
Casablanca
Casablanca | USA | 1942
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Michael Curtiz‘ CASABLANCA ist ganz ohne Frage ein toll inszeniertes Melodrama, dass mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman und Paul Henreid in den Hauptrollen ganz vortrefflich besetzt und mittels Versatzstücken aus Komödie, Musical und Western angenehm aufgelockert ist. Die Liebesgeschichte, flott inszeniert und stimmungsvoll fotografiert, bewahrt über weite Strecken ihre doppelte Ebene, bei der die Zuschauenden mehr wissen als die einzelnen Figuren und so deren Reaktionen wunderbar begleiten können. Die Zahl an ikonischen, zur Popkultur gewordenen Szenen und Zitaten ist erstaunlich groß, die zwei bekannten Abschiedsszenen haben quasi einen Standard etabliert. Es ist heute schier unglaublich, dass ein solch gelungener Film aus der Massenproduktion der Warner Bros. – im Jahr entstanden damals rund 50 Filme – herauspurzeln konnte; andererseits bewies ja auch schon der vor und hinter der Kamera erstaunlich ähnlich besetzte DIE SPUR DES FALKEN (1941), dass da jedes Jahre Perlen produziert wurden.
Erstaunlich „zeitgemäß“ fällt hingegen die gen Ende ungerechtfertigte Zurücksetzung der Ilsa (Ingrid Bergman) durch Richard (Humphrey Bogart) aus. Obwohl es Ilsa ist, die Rick schon mal verlassen hat, um an der Seite des Widerstandkämpfers Victor László (Paul Henreid) einer höheren Sache zu dienen, darf ebendieser ihr am Ende nicht nur erklären, dass in solch einer verrückten Welt kein Platz für ihre Liebe ist, sondern im Finale auch noch zum Helden werden, wenn er dieser Erkenntnis dann auch Taten folgen lässt. Eigentlich tut Rick hier aber nur das, was Ilsa ihm vorher mehrfach in Ruhe erklärt hat.
Weiterhin verbirgt sich in diesem finalen Akt auch der Kommentar der Warner Bros. zum Kriegseintritt der USA. Wie Michael E. Birdwell in Das andere Hollywood der dreißiger Jahre darstellt, war das Studio war ja schon in der Zwischenkriegszeit darum bemüht, auf die Umtriebe im nationalsozialistischen Deutschland aufmerksam zu machen. Hier nun ist Ricks langes Bemühen um eine neutrale Haltung bezüglich der Flucht von Ilsa und Victor vor den Nazis als Parabel für das US-amerikanische Zögern vor dem Kriegseintritt zu verstehen. So wird dann die Bedrohung durch Major Strasser (Conrad Veidt) quasi zu Ricks Pearl Harbor und das Erschießen Strassers zum gefeierten Kriegseintritt.
Zuletzt noch ein Wort zum Nicht-Ort Casablanca. Dieser wird von verschiedenen Figuren als gefährlicher, als geheimnisvoller oder als perspektivloser Ort beschrieben. Tatsächlich wurde gar nicht in Casablanca (oder in Marokko) gedreht und das Matte Painting in der Exposition bleibt die einzige Darstellung der Stadt. Casablanca wird so zur Chiffre gleichermaßen für die Unsicherheit und Unklarheit der ersten Hälfte der 40er Jahre wie der Situation vieler (fliehender) Menschen im Zweiten Weltkrieg. Hier sitzen Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Marokkaner, Österreicher, Tschechoslowaken und weitere gemeinsam am Tisch, es entsteht aber nie ein geselliges Miteinander, sondern es herrscht stets Misstrauen und Unsicherheit. Ich bin mir recht sicher, dass neben den Popkultur gewordenen Zitaten vor allem die Stimmung dieses Nicht-Orts Casablanca zum großen Erfolg des Films beigetragen hat.