
Bonnie und Clyde
Bonnie and Clyde | USA | 1967
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Die stark fiktionalisierte Verfilmung der Taten der realen Personen Clyde Barrow und Bonnie Parker war bei ihrer Veröffentlichung ein großer Flop, wurde zügig wieder aus den Kinos genommen und aufgrund der realistischen Schroffheit und des hohen Gewaltgehalts von Arthur Penns Inszenierung allenthalben gescholten. Erst Jahre später erkannte die Filmkritik den Realismus und die Gewalt als Entlehnungen der europäischen Filmschulen und feierte BONNIE UND CLYDE fortan als Beginn des New Hollywood. Und das, obwohl der stark an der Produktion beteiligte Warren Beatty und sein Kumpel und Regisseur Arthur Penn das Drehbuch (das zunächst sogar Größen wie Jean-Luc Godard oder François Truffaut angeboten wurde) noch entschärften und die zunächst formulierte Bisexualität Clydes und die Dreiecksbeziehung zwischen Bonnie, Clyde und C. W. Moss strichen. So liegen in der Filmkritik manchmal eben nur ein paar Jahre zwischen einem heillosen Verriss und dem Prädikat „Epochemachendes Meisterwerk“.
Und die Einführung eines Stils, der sich in seiner kühlen Härte, aber auch unterstützt durch diverse inszenierte Interviews und Nachrichtenmeldungen sehr an den realistischen Konzepten aus Italien und Frankreich bedient, ist tatsächlich alles Lob wert. Teilweise stellte das Team um Penn bekannte Fotos des berühmten Pärchens detailgetreu nach, was damals sehr unmittelbar gewirkt haben muss. Warren Beatty und Faye Dunaway verkörpern die beiden bodenständig und greifbar und bekommen über die alles andere als glatt laufende Beziehung eine fühlbare Tiefe. Ansonsten zeigen die kleinen Örtchen und Landstraßen, die verrumpelten Unterschlupfe und Provinzbanken nichts vom Glamour der Gangsterfilme der 30er und 40er Jahre, sondern betonen das Vorhandensein von gesetzesbrechender Gewalt an allen möglichen Orten und in allen Milieus. Bonnie und Clyde sind keine Millionen-scheffelnden Unterweltgrößen, sie sind zwei Menschen, die ausbrechen; aus Langeweile, aus Perspektivlosigkeit, aus Lust und Laune.
Im Kern beschäftigt sich der Film dann mit zwei Fragen des (medialen) Umgangs mit diesem Phänomen. Zum einen ist da die Zuneigung, die dem Pärchen entgegenschlägt. Der entführte Eugene (Gene Wilder) ist samt Partnerin geradezu euphorisch, von der berühmten Bande entführt zu werden. Bonnies Familie picknickt mit der Truppe und die Kinder laufen „pengpeng“ rufend umher. Die mediale Berichterstattung hat aus der Barrow-Bande in Teilen etwas gemacht, das keinen Schrecken verbreitet, sondern den Willen, „das auch mal zu sehen“. Nur Bonnies Mutter (Mabel Cavitt) dient in dieser Szene als Korrektiv und prognostiziert den beiden eine lebenslange Flucht.
Dem gegenüber gibt es jedoch auch die negativen Auswirkungen der Berichterstattung. Nachdem die grundlegenden Informationen berichtet sind, braucht die Presse weitere Neuigkeiten. Zum einen findet sie die in „privater Schmutzwäsche“. Es wird berichtet, dass Clyde seinen Bruder im Stich gelassen habe. Die Journalisten saugen sich vermeintlich Privates aus den Fingern, da die Öffentlichkeit daran interessiert ist – hier scheinen die Vorfahren der Springer-Presse am Werke zu sein. Um zum anderen wird schlicht Falsches berichtet („Die Bande hat die Nationalbank überfallen“). Der Film benennt hier überdeutlich zwei Mechanismen der Boulevardmedien, die auch heute noch regelmäßig zu großen Problemen für Personen des öffentlichen Interesses führen. Insofern ist es nicht nur richtig und wichtig, dass die Filmkritik ihre anfängliche Meinung über BONNIE UND CLYDE zügig überarbeitet hat, sondern auch von Bedeutung, den Film heute nicht nur als New Hollywood-Startschuss zu begreifen, sondern auch als nach wie vor relevanten Medienkommentar.