IM SCHATTEN DES ZWEIFELS

Im Schatten des Zweifels
Shadow of a Doubt | USA | 1943
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Es erscheint überaus nachvollziehbar, dass Alfred Hitchcock IM SCHATTEN DES ZWEIFELS des Öfteren als seinen Lieblingsfilm bezeichnete, war ihm doch stets an ambivalenten Situationen und Charakteren gelegen. Und das von Gordon McDonell geschriebene und maßgeblich von Thornton Wilder in Form gefasste Drehbuch zu dieser ersten echten US-Produktion Hitchcocks weist wahrlich facettenreiche Figuren auf, die zwischen weit auseinanderliegenden Polen changieren. Dahinter tritt die eigentliche Kriminalgeschichte weit zurück, die Aufklärung des Falls erfolgt eher beiläufig, steht aber zu keinem Zeitpunkt im Zentrum des Geschehens.

Dort bleibt vor allem Platz für Joseph Cottons Onkel Charlie, der als lange abwesendes Familienmitglied bei seiner Rückankunft in Santa Rosa quasi wie ein Heilsbringer wirkt. Seine Schwester Emma (Patricia Collinge) ist von ihm hingerissen, die Kinder (darunter die grandiose Laiin Edna May Wonacott als vorlauter Bücherwurm Ann) hängen an seinen Lippen und seine Nichte Charlotte/Charlie (Teresa Wright) fühlt sich gar telepathisch mit ihm verbunden. Schon der Name Letzterer deutet die enge Verbindung an, um die sich der Film maßgeblich dreht. Zu Beginn finden sich gar erotische Zwischentöne, die den dann einbrechenden titelgebenden Zweifel umso harscher erscheinen lassen. Peu a peu wandelt sich Onkel Charlie zum sinisteren Psychopathen, ohne dabei allerdings seine herzliche Seite zu verlieren. Gegenüber der Familie Newton bleibt sein Strahlemann-Image stets unangekratzt, nur seiner Nichte gegenüber muss er sich nach erdrückender Beweislast offenbaren. Da Charlotte ihrer Familie keinen Kummer bereiten will, behält sie dieses Wissen allerdings für sich und so sitzen mitunter ein Mörder, sein potenzielles Opfer und eine strahlende Familie am Esstisch. Dass Vater Joseph (Henry Travers) und sein Nachbar Herb (Hume Cronyn) dabei noch über die unauffälligsten Mordmethoden sinnieren, verleiht dieser Situation dann noch ein hitchcock’sches Augenzwinkern. Genial!

Formal bedient sich der Film zahlreicher Elemente des aufkommenden Film Noir und zeichnet – auch ohne Großstadt – eine zwielichtige Welt. Joseph ist zwar Banker, aber eben nur ein kleines Licht. Das Gehalt bestenfalls passabel ist er in der Filiale nur ein Handlanger, der sich von seinem unangenehm großkotzig auftretenden Schwager herumschubsen lassen muss. Charlotte ist zwar – von den erwähnten Zwischentönen abgesehen – recht sittsam, doch ihre Schulfreundinnen verdingen sich als Kellnerinnen in Nachbars. Die Kleinstadt ist gegen das Eindringen des Verbrechers Onkel Charles völlig ungeschützt, der einzige anwesende Wachmann wähnt Charlotte bei ihm in guten Händen. Während im Inneren des Hauses Newton warmes Licht herrscht, liegt Santa Rosa meist im Dunkeln und seinen optisch schönsten Moment hat der Film, wenn Charlotte in der öffentlichen Bücherei die Taten ihres Onkels enthüllt und dann im harten Schattenriss entschwindet. Das soll aber mitnichten heißen, dass nicht auch die übrigen Szenen des Films immer wieder Augenweiden bereithalten, die die grandios ambivalenten Figuren immer wieder trefflich in Szene setzen. Wie gesagt: Es erscheint überaus nachvollziehbar, warum Alfred Hitchcock diesen Film als seinen liebsten bezeichnete.

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