EXISTENZ – DU BIST DAS SPIEL

eXistenZ – Du bist das Spiel
eXistenZ | Großbritannien/Kanada | 1999
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. 1983 verhandelte David Cronenberg in VIDEODROME das Einwirken des TV-Signals auf den menschlichen Körper und Geist. Da erscheint es nur allzu logisch, den 1999 erschienen EXISTENZ – DU BIST DAS SPIEL als inoffizielle Fortsetzung zu begreifen, transferiert dieser die Grundprämisse doch einfach in die Videospiel-Ära. Dem entgegen stehen allerdings das grundsätzlich andere Setting und die sehr viel weniger raue Umgebung von EXISTENZ, der sich im Gegensatz zu dem grandiosen VIDEODROME von fast weichgespült anfühlt. Trotz zahlreichen expliziten Effekten, die sich – Cronenberg-typisch – an der Grenze des (guten?) Geschmacks bewegen, ist der Film meilenweit von der Härte des Jahres 1983 entfernt.

2. Cronenberg geht einen Schritt weiter als viele Genrekollegen, die ebenfalls das Verwischen der Grenzen zwischen Realität und Virtualität zum Thema haben. Denn während der im gleichen Jahr erschienene MATRIX (1999) oder Verhoevens Klassiker DIE TOTALE ERINNERUNG – TOTAL RECALL (1990) die Zuschauenden mit der Frage, was nun real ist und was nicht, bei der Stange halten, wischt Cronenberg, der das Drehbuch auch gänzlich selbst verfasste, diese Frage in der zweiten Filmhälfte gänzlich beiseite. Die Ebenen fließen ineinander über, es wird noch eine weitere Realitätsebene offenbart und letztlich zementiert der Schlusssatz die immerwährende Unklarheit, wo das Spiel endet und die Realität anfängt – oder umgekehrt. Leider lässt Cronenberg allerdings die Chance, sich mit der Frage, ob Moral auf allen Ebenen gleichermaßen Einfluss auf das Handeln haben sollte/könnte, zu beschäftigen, ungenutzt verstreichen. Auch deshalb wirkt das Ende irgendwie vorschnell und abrupt. 20 weitere Minuten hätte hier wohl sehr gut getan.

3. Der Film beobachtet seine Protagonisten sehr distanziert. Jennifer Jason Leighs Allegra ändert auf den verschiedenen Ebenen leicht ihr Aussehen, bleibt aber immer kühl und undurchsichtig. Die Zuschauenden sind dem ahnungslosen Ted Pikul (Jude Law) zunächst sehr viel näher, was sich aber ändert, sobald dieser sich mehr und mehr den Spielmechanismen unterwirft – und somit seine Nahbarkeit verliert. Der Kniff trägt dazu bei, dass die Zuschauenden mit zunehmender Spielzeit die Bindung zu den Figuren verlieren, ebenso wie diese die Bindung zu sich selbst. Das endet im Finale konsequent damit, dass die beiden „Helden“ in bester Antagonisten-Manier kaltblütig geplante Morde begehen.

4. Natürlich ist auch dieser Film wieder geprägt von Cronenbergs Faszination für Körperlichkeit. Im Zentrum steht die Verbindung des menschlichen Körpers mit dem (sich in einem ebenfalls lebendigen Etwas befindlichen) Spiel mittels einer Nabelschnur, die in eine neugeschaffene Körperöffnung im Rücken einzuführen ist. Mag das auf den ersten Blick auch etwas zu simpel in Richtung Sexualität deuten, so erfüllt es doch einen wichtigen Zweck: denn diese unmittelbare Begegnung von Körper und Videospiel ist es, was wie schon 1983 die Frage stellt: Wo ist die Trennlinie zwischen Körper und Geist, zwischen Realität und Virtuellem?

2 Antworten zu “EXISTENZ – DU BIST DAS SPIEL

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