MÄDCHEN MÄDCHEN

Mädchen Mädchen
Mädchen Mädchen | Deutschland | 1967
IMDb, OFDb

Tja, auch wenn man Luchino Visconti bei BOCCACCIO 70 (1962) assistiert hat, kann es einem passieren, dass die Constantin Film einem die zugesagten 100.000 D-Mark kurz vor Drehbeginn versagt. Roger Fritz hat daraufhin sich entschieden, seine eigenen Ersparnisse in sein Regiedebüt zu stecken und MÄDCHEN MÄDCHEN so möglich zu machen. Und allein die Güte der Aufnahmen macht schnell deutlich, dass diese Entscheidung die richtige war. Fritz und Kameramann Klaus König fangen die bayrische Natur toll ein, fassen das sich aus ihr erhebende Zementwerk in grandios abgesetzte Bilder und spielen auch mit dem entrückten Herrenhaus oder dem Münchner Club „Big Apple“ ganz famos. Und obendrein dienen diese Bilder auch dem inhaltlich Dargebotenen.

Denn in dieser irgendwie unwirklichen Umgebung wird die Geschichte der einsamen Andrea (Helga Anders) erzählt. Das junge Mädchen hatte eine Beziehung mit dem wesentlich älteren Zementwerkbesitzer Ernst (Hellmut Lange), welche sie in die Erziehungsanstalt und ihn ins Gefängnis brachte. Und schon bei ihrer Entlassung zeigt sich auch die Leitung der Erziehungsanstalt übergriffig. Danach wird Andrea im Zug von einem Fremden angelogen und landet so ungewollt wieder im Zementwerk, wo Junior (Jürgen Jung), Ernsts Sohn, ihr fortan mit einer Mischung aus Verliebtheit und Vorwurf begegnet. Weit weg von ihrer Familie schwankt Andrea nun zwischen Zuneigung und Abscheu, in jeder Szene mischen sich Lächeln und Traurigkeit, doch die Avancen Juniors führen schließlich zum Ziel. Die anschließende Beziehung wird von der ebenfalls mit allen schlafenden Haushälterin Anna (Renate Grosser) missbilligt, von Juniors Münchener Clique allerdings respektiert. Eine Hängepartie.

Erst als Ernst aus dem Gefängnis zurückkehrt, zeigt sich die ganze Isolation Andreas. Offenbar in keiner Weise geläutert nimmt er Andrea gleich wieder zu sich und behandelt sie wie seine Partnerin. Von den Gefühlen seines Sohnes nicht wissend übervorteilt er Junior und macht Andrea gleichzeitig für seinen Haftaufenthalt verantwortlich („Mit deinen Eltern muss ich eh noch mal reden …“). Weder Anna noch Junior bremsen ihn, die patriarchale Macht bricht sich brutal Bahn. Andrea bleibt schließlich nur die Flucht (wie auch schon Ernsts Ehefrau vor Jahren), die jedoch in der Familie keinerlei Reaktion auslöst, man geht einfach zum Tagesgeschäft über und Anna freut sich, die Männer wieder für sich und ein Problem weniger zu haben. Fritz zeichnet hier kein Bild der lüsternen Schülerin, die alte Männer verführt (Hallo, SCHULMÄDCHEN-REPORT!), sondern nimmt teilweise die Perspektive der Betroffenen ein. Ansonsten hält er weiten Abstand zu den Protagonistinnen und Protagonisten und lässt so das oben beschriebene Bild einer kalten und anteilnahmslosen Gesellschaft entstehen. Die Mischung aus Mitgefühl und Distanz, dieses emotionale Durcheinander führt zu einer Stimmung, in der jederzeit Alles möglich scheint. Es ist ebenjene unsichere Welt, durch die Andrea sich bewegen muss. Fritz vermittelt das mit geradezu schrecklicher Deutlichkeit.

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