SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE

Sympathy for Mr. Vengeance
Boksuneon naui geot | Südkorea | 2002
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Park Chan-wooks Rachegeschichte um den taubstummen Ryu (Shin Ha-kyun) ist eine grandiose Verbindung von Bild und Inhalt. Dessen zum Scheitern verurteilter Versuch, seiner Schwester eine neue Niere zu besorgen, ist grausam aussichtslos und genauso komponieren Park und sein Kameramann Byeong-il Kim die dazugehörigen Bilder auch. Graue Tristesse und gleichförmige Wohnblöcke beherbergen die Protagonistinnen und Protagonisten, ein langsames Editing im Wechsel mit rauen Schnitten unterstreicht Ödnis und Ziellosigkeit gleichermaßen. Gleichzeitig sorgen Rückblenden für Tiefe und Zusammenhang. So entsteht ein zwar kaum angenehmer, aber dafür umso fesselnderer Sog, der einen dem immer nächsten Schicksalsschlag entgegentreibt.

Auslöser für Ryus unglückliche Lage ist dabei seine Rolle in der Gesellschaft. Aufgrund seiner Einschränkung ist er zwar für die Arbeit in der Fabrik prädestiniert (wo er als einziger ohne Ohrenschützer Lärm und Hitze trotzt), allerdings ist es ihm in diesem Job unmöglich, jemals genügend Geld für die Nieren-Operation seiner Schwester (Lim Ji-eun) aufzubringen. Er sieht sich in die Illegalität gedrängt, wo er jedoch von Organhändler betrogen und in der Folge zum Entführer wird. Der unabsichtliche Tod des entführten Mädchens (das den Film zeitweise gar in Richtung Komödie zu bewegen scheint) stürzt Ryu dann vollends ins Elend und lässt das Leid zu dessen Vater Park Dong-jin (Song Kang-ho) weiterwandern. All diese harten Schläge beruhen auf der Ausbeutung Ryus in der Fabrik, die weder Perspektive noch Chance offenhält. Park Chan-wook kommentiert hier das Dasein vieler Südkoreanerinnen und Südkoreaner in den vergangenen Jahrzehnten, in dem gesellschaftlicher Erfolg (hier repräsentiert durch die Rettung der Schwester) trotz härtester Arbeit nicht immer möglich war. Als Kontrapunkt dient die mit Ryu befreundete Cha Yeong-mi (Bae Du-na), die einer sozialistischen Untergrundgruppe angehört und die im Zuge von Dong-jins Rache zu Tode kommt. Dass ihre Mitstreiter am Ende in einem shakespeare’schen Akt den letzten Beteiligten töten, ist dabei deutlich als existierender Gegenentwurf zum Elend Ryus zu lesen. Die sozialistischen Kämpfer beenden den Rachezyklus, der in einer kapitalistischen Fabrik seinen Anfang nahm.

Doch bis es soweit ist, wandert das Leid mittels teils äußerst brutaler Szenen von Person zu Person. Manches Mal fällt das offen blutig aus (wie der Schraubenzieher im Hals des Organhändlers), manchmal wird die Brutalität der Fantasie überlassen (wie in jener Szene, in der Dong-jin die Obduktion seiner Tochter verfolgt, die Zuschauenden aber nur sein Gesicht sehen und die brachialen Geräusche der Knochensäge hören). Als wiederkehrendes Zeichen des physischen wie psychischen Schmerzes nutzt Park Chan-wook dabei Schnitte. Einem Arbeiter, der sich aus Verzweiflung selber aufschlitzt, folgen mehrere Obduktionen. Ryu wird durch Messerstiche verletzt, bevor ihm die Achillessehnen durchtrennt werden. Die Beschädigung von Körpern mittels Messern lässt den Schmerz, der wiederum die Rache auslöst sichtbar werden. Es schließt sich der Kreis zu den eingangs erwähnten optischen und inhaltlichen Verschränkungen dieses ungemein sehenswerten Films.

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