
Der Vampir von Notre Dame
I Vampiri | Italien | 1957
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Zehn von zwölf Regietage erledigte Riccardo Freda, bevor Mario Bava das Übrige besorgte. Selbiger war zuvor als (ungenannter) Autor und Kameramann an DER VAMPIR VON NOTRE DAME beteiligt und kam nun zu seiner ersten Teilarbeit als Regisseur. Aber auch vorher schon bot sich ihm die Möglichkeit, seine Ideen in den Film einzubringen, denn als Kameramann hatte er ebenfalls das Sagen über die Beleuchtung. So ist die Szene, in der Joseph Signoret (Paul Muller) sein lebenserhaltendes Elixier verabreicht bekommt, bereits ein Genuss des Schattenspiels und wenn Professor Julien du Grand (Antoine Balpêtre) seine Tischlampe verwendet, um Signoret auszuleuchten, dann scheint das fast schon eine Vorschau auf Bavas in den nächsten zwei Jahrzehnten folgende Lichtspiele zu sein. Aber auch die Kamerafahrt eine Außentreppe hinauf und hinab oder eine Einstellung, die Gisèle du Grand (Gianna Maria Canale) und Laurette Robert (Wandisa Guida) parallel auf Treppe und Flur laufen lässt, zeigen bereits das große Gespür Bavas für die Mise en Scène.
Das Drehbuch des Films fällt hingegen etwas wirr aus. Innerhalb der ersten 30 Minuten jagt man die Zuschauenden von ungeklärten Morden zu Polizei- und Pressearbeit, um dann einen doppelt-begabten Mad Scientist einzuführen, der sowohl die Wiederbelebung als auch die Verjüngung beherrscht. Dann kommt noch eine generationenüberspannende, aber leider enttäuschte Liebesgeschichte hinzu und fertig ist das wenig stringente Gerüst des folgenden Gruselgeschehens. Es verwundert nicht, dass Bava zeitlebens Unterstützung bei der Drehbucharbeit hinzuzog – man muss eben wissen, wo die eigenen Stärken liegen.
Dafür gibt es dann aber, sobald die Protagonisten das Schloss Gisèles erreichen, prächtige Sets zu sehen. Schummrige Säle voller skurriler Ausstattungsgegenstände und blubbernde Geheimlabors, in denen Julien nebst entstelltem Helfer werkeln darf. Obwohl die Geschichte in der damaligen Gegenwart angesiedelt ist, entsteht in diesen Szenen bereits das in den nächsten Jahren – nicht zuletzt von Bava selbst – weiter ausformulierte Flair des Italian Gothic Horror. Sind die Matte Paitings von Notre Dame, die uns eine römische Gasse als pariser verkaufen sollen, noch höchst unüberzeugend geraten, zählt die (wohl fast ausschließlich per Licht umgesetzte) Verwandlung Gisèles zu den großen Tricks des italienischen Horrorkinos. Auch heute noch überzeugt sie ohne Vorbehalt und hat wohl schon so mancher Ruckspultaste zum Einsatz verholfen. Als erster italienischer Horrorfilm der Tonfilmära beansprucht DER VAMPIR VON NOTRE DAME somit trotz der lange Zeit eher an EDGAR WALLACE erinnernden Geschichte zurecht die Meriten, den italienischen Gothic Horror begründet zu haben.