, ohne aber zu klären, ob es auch gelingt, wäre ein für ein derart großes Filmprojekt wohl zu vages Ende gewesen.
Denn der Film war seinerzeit und ist noch heute eine Meisterleistung des Kulissenbaus und der Ausstattung. Shangri-La ist riesig und greift (damals noch recht unbekannte) Elemente buddhistischer Architektur auf, vermischt diese aber der inhaltlichen Aussage des Films folgend mit klassizistischen und europäischen Elementen. Die Aufnahmen von Bergen, Lawinen und Flugzeugen sind überzeugend gelungen, das Archivmaterial ist geschickt eingeflochten. Natürlich gab es einen Academy Award für die geschaffenen Sets, weitere Auszeichnungen und Nominierungen folgten. Die schützten den Film aber nicht vor einer jahrzehntelangen Odyssee, die ihn zum US-Propagandafilm ummodelte, ihn dann verschiedentlich bis auf 66 (Fernseh-)Minuten runterkürzte und nach einer ewigen Restaurationsarbeit schließlich (fast) wieder in den Originalzustand zurückversetzte.
Die Schnitt- und Zensurgeschichte wird so ungewollt zur Metapher für das, was der Hoher Lama (Sam Jaffe) – zunächst kulturpessimistisch scheinend – in seiner zentralen Rede ausführt: Die Welt mag immer mehr in Gewalt vergehen, die Menschen immer ungebildeter werden, die Politik zusehends versagen. Aber Shangri-La ist der Ort, wo Wissen und Humanismus bewahrt werden, um nach dem Zusammenbruch wiederaufzuerstehen. Dieser tröstliche Gedanke einer Renaissance macht den Film gerade heute, da man dem Weltgeschehen mit offenem Munde gegenüberstehen mag, so unfassbar sehenswert.