ALICE LEBT HIER NICHT MEHR

Alice lebt hier nicht mehr
Alice Doesn’t Live Here Anymore | USA | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Mit WER KLOPFT DENN DA AN MEINE TÜR? (1967), DIE FAUST DER REBELLEN (1972) und HEXENKESSEL (1973) begann Martin Scorsese seine Regie-Karriere innerhalb jenes Sujet, das stets eines seiner Markenzeichen bleiben sollte: die Betrachtung von (kriminellen) Außenseitern, die in Konflikt mit Staat und Gesellschaft geraten. Der große Erfolg blieb jedoch aus und sollte sich dann 1974 mit einem überraschend anderen Konzept einstellen. Ellen Burstyn war mit ihrem Auftritt in Friedkins DER EXORZIST (1973) zu Ruhm gelangt und zog mit einem Drehbuch von Robert Getchell durch die Gegend, um einen passenden Regisseur zu finden. HEXENKESSEL überzeugte sie davon, dass Scorsese der Richtige sei, auch wenn dieser sich zunächst zierte; die Geschichte einer auf sich gestellten Witwe im mittleren Westen erschien ihm zu wenig vertraut. Trotzdem willigte er ein, der Film wurde ein Erfolg, Burstyn erhielt einen Oscar und Scorsese die Kohle, um TAXI DRIVER (1976) zu drehen.

2. Garant für den Erfolg des Films ist wohl die schauspielerische Leistung vieler, vor allem aber Burstyns. Sie gibt die Alice mal hoffnungsschwanger, mal zutiefst enttäuscht. Trotz ihrer miesen Ehe packt einen schon ihre Reaktion auf den Tod Donalds. Genauso sind ihre Erschütterung, wenn sich Ben (grandios gegeben von Harvey Keitel) als cholerischer Schläger herausstellt, oder Verzückung, wenn sie mit Sohnemann Tommy rumblödelt, spürbar. Jener wird von Alfred Lutter dargestellt, der außer im Piloten der TV-Nachfolgeserie IMBIß MIT BIß (1976-1985) kann noch in Erscheinung treten sollte. Dafür ist seine Leistung hier umso bewundernswerter, seine vorlauten und sarkastischen Kommentare tragen maßgeblich zum Unterhaltungsfaktor des Films bei. Daneben darf Kris Kristofferson warmherzig lächeln, Diane Ladd lauthals pöbeln und Jodie Foster Diebstähle anleiern.

3. Es ist aber die Beziehung von Alice und Tommy, die dem Film seine besondere Tiefe verleiht. Schon in der Eröffnung ist es Tommys Ärger mit Donald, der Alice zwingt, sich auf die Seite ihres Sohnes zu stellen; er wird somit zum Indikator der Schieflage befindlichen Beziehung. Dergleichen passiert später noch öfters, im Finale ist Alice gar bereit, die eigentlich glückliche Beziehung zu David zu opfern, weil dieser Tommy schlägt. Die ewige Suche nach einer intakten Partnerschaft betrifft also Mutter und Sohn gleichermaßen, sie sind ein Team. Und das nicht nur im Mutter-Sohn-Sinne, denn Tommys viel zu erwachsenes Kommunizieren sorgt in mehreren Situationen dafür, dass man hier eine Liebesbeziehung wähnt. Spätestens, wenn Alice, von der Arbeit erschöpft, ihren Kopf auf Tommys Schoß legt und ihm ihr Leid klagt, wird das überdeutlich. In ihrer Beziehung und der Eigenschaft der beiden, trotz Widerständen immer neue Anläufe zu starten, liegt wohl die größte Qualität des Streifens.

4. Nur bedingt überzeugen kann die arg episodische Struktur, die zwar einem Roadmovie innewohnen und der Verdeutlichung von Alice‘ wiederholten Anläufen dienlich sein mag, aber gleichzeitig wenig Spiel für Überraschungen lässt. Ihre harsche Ausführung macht gleichzeitig erahnbar, dass Scorseses ursprüngliche Version dreieinhalb Stunden dauerte; stellenweise ist das einfach etwas unrund. Gleiches gilt für das überaus kitschige und übereilte Ende, dem man ebenfalls anmerkt, dass es einen Kompromiss zwischen Scorseses Wunsch nach einem düsteren Abschluss und den Happy-End-Forderungen des Studios darstellt. Aber geschadet hat das dem Erfolg des Films und der Karriere Scorsese wie erwähnt nicht – ganz im Gegenteil.

Eine Antwort zu “ALICE LEBT HIER NICHT MEHR

  1. Pingback: MARTIN SCORSESE | SPLATTERTRASH·

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