THE HUNT

The Hunt
The Hunt | USA | 2020
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Rein formal besteht THE HUNT aus einem echt kurzweiligen Auftakt, einem lahmenden Mittelteil und einem tollen Finale. Die zu Beginn recht stereotype Menschjagd-Splatter-Mischung unterhält mit den altgedienten Zutaten Blut, Humor und dummen Sprüchen. Zudem erweist sich die mehrfache Wiederholung der Idee, den Zuschauenden die vermeintliche Hauptfigur wieder blutig zu entreißen, als erstaunlich originell – es dauert wirklich einige Minuten, bis man sich bei Betty Gilpins Crystal schließlich sicher ist, nun an der tatsächlichen Protagonistin zu sein. Danach verliert das Konzept aus Irritation und Gewalt dann zunehmend an Schwung, die Schlachterei im Bunker dürfte von so manchem Gähnen begleitet werden. Dafür haben die Autoren Damon Lindelof (seines Zeichens LOST-Erfinder und STAR TREK– und ALIEN-Rebooter) und Nick Cuse aber für das Finale noch einen ganz dicken Pfeil im Köcher. Denn …

2. … im letzten Drittel entfaltet THE HUNT seine wahre Qualität. Endlich wird der Grund für die Menschenjagd offenbar: es handelt sich um die Rache einer Gruppe, die von einer digitalen Meute fälschlich beschuldigt wurde. Ein Shitstorm veranlasst die reichen Mitglieder der Gruppe (von denen zumindest Anführerin Athena (Hilary Swank) aufgrund der Verleumdungen ihren Job verlor) die digitalen Übeltäter ausfindig zu machen, zu entführen und dann zu jagen. Die Auseinandersetzung über Dürfen und Nichtdürfen im Internet ist eröffnet. Wen darf ich in meinem Podcast beschuldigen? Was darf ich ohne Gewissheit posten? Wann mache ich mich woran (mit-)schuldig? Und nicht zuletzt: Wie können sich die Opfer wehren? Dass es (wie auch im Netz) natürlich auch im Film zu folgeschweren Irrtümern kommt, ist schlüssig.

3. In meinen Augen liegt die Kernaussage aber noch etwas tiefer: Letztlich schaffen die Shitstormer mit ihrer Behauptung, es gäbe Menschjagden, dieselben erst. Sie setzen die Idee in die Welt, die dann tatsächlich an ihnen vollführt wird. Ohne sie (sowohl körperlich als auch vertreten durch ihre Behauptungen) gäbe es kein Manorgate. Übertragen auf das zurzeit ja mehr als aktuelle Thema Verschwörungstheorien sagt Regisseur Craig Zobels Film: Diejenigen, die sich wahnwitzigen Quatsch ausdenken, müssen im Zweifelsfall die Konsequenzen tragen, wenn es dann tatsächlich dazu kommt. Früher hieß das: Die Geister, die ich rief.

4. Ein Film wie THE HUNT entsteht nicht im (politisch) luftleeren Raum. Schon während der Produktion machte das Gerücht die Runde, die Gejagten im Film seien Trump-Anhänger. Ob das stimmt oder nicht, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Logisch schiene es aber durchaus, sind es doch vor allem seine Befürworter, die sich immer wieder des Schmutzwerfens im Netz, der Verleumdung und der Verschwörungstheorien bedienen. Im fertigen Film bleibt es nun aber dabei, dass die Jagenden Eigenschaften aufweisen, die bei Trump-Anhängenden wohl eher selten sein dürften: Veganismus, Sorge um die Umwelt und die Beachtung einer diskriminierungsfreien Sprache. Als deutlichen Hinweis darauf, wer in den Augen der Produzenten und Autoren sein Verhalten im Netz überdenken sollte, genügt das aber allemal.

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