HEXENKESSEL

Hexenkessel
Mean Streets | USA | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Hexenkessel ist Martin Scorseses erster echter Autorenfilm. War WER KLOPFT DENN DA AN MEINE TÜR? (1967) ein sich auswachsendes Studienwerk und DIE FAUST DER REBELLEN (1972) ein Corman-Auftragsjob, konnte der 30-Jährige nun erstmals etwas verfilmen, was ganz und gar seiner Idee (oder gar: seinem Leben) entsprang. 500-600.000 US-Dollar Budget und eine tolle Garde an Mimen sollten die Grundlage für das werden, was man rückblickend mit Fug und Recht als Grundstein seiner Karriere bezeichnen kann.

2. Erneut steckt nach WER KLOPFT DENN DA AN MEINE TÜR? Harvey Keitel in der Hauptrolle. Und erneut muss er – dieses Mal als Charlie Cappa – jenen Problemen stellen, die ein junger Italoamerikaner, der sich in den 60ern in New York an der Grenze der Legalität herumtreibt, nun einmal hat. Eigentlich haben er und seine Kumpels nur Flausen im Kopf, sie trinken, feiern und verdingen sich mit kleineren Gaunereien für Charlies Onkel Giovanni. Daneben steht aber seine Liebe zu Teresa (die spätere Produzentin Amy Robinson in ihrer einzigen Spielfilmrolle), die allerdings auf wenig Akzeptanz stößt. Und auch in der Gruppe rumort es. Der in kleinere Hehlereien verwickelte Michael (Richard Romanus) gerät mit Teresas müßiggehendem Bruder Johnny Boy (Robert De Niro) in Streitigkeiten wegen des Mammons. De Niro brilliert in dieser ersten Zusammenarbeit mit Scorsese als zwischen Wahnsinn und Humor, Frechheit und Gleichmut chargierender Irrwisch. Das kulminiert schließlich in viel Geschrei und blanker Gewalt: die Freundschaft bricht, Charlie steht (trotz mehrerer Handgreiflichkeiten) zu Johnny, Johnny wird erschossen, Teresa verletzt, Charlies Welt weggewischt.

3. Und was ist mit dem Gangsterleben? Eigentlich nichts. Scorsese betrachtet das Leben dieser Jungs, er erzählt keine Geschichten vom großem Geld und Ruhm. Immer wieder sind es Kleinigkeiten, die diese Figuren so greifbar machen. Charlie erzählt am Strand von Banalitäten, die er mag, Johnny gibt statt seines Jacketts seine Hose an der Garderobe ab und in einer Kellerbar wird sich beinahe schuljungenhaft geprügelt. Mehr als einmal hat Scorsese bekundet, dass er einfach die Typen zeigt, mit denen er aufgewachsen ist. Sein Vater hatte gar einen aufbrausenden Bruder, mit dem er sich oft wegen Geld stritt, was dann bisweilen auch mal in Handgreiflichkeiten mündete; und trotzdem blieben beide enge Freunde. Es ist diese tiefe Ehrlichkeit des Drehbuchs und dieses aufrichtige Interesse an den Figuren, die HEXENKESSEL so großartig machen – und die sich in Scorsese späteren Werk immer wiederfinden sollten.

4. Und natürlich werden Menschen auch durch ihre Umwelt geprägt, sind ohne sie nicht zu denken. Kameramann Kent L. Wakeford fängt auf Scorseses Geheiß die Gassen des New Yorker Little Italy ein, wie sie damals gewirkt haben müssen: Laut, voller Menschen, voller Lokale und voller Möglichkeiten. Aber auch voller Dreck, voller Gewalt und voller Gefahr. Jede Einstellung offenbart einen anderen Eindruck, macht deutlich, wir diese Umgebung auf ihre Bewohner wirkt. Tatsächlich wurden nur die Außenaufnahmen in NY gedreht, sämtliche Innenräume befanden sind in Studios in Los Angeles. Das fällt aber nie auf, denn …

5. Die Kamera begleitet ihr Figuren so eng, dass man ihnen auf die Schulter klopfen möchte. Schon die Eröffnung reißt einen mit in die schmuddelige Nachtbar von Tony (David Proval) hinein: die Rolling Stones dröhnen aus den Boxen, das rote Licht taucht alles in Halbseide und durch den Nebel wanken die Gestalten der Nacht. Schöner noch wird diese Szene wiederholt, wenn die Kamera an Keitels Brust geschnallt ist, während der von Gast zu Gast durch die Bar mäandert und seine Drinks verkippt, während sich in seinen Augen jene Mischung aus Lust und Leid abwechselt, die den ganzen Film prägt. Ein anderes Mal sitzt die Kamera mit im Wagen und braust durch die nächtlichen Gassen und in einem Höhepunkt des Films ist es nur eine Handkamera, die Johnny Boy dabei begleitet, wie er entfesselt einen Passanten verprügelt. Hier steht man quasi neben dem Geschehen, beobachtete es sprach- und atemlos – genauso wie es Scorsese in seiner Jugend getan haben muss.

Eine Antwort zu “HEXENKESSEL

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