KEINE ZEIT ZU STERBEN

Keine Zeit zu sterben
No Time to Die | Großbritannien/USA | 2021
IMDb, OFDb, Schnittberichte

15 Jahre nach seinem gelungen Debüt CASINO ROYALE (2006) absolviert Daniel Craig in KEINE ZEIT ZU STERBEN unter der Regie von Cary Joji Fukunaga seinen letzten Auftritt als JAMES BOND. Der Film stand dabei unter zahlreichen Prämissen, die einen großen Wurf von Vorneherein unwahrscheinlich erscheinen ließen. Craig musste regelrecht zu einem weiteren Auftritt überredet werden und Spekulationen um seine Nachfolge beschäftigen Filmfreunde seit Jahren. Forderungen nach mutiger Erneuerung und dem Bewahren des Bewährten hielten und halten sich dabei die Waage. Dazu kommt das Killerviren-Sujet, welches mit dem Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie zusammenfiel, welcher den Filmstart verzögerte. All das merkt man dem Film letztlich deutlich an, ein großer Wurf ist es wahrlich nicht geworden.

Neal Purvis und Robert Wade (und später dann auch Phoebe Waller-Bridge) schrieben ein Skript, das die bereits in SKYFALL (2012) und SPECTRE (2015) angedeutete Vermenschlichung Bonds konsequent fortsetzt. Bond ist nun Vater, aus tiefstem Herzen in Madeleine Swann (Léa Seydoux) verliebt und in einem ständigen Ringen mit seinen Gefühlen begriffen. Große Teile des Films widmen sich der Auseinandersetzung des zu Härte und Kälte verpflichteten Agenten mit seinem zerrütteten Innenleben. Der Wunsch nach familiären Nähe wächst immer weiter, nur um im Finale dramatisch verunmöglicht zu werden. Für sich genommen funktioniert diese Fallhöhe auch recht ordentlich, aber innerhalb der Filmreihe wirken diese Änderungen doch gar zu massiv. Der ganze Film ist halb Drama, halb Actionfilm und wirkt somit viel zu häufig höchst unausgereift – die Horrorelemente in der Pretitle-Sequenz und bei den Auftritten Rami Maleks als Lyutsifer Safin unterstützen diese Orientierungslosigkeit. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Eine Entwicklung hin zu einem komplexeren Männer- und Frauenbild kann der Reihe durchaus guttun, dieser Hauruck-Versuch tut es indes nicht. Der Versuch, Lashana Lynch als 007 „testzuetablieren“ fügt sich wunderbar in diese unausgegorene Konzeption.

Aber auch an zahlreichen anderen Stellen versucht der Film mittels großer Entscheidungen eine Relevanz für sich zu beanspruchen, die ihm tatsächlich gar nicht zusteht. Natürlich ist an erster Stelle der Freitod James Bonds zu nennen, der einen krassen Bruch mit der Seriengeschichte darstellt und wohl als großes Ausrufezeichen bezüglich des für den nächsten Film geplanten Neuanfangs gewertet werden muss. Aber auch die Tode Felix Leiters oder Ernst Stavro Blofelds maßt sich der Film an. Diese zwei waren stets maßgebliche Figuren für die Definition der Hauptfigur: Letzterer als sinisterer Gegenspieler, ersterer als US-amerikanischer Gegenpol und Freund gleichermaßen. Auch, dass Blofeld quasi aus Versehen getötet wird, unterstreicht, wie rücksichtslos KEINE ZEIT ZU STERBEN mit dem Erbe der Reihe umgeht und wie maßgeblich er Einfluss auf die zukünftige JAMES BOND-Welt nimmt.

All diese inhaltlichen Entscheidungen (die sicherlich auch ihre dankbaren Fans finden werden) fügt Fukunaga dann in die Form eines wie erwähnt unrhythmischen Actiondramas. Klar, die Verfolgungsjagd durch Matera kickt und das Sowjet-Raketensilo mit Giftgarten sieht toll aus, aber die zahlreichen gezwungenen Dialoge unterbrechen den Schwung immer wieder. Die pointierten Unterhaltungen aus CASINO ROYALE (2006) oder SKYFALL (2012) erscheinen da meilenweit entfernt.

Um mit etwas Positivem zu schließen seien indes Lashana Lynch, Léa Seydoux und Ana de Armas erwähnt. Auch wenn Lynch sich als 007 leider durch den Film onelinern muss und de Armas nur wenig Screentime bekommt, so zeigt sich hier doch etwas, was Autorin Waller-Bridge der Reihe hoffentlich auch für die Zukunft eingeimpft hat: starke und facettenreiche Frauenrollen. Ich will mich nicht Spekulationen oder Forderungen beteiligen, wie die Figur 007 in Zukunft gestaltet werden könnte oder sollte, aber dass diese Entwicklung der Filmreihe nur guttun kann, steht wohl außer Frage.

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