MEMORIES OF MURDER

Memories of Murder
Salinsui Chooeok | Südkorea | 2003
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Bong Joon-hos zweite Regiearbeit beruht auf einer realen Verbrechensserie, die zufällig auch das Ende der Militärdiktatur in Südkorea im Jahr 1987 überspannt. Die zwischen 1986 und 1991 ermordeten zehn Frauen und ihr Mörder liefern Bong so den Rahmen für eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Typen von Gesetzeshütern in einer kalten und langsam aber sicher in sich zusammenbrechenden Umgebung.

Kommissar Park Doo-man, gegebenen von dem in der Folge noch häufiger mit Bong zusammenarbeitenden Song Kang-ho, ist ein emotionaler Vertreter seiner Zunft, der fest davon überzeugt ist, Menschen die Schuld ansehen zu können. Entsprechend steht der Täter für ihn schnell fest und er bemüht sich darum, einem Behinderten oder einem zufällig in Verdacht geratenen Typen ein Geständnis zu entlocken; dabei hilft er auch mittels gefälschter Beweis, der Androhung von Gewalt oder diktierten Aussagen nach. Ihm zur Seite steht dabei Kommissar Cho Yong-koo (Roe-ha Kim), der für die Gewalt zuständig ist. Völlig rücksichtlos und ungehemmt brutal repräsentiert er wohl am deutlichsten das vergehende diktatorische Regime des Südkoreas vor 1987. Park gegenüber steht der aus Seoul angereist Kommissar Seo Tae-yoon (Kim Sang-kyeong), der den Fall mit Ruhe und analytischer Finesse zu lösen versucht. Ihm sind Parks brutale und unseriöse Methoden zuwider, beide geraten folglich in Konflikt. Doch während Park zunehmend erkennt, dass seine Methodik nicht wirkt, sieht sich Seo immer größeren Problemen gegenüber und verfällt zunehmend in eine enthemmte Emotionalität. Die beiden entwickeln sich diametral unterschiedlich und am Ende muss Park Seo zur Vernunft rufen und ihn vom Mord an einem – wahrscheinlich – Unschuldigen abhalten. Diese selten differenzierte und lebensnahe Zeichnung der Figuren erfährt zusätzliche Tiefe durch die gesundheitliche Belastung Parks, die durch seine Freundin repräsentiert wird, die ständig damit beschäftigt ist, ihn gesund zu erhalten. Reinigt sie anfangs noch seine Ohren, so verabreicht sie ihm danach eine Impfung (aufgrund deren Nicht-Erhalt Cho später ein Bein verliert) und versorgt ihn später während eines Dates am See mit einer Infusion, die am Baum hängt. Ohne sie wäre Park wohl längst zugrunde gegangen.

Bong erschafft für diese (er)nüchtern(d)e Charakterstudie eine trostlose Umgebung. Das kleine Dorf in der Peripherie Seouls besteht nur aus Grau- und Brauntönen, selbst die es umgebenden Felder sind nicht wirklich grün, sondern bestenfalls graugrün. Sehr entsättigt und oft im Nebel liegend strahlt das Dorf die pure Trostlosigkeit aus. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind ebenso gestimmt und die Zuschauenden können sich natürlich nicht lange entziehen. Kleine, dunkle Innenräume dienen meist als Kulisse für lange Dialoge, Szenen, die Bewegung beinhalten, sind oft lange Oneshots, die jede Dynamik bewusst ausbremsen. Es ist fast immer Nacht, zumindest aber Abend oder aber Regenwetter.

So auch im Finale, wenn der Film sich noch mal überdeutlich mitteilt. Falsche Geständnisse und polizeiliche Ermittlungsergebnisse nur um ihrer selbst willen führen zu nichts als Leid. Seo will im Finale glauben, den Schuldigen gefasst zu haben. Alles passt zusammen, Schläge haben auch ein Geständnis herbeigeführt, aber die Laborergebnisse passen nicht. Seo will das nicht glauben und dem vermeintlichen Recht mittels Gewalt Genüge tun. Parks Erkenntnis verhindert die Tat; die Erkenntnis, dass so keine Gerechtigkeit zu erreichen ist, sondern bestenfalls Genugtuung. Bong kommentiert hier die bleiernen Jahrzehnte südkoreanischer Polizeigewalt und -willkür, in denen das Ergebnis von Ermittlungen so oft schon vorher feststand oder sich nach den politischen Ansichten richtete. Und als wäre das alles nicht schon bitter genug, nimmt der Film diese Erkenntnis in seiner Schlussszene auch noch mit in die Gegenwart (des Erscheinungsjahres 2003) und lässt die Unbekanntheit des Mörders und die potenzielle Verdächtigung eines jeden dort offen im Raum stehen.

2 Antworten zu “MEMORIES OF MURDER

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