
Barbie
Barbie | Großbritannien/USA | 2023
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Die Spielzeugfirma Mattel hat 39 BARBIE-Filme produziert, die sich allesamt an ein kindliches bis jugendliches Publikum richten, Nummer 40 sollte nun einen anderen Ansatz wählen und neben der bloßen Vermarktung auch einen zeitgeistigen Blick auf das Produkt Barbie werfen. Dazu tat sich Mattel mit Warner Bros. und Heyday Films zusammen und engagierte als Regisseurin Greta Gerwig, die bereits in LADY BIRD (2017) und LITTLE WOMEN (2019) starke Frauen in Coming-of-Age-Geschichten gezeigt hatte. Margot Robbie in der Hauptrolle und der blondierte Waschbrettbauch-Ryan Gosling sorgten dafür, dass die Werbetrommel sich quasi von alleine rührte.
Und tatsächlich zeichnet der Film in den ersten 30 Minuten einen tollen Kontrast zwischen der humorvoll dargestellten Barbie-Welt und der Realität. Barbie wird in zahlreichen fish-out-of-the-water-Momenten vor Augen geführt, dass die Realität weit von ihrer Erwartung abweichet und ihr vermeintlich positives Image nicht existiert. Höhepunkt dieses Auftakts in Sashas (Ariana Greenblatt) minutenlange Standpauke. Konterkariert wird Barbies Erstkontakt mit dem Patriarchat durch Kens (Ryan Gosling) komplementär verlaufenden Realitätscheck: Er ist von all der Männlichkeit beeindruckt und trägt diese folglich zurück nach Barbieland. Hier rückt der Film dann von der Darstellung der unterschiedlichen Welten ab und konzentriert sich stattdessen auf deren Wirkung auf die Figuren. Sowohl Robbie als auch Gosling zeigen nun ihre Stärken, indem sie den Figuren recht viel Tiefe geben. Barbie wird immer nachdenklicher (und somit menschlicher), Ken wird zur trefflichen Karikatur von angeblicher Männlichkeit. Gloria und Sasha indes erden das bunte Durcheinander mit ihren Diskussionen.
Leider zeigen sich dann aber im letzten Drittel auch die verpassten Chancen. Denn obwohl der Film mittels Humor und toller Tanzeinlagen bis zum Schluss unterhält und die Rede Glorias (America Ferrera), in der sie das Leid vieler Frauen im Patriarchat auf den Punkt bringt, sicherlich aller Ehren wert ist, macht er es sich letztlich doch zu einfach. Zum einen wird suggeriert, dass es schon genügt, das Problem zu erkennen und dadurch automatisch ein „Aufwachen“ stattfindet. Jede Barbie, die auf diese Art bekehrt wird, ist innerhalb einer Sekunde im Bilde, was wirklich zu tun ist, um der männlichen Herrschaft einen Riegel vorzuschieben. Das ist natürlich Quatsch, nach dem Erwachen folgt in der Realität ein harter, langer Weg voller Rückschläge. Und zum anderen wird suggeriert, dass die Frauen, wenn die Männer gerade kämpfen, im Hintergrund wählen und siegen können. Auch diese „einfache Lösung“ hält der Realität leider nicht stand und verheißt einen simplen Trick, der nicht existiert. Hier wäre etwas mehr Ernsthaftigkeit der Schlüssel gewesen, so bleiben die Lösungsansätze gegen das Patriarchat leider auch nur bunte Wunschträume.
Bei genauem Hinsehen weist das Finale allerdings einen Aspekt auf, der eine weitere Diskussion verdient. Ken beklagt sich nämlich bitterlich, dass die Zeit, in der er seine „Über-Männlichkeit“ spielen musste für ihn schrecklich anstrengend war. Wenn hier also offenbar wird, dass auch Männer unter dem Patriarchat leiden, zeigt sich kurz eine wirkliche Zukunftsoption eröffnet: Die Geschlechter müssen sich nicht gegenseitig austricksen, sondern die Verhältnisse gemeinsam ändern!