TRAIN TO BUSAN

Train to Busan
Boosanhaeng | Südkorea | 2016
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1. Zombiefilme sind (falls es sich nicht um deren simpelste Vertreter handelt) immer auch Filme über soziale Schieflagen. Yeon Sang-hos TRAIN TO BUSAN nutzt dafür zwei Ebenen: Familie und Gesellschaft. Er zeichnet ein düsteres Bild über den Zusammenhalt der Menschen in Südkorea, vertreten vor allem durch die Figur des Yong-suk. Aus (grundsätzlich nachvollziehbarer) Angst heraus wiegelt er die Überlebenden gegeneinander auf, ja opfert schließlich sogar bereitwillig mehrere Menschenleben, um sein eigenes zu retten. Das Schlimme daran: Yong-suks Verhalten färbt auf andere Menschen ab – hier reicht ein unsolidarisches Arschloch, um den Zusammenhalt ins Wanken zu bringen. Diese gesellschaftliche Kälte setzt sich in Seok-woos zerrütteter Beziehung zu seiner Tochter Su-an fort. Der Geschäftsmann ist der Prototyp der südkoreanischen Arbeitswelt und als solcher ein schlechter Vater. Da freut es einen am Ende schon fast, dass Yeon Sang-ho die beiden mit so viel Pathos zusammenführt, auch wenn die ein oder andere tränenreiche Zeitlupe dann doch hätte ausbleiben dürfen.

2. Yeon Sang-ho, der bis dato und seitdem ausschließlich Animationsfilme schuf (darunter das Prequel SEOUL STATION (2016)), inszeniert den Streifen mit großer Finesse. Er entscheidet sich für schnelle Zombies und setzt sich damit der Gefahr aus, sich in immer gleichen Jagdszenen zu verlieren. Es wird auch viel gejagt. Aber trotzdem gelingt es Yeon zusammen mit Kameramann Lee Hyung-deok enorm viel Abwechslung zu bieten. Obwohl es eigentlich nur das Zuginnere und ein paar Bahnsteige zu sehen gibt, wir das Treiben nie langweilig, weil der Rhythmus einfach stimmt. Alles greift ineinander und bietet ein rundes Ganzes. Dabei verzichtet der Film weitgehend auf gröbere Brutalitäten. Obwohl diese qua Sujet möglich gewesen wären, sorgen eher die wilden Verrenkungen der Infizierten für Gänsehaut.

3. Filme sind immer auch eine Auseinandersetzung mit uns selbst. Für mich ist TRAIN TO BUSAN ein Film, der mich zu der Überlegung treibt, was mein Ich vor 10 Jahren, einem Zeitpunkt, wo ich noch deutlich mehr derartige Filme guckte, wohl dazu gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte es die fehlende Brutalität als öde und den begrenzten Handlungsort als eintönig markiert. Dinge, die mich heute nicht stören, da der Blick auf anderen Qualitäten liegt. Dementsprechend positiv fällt die Einschätzung meines heutigen Ichs auch aus: TRAIN TO BUSAN überzeugt, weil er eben nicht der vordergründige Splatterfilm ist, sondern neben seiner gelungenen Darbietungsform – in bester Romero-Tradition – auch gesellschaftliche Schieflagen benennt.

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