DER SCHNEIDER VON PANAMA

Der Schneider von Panama
The Tailor of Panama | Irland/USA | 2001
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Zuvorderst merkt man John Boormans Polit-Thriller DER SCHNEIDER VON PANAMA (2001) seine Romanherkunft deutlich an. Die Story ist komplex geknüpft, weist zahlreiche Querverbindungen auf und kommt auf der Leinwand bisweilen etwas reduziert daher. Letzteres ist bei Roman-Adaptionen natürlich nicht zwingend, aber auch die 28 Millionen US-Dollar an Budget sowie die daraus folgende durchweg unspektakuläre Inszenierung deuten darauf hin, dass dieses Projekt nicht die allerhöchste Zuversicht der Produzenten zu gewinnen vermochte. Folglich bewegt sich der Film optisch oftmals auf TV-Niveau und kann die Komplexität der Vorlage nur in Ansätzen abbilden.

Vor allem müssen die Zuschauenden ohne echte Hauptfigur auskommen – ein Umstand, der Romanen meist besser zu Gesicht steht als Filmen. Pierce Brosnan, der mit DIE WELT IST NICHT GENUG (1999) bereits seinen dritten Auftritt als 007 absolviert hatte, wird als zentraler Protagonist und MI6-Agent (!) Andrew Osnard eingeführt, verliert aber durch Unmengen an sexistischen Pöbeleien, seine Erpressungen gegenüber Harold und sein durchweg rücksichtsloses Verhalten seine Sympathien. Am Ende wirkt er gar wie der listige Antagonist, der nach seinem erfolgreichen Coup einfach weiterjettet. Dem gegenüber wird Geoffrey Rush, der zwei Jahre später als Captain Hector Barbossa in der PIRATES OF THE CARIBBEAN-Reihe zu großer Bekanntheit kommen sollte, so gezeichnet, dass sich kaum ein Zugang zu ihm bietet. Immer mehr Hintergründe der Figur werden offenbart und gleichzeitig stellen sich immer mehr davon als Lüge heraus. Zusammen mit Jamie Lee Curtis als Harolds Frau Louisa, Leonor Varela als Assistentin Marta und zahlreichen weiteren Figuren aus Politik, Journalismus und Gesellschaft entsteht ein interessantes Geflecht, welches aber keine Identifikation anbietet.

Das ist bei einem Politik-Thriller auch grundsätzlich nicht verkehrtes, denn hier stehen Geschichte und Abfolgen im Mittelpunkt. Boormans Film spielt hier seine große Stärke aus. Die bissige Darstellung der panamaischen politischen Lage Ende der 90e Jahre ist – abseits der Frage nach der historischen Akkuratesse – erfrischend. Der Film verliert sich nicht in einzelnen Klischees (die sehr wohl auftauchen), sondern lässt an sämtlichen Figuren wenig gute Haare. Die wirtschaftlichen Gewinner des Noriega-Regime beraten bei Zigarren und Whiskey über die nächsten Geschäfte, während die US-amerikanischen Politiker vor der Übergabe des Panamakanals zittern und ihre Militärs schon mal die Messer wetzen. Der Kleinkriminelle Harold sonnt sich im zunehmenden Glanz seiner Behauptungen, die ihm zu gleichen Teilen von Andrew aufgezwungen werden – der damit wiederum gegenüber dem an Infos interessierten MI6 sein Können beweisen will. Panama und sein Kanal dienen hier als Leinwand für ein Gemälde über internationale Verstrickungen im Allgemeinen.

Und Boorman behält sich durchweg vor, zu diesen Verstrickungen auch einen ganz allgemeinen Kommentar abzugeben. Immer wieder konterkariert er das, was Harold aus dem Off erzählt mit gegenteiligen Darstellungen. Mal ist es der Bericht über einen engagierten Farmer, der mit Bildern von einem Typen in der Hängematte versehen wird, mal ist von einem perfekt sitzenden Anzug die Rede, während wir im Bild sehen, wie einem korpulenten Herren die Naht reißt. Zusammen mit Brosnans Sprüchen, die teils sleazigstem Italo-Kino entsprungen scheinen, schwebt der Film beständig zwischen ernstem Polit-Kommentar und dessen Karikatur. Um das zu mögen braucht es sicherlich etwas guten Willen; wer den aufbringt, findet mit DER SCHNEIDER VON PANAMA aber einen Film, der sich angenehm vom sinnfreien Blockbuster-Kino der frühen 2000er abhebt.

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