DEATH WISH

Death Wish
Death Wish | USA | 2018
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gleich zu Beginn irritierte mich Eli Roths Remake von Michael Winner Revenge-Drama-Classic EIN MANN SIEHT ROT (1974) deutlich: Während mich nämlich die punkige Crew, die eine Frau brutal vergewaltigt und dann in die grauen Gassen New Yorks entflieht, sofort in jenen berüchtigt-kriminellen Moloch der Seventies entführt, vermag das die hübsch-bunte Kamerafahrt, mit der Roth uns nach Chicago trägt, nicht. Auch der Überfall rückt jetzt weniger den menschenverachtenden Sadismus der Angreifer in den Fokus, sondern eher den Mut von Mutter und Tochter. Das ist natürlich grundsätzlich in Ordnung, schafft aber eben nicht diese abgründige Atmosphäre, die das Original auszeichnet. Aber vielleicht leben wir auch einfach in einer Welt, die nicht mehr so düster ist, wie das NY der 70er Jahre. Da übergab sich Bronsons Kersey wenigstens noch nach dem ersten Mord in einem schmierigen Apartment, während Willis‘ Kersey heute nach dem ersten Mord gut gelaunt auf der Kellercouch seiner Vorstadtvilla hockt.

Grundsätzlich wirkt Willis in der Rolle des Kersey sehr abgeklärt. Er nimmt den Tod seiner Frau recht kühl auf, registriert kurz das Koma seiner Tochter und steht dann schon im Waffenladen, wo er die ihn filmenden Kameras nüchtern als Grund, jetzt nicht einzukaufen, erkennt. Dass er sich dann beim Abfeuern der anderweitig besorgten Waffe ungeschickt verletzt, passt nicht ganz in den Rhythmus; denn während sich Roth zunächst beeilt, den Rächer Kersey zu etablieren, zelebriert er dessen zweiten Racheakt fast in Gangstervideo-Manier. Zu US-Rap biegt Paul um die Ecke des afroamerikanisch-geprägten Viertel (alle Verbrecher haben hier natürlich Migrationshintergrund) und schießt nach ein paar coolen Sätzen den drogenvertickenden Eisverkäufer in die Brust. Danach stellt er mehr oder minder geschickte Ermittlungen an und kommt dem Unhold Knox (Beau Knapp in einer unglaublich platten Rolle), der seiner Familie so sehr zugesetzt hat, schnell auf die Schliche. Spätestens jetzt befindet sich Roth voll im Duktus des Nobrain-Rache-Actioners, die vormals angedeuteten gesellschaftlichen Schieflagen (z.B. schön visualisierte Mengen an ungelösten Falle im Polizeibüro) rücken weit in den Hintergrund. Stattdessen gibt es Back in Black zu einer Parallelmontage von Schusswaffen und OP-Besteck. Naja.

Am Ende muss natürlich ein Happy End her, also erwacht Tochter Jordan und zusammen mit Bruder Frank (gegeben vom etwas unterforderten Vincent D’Onofrio) kann sie Papa wieder auf den rechten Weg führen. Was Paul aber nicht davon abhält im Finale noch kurz alle Widersacher umzubringen und daraufhin natürlich von der Polizei verschont zu werden. Die weiß die Selbstjustiz eines engagierten Bürgers auch dieses Mal wieder zu schätzen und sieht deshalb großzügig über die Leichen hinweg; waren ja auch nur zugewanderte Verbrecher. Hier wünscht man sich bisweilen eine größere Distanz zur Hauptrolle – ob der immer noch mit Sympathikus McClane assoziierte Willis diese immer ausweist, kann zumindest diskutiert werden. Mitdenkende Zuschauende lesen hier sicherlich die Warnung heraus, dass auch redliche Menschen (und als solcher wird Arzt Kersey anfangs deutlich etabliert) Gefahr laufen können, sich leichten, aber fatalen Lösungen hinzugeben. Weniger Mitdenkende kriegen allerdings simples Futter für ein kräftiges „Der macht es richtig!“ geliefert.

Abschließend sei noch ein in meinen Augen merkwürdiges Stilmittel erwähnt: Roth nimmt seinen Zuschauenden die Beurteilung von Kerseys Verhalten immer wieder ab, in dem er kurze Einspieler mit Beurteilungen aus Medien und Talkshows zeigt. Das löst in mir unweigerlich den Eindruck aus, dass Roth mich für zu dumm hält, mir selber Gedanken zu machen. Seit wann muss ein Film seinen Rezipienten vorkauen, welche Optionen der Wertung es gibt? Hat Roth Angst, dass es zu viele der weniger Mitdenkenden gibt? Hat er Angst, dass ein Film die Message sonst nicht transportieren kann? Ich finde dieses moralische Vorkauen nervig, gerade weil es in den letzten Jahren vermehrt Einzug ins Hollywood-Kino hält.

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