MANIAC

Maniac
Maniac | USA | 1980
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. William Lustig ist ein Kind seiner Stadt und seiner Zeit. 1955 in New York geboren war er Mitte der 70er Jahre, zur wildesten Zeit des Big Apple und dessen (Film-)Kunstszene, Anfang 20. Siff, Gewalt, Prostitution, Serienmörder und die 42nd Street prägten die Stadt und ihre Filmschaffenden – die das New Hollywood Los Angeles‘ noch einmal locker in den Schatten stellten. Folgerichtig machte Lustig seine ersten Schritte auch bei den Hardcore-Produktionen THE VIOLATION OF CLAUDIA (1977) und HOT HONEY (1977), bevor er zusammen mit seinem (ebenfalls Exploitationfilm-begeisterten) Kumpel Joe Spinell die Asche für einen eigenen Horrorfilm zusammenkratzte.

2. John Carpenters HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (1978) hatte den Horror aus den Landhäusern und Schlössern in die Suburbs geholt; William Lustig holte ihn nun in die Straßenschluchten und die Köpfe derer, die durch diese Schluchten wandelten. Denn während wir Michael Myers als unbekanntem Bösen begegnen und uns stets an der Seite Laurie Strodes wissen, zwingt uns Lustig sehr viel näher an den Mörder Frank Zito heran. Die Rezipienten sitzen mit in seiner schmierigen Bude, begleiten ihn bei der Auswahl seiner Opfer und wohnen den Morden bei. Mehr noch: sie hören seine Gedanken, sehen durch seine Augen. Wenn Frank die Prostituierte im Hotel erwürgt, dann sehen auch die Zuschauenden das Gesicht seiner Mutter; wenn er sich schließlich selbst tötet, sehen sie seine Wahnvorstellungen von lebenden Schaufensterpuppen. Seine Gedanken und sein Schnaufen sind ständig zu hören. Frank Zito ist jener mörderische Irre, der damals ständig die New Yorker Titelseiten beherrschte – und Lustigs Film nimmt uns mit in seinen Kopf.

3. Der Film gewährt nur in wenigen Momenten eine Loslösung von Franks Sicht. Am ikonischsten ist sicherlich jene Szene, in der die Kamera der Krankenschwester auf die Metro-Toilette folgt. Hier ist der Betrachter plötzlich wieder in enger Verbindung mit dem Opfer, die Spannung ist greifbar, das Warten mörderisch. Dieser Moment macht alle anderen Übergriffe – bei denen wir dann wieder Frank folgen – noch schlimmer, zeigt er uns doch für eine kurze Zeit die Opferperspektive. Zur Verhinderung etwaiger voyeuristischer Freuden ist die jedoch gar nicht nötig, Franks Morde werden so mies inszeniert, dass sie selbst Splatter-gierigen 16-Jährigen kaum Freude bereiten dürften. Eine andere interessante Außenperspektive ist das Auftauchen der Cops nach Frank Selbstmord. Hier fällt einem deutlich auf, dass ansonsten keine Ermittlungen gezeigt werden, die Gesetzhüter spielen schlicht keine Rolle. Und wenn sie dann auftauchen, stellen sie nur den Tod fest und verziehen sich wieder. Sie sagen nichts, sie untersuchen nichts, sie kümmert nichts.

4. Und letztlich ist (je-?)der Maniac auch ein Knuddelbär. Frank sitzt sogar mit einem solchen auf Annas Couch (Caroline Munro sagte ihr Mitwirken übrigens zu, da sie Joe Spinell bereits kannte und ihn bei vorherigen Drehs als enorm aufmerksam und höflich empfunden hatte). Mit Brille, Sacko und ordentlichen Haaren wird aus dem schwitzenden Wahnsinnigen mehrfach ein freundlicher Biedermann. Der Wahnsinnige kann sich wahnsinnig gut verstellen. Auch hier steht Zito in herbem Kontrast zu den Antagonisten des klassischen Slasherkinos: Er ist der nette Typ, der die verloren geglaubte Kette zur Haustür bringt – um einen dann bestialisch zu ermorden. Ein Schlag in die Magengrube der Typ – wie der Film.

6 Antworten zu “MANIAC

      • Ja, ja….“der Stapel…“, der ist bei mir (virtuell) auch schon so hoch, dass ich nicht mehr drüber weggucken kann. Hat man einen gesehen, kommen zwei dazu, die geguckt werden wollen. Aber wem sage ich das hier….😊

  1. Sehr schöner Blick auf den Film. Gehört für mich neben Fulcis „New York Ripper“ zu den großen und sehenswerten Genre-Beiträgen. Das Remake fand ich damals auch beachtlich gut gemacht.

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (22-06-20)·

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