
Falling Down – Ein ganz nomaler Tag
Falling Down | USA | 1993
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Joel Schumachers FALLING DOWN – EIN GANZ NORMALER TAG (1993) nimmt sich die Freiheit, zugunsten seiner Charakterzeichnung Stringenz und Logik weit in den Hintergrund zu schieben. Der sich über einen Tag erstreckende Spaziergang des von Michael Douglas gespielten William Foster führt sehr schnell zu Handlungen, die eigentlich die Polizei sehr unmittelbar auf den Plan rufen müssten, jedoch passiert das nie. Selbst das Abfeuern eines Raketenwerfers (was Foster nur dank Unterstützung eines Grundschulkindes gelingt) führt nicht zu einer Konfrontation mit der Polizei. Jene irrt ihm stets im gleichen unerreichbaren Abstand hinterher und ist so eher als Hort des charakterlichen Gegenentwurfs, Robert Duvalls Martin Prendergast, zu verstehen.
Debüt-Drehbuchautor Ebbe Roe Smith und Schumacher schaffen sich so eine Situation, in der sie William Foster nach Belieben skizzieren können. Grundsätzlich ist dieser „der Normale“. Er trägt ein Hemd, arbeitet fleißig, kommt trotzdem nicht zu Wohlstand und er stößt sich an allem, was er als abweichend empfindet. Natürlich ist diese Figur mit ihrem Bürstenschnitt und den Tiraden über alles und jeden überzeichnet, aber im Kern ist sie gar nicht so weit weg vom „Durchschnittsamerikaner der 90er Jahre“, wie viele damalige Kinogänger es wahrscheinlich gerne gehabt hätten. Am deutlichsten wird das in jener Szene, in der Foster von einem Neonazi für sein Handeln geadelt wird, sich dagegen aber vehement wehrt und die grundsätzliche Verschiedenheit der beiden betont. Aber auch in vielen kleineren Momenten wird der prototypische Charakter Fosters offenbar. Er ist von vielen Erscheinungen des Los Angeles‘ der 90er Jahre empört: Die grassierende Kriminalität, die Präsenz von Drogen, Armut und Gewalt empören ihn und finden immer wieder in deutlicher Verurteilung (der Symptome, nicht der Ursachen) Ausdruck. Und zuletzt ist da der Ärger mit seiner Partnerin Elizabeth (Barbara Hershey), der – zunächst – ebenfalls im Rahmen dessen abläuft, was wahrscheinlich viele der Zuschauenden kennen; denn William schlägt sie nicht, nimmt keine Drogen und leidet nicht an Alkoholismus, aber trotzdem ist die Beziehung zerrüttet und unglücklich.
Es gibt also viele Momente, in denen Zuschauende nickend konstatieren könnten, dass Foster trotz seiner Gewalttaten doch eigentlich so unrecht gar nicht habe. Dem setzen Smith und Schumacher zwei Dinge entgegen. Zum einen ist da der kurz vor der Pension stehende Polizist Martin Prendergast (Robert Duvalls). Er rastet bei Ansicht der Probleme der Gesellschaft nicht aus, sondern begegnet ihnen gelassen, selbst als sein Chef ihn erst über den grünen Klee lobt, um kurz darauf eingestehen zu müssen, dass er eigentlich nichts über ihn weiß, lächelt Prendergast milde. Das Schimpfen seiner Ehegattin wie seiner Kollegen erträgt er stoisch und auch wenn er sich am Ende gewaltvoll „befreit“, indem er seine Frau zurechtweist und seinen Kollegen k.o. schlägt, bleibt das alles stets humorvoll und nachvollziehbar. Zum anderen richtet Foster seine Gewalt am Ende nicht gegen die gesellschaftlichen Abgründe, sondern gegen seine Familie. Er droht mittels sadistischer Anrufe und jagt Elizabeth samt Tochter auf den Santa Monica Pier. Hier überschreitet er alle Grenzen des Nachvollziehbaren, das zustimmende Nicken der Zuschauenden stoppt spätestens jetzt.
Und dieser späte Wandel ist doch sehr bedauerlich. Es wirkt so, als wollten Smith und Schumacher ihre Rezipienten aus der Pflicht entlassen, sich auch nach Ende des Films mit der Frage zu beschäftigen, warum sie diesen irren Gewalttäter eigentlich so sympathisch fanden, warum sie seine Ansichten eigentlich so gut verstehen konnten. Einem, der Frau und Kind bedroht, pflichtet schließlich niemand bei. Der Böse wird dann abgeknallt und gut. Dabei hätte es vielen sicherlich sehr gutgetan, sich zu fragen, warum sie William Foster eigentlich ganz normal finden.