
Oppenheimer
Oppenheimer | Großbritannien/USA | 2023
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Christopher Nolan zeigt mit OPPENHEIMER (2023) mal wieder seine Fähigkeit, quasi jedweden Stoff mit Schwung und ohne Längen auf die Kinoleinwand zu hieven. Die drei Stunden vergehen wie im Flug, auch wenn der Film – von der obligaten Explosion absehen – fast nur aus Gesprächen in Innenräumen besteht. Zusammen mit der auch schon an TENET (2020) beteiligten Cutterin Jennifer Lame gelingt Nolan erneut ein Fluss, der die verschiedenen Zeiten und Orte spielend miteinander verbindet. Trotz Dutzender Figuren und zahlloser Handlungsfäden verliert man nie den Überblick, immer wieder nutzen Nolan und Lame die Überlappung von Ort und Zeit für spannende Momente: Oppenheimer diskutiert im Bild mit Offizier Boris Pash, während die Zuschauer ein vorheriges Gespräch mit Lieutenant Leslie R. Groves hören, der vor Pash warnt. Das wird so glatt inszeniert, dass man sich glatt wundert, warum Oppenheimer nicht einfach besser hinhört. Großartig! Derlei Spielerein finden sich immer wieder und sie erfüllen über die reine Unterhaltung oder Form hinaus einen Sinn: Sie fordern die Rezipienten dazu auf, gedanklich bei der Sache zu bleiben und das Gesehene und Gehörte zu durchdenken. Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiß oder Überblendungen zwischen Jubel und Atomtod vervollständigen das inszenatorische Repertoire.
Die durch Oppenheimer personifizierte alte Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft ist von Heiner Kipphardt und Friedrich Dürrenmatt ja schon vor Jahrzehnten hinreichend beantwortet worden. Insofern kann der riesige und überaus prominent besetze Cast hier vor allem schauspielerische Highlights setzen. Cilian Murphy gibt einen zerrissenen Oppenheimer, dessen Einsamkeit immer wieder durchscheint, Matt Damon einen erstaunlich verständnisvollen und menschlichen Lieutenant Leslie R. Groves, der am Ende aber natürlich doch „seinem Land“ den Vorzug gibt. Diese und zahllose andere Figuren sind toll gemimt, aber letztlich erwartbar. Wirklich interessant ist Robert Downey Jrs. Handelsminister Lewis Strauss, der als Vertreter all jener gezeigt wird, die Oppenheimer Schlechtes wollen (Oppenheimer „Sie haben mich wegen meiner Vergangenheit angestellt; damit sie mich kontrollieren können“). Nolan zeichnet ihn (wohl nicht ganz zu Unrecht) als kalkulierenden und machtorientierten Politiker, der nur den eigenen Vorteil bedenkt. Am Ende wird seine Nichtbestätigung als folgerichtig inszeniert, da er Oppenheimer so angegangen hat, doch auch danach bleibt Strauss uneinsichtig und fordert sofort die Namen derer, die seine Bestätigung verhindert haben. Am Ende wird sein Groll auf Oppenheimer gar als grundlos eingebildet offenbart. Hier überschreitet der Film die Grenze zur Fiktion, um eine Schlusspointe zu haben. Generell nimmt sich Nolan immer wieder diese Freiheit. So zeigt er auch das letzte Treffen von Oppenheimer mit Jean Tatlock, obwohl der echte Oppenheimer in den Anhörungen zu Protokoll gegeben hat, darüber nicht aussagen zu wollen.
Letztlich bleibt die Frage, ob sich Nolan diese Freiheit nicht öfter hätte nehmen sollen, um dem Film etwas mehr eigene Substanz zu verleihen. Denn neben der großartigen Inszenierung und den tollen Darstellern bleibt wenig Neues. Die moralischen Zwickmühlen, in denen sich Wissenschaftler seit der Mitte des 20. Jahrhundert immer wieder befinden, sind nun wahrlich ausdiskutiert. Ohne endgültiges Ergebnis freilich, aber eben doch ausdiskutiert. Nolan stellt hier formvollendet dar, aber fragt nichts Neues, stößt keinen weiteren Gedanken an. Das macht OPPENHEIMER nicht zu einem schlechten Film, enthält ihm aber das Prädikat „Meisterwerk“ vor.