DIE UNHEIMLICHE MACHT

Die unheimliche Macht
The Keep | USA | 1983
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Es ist notwendig, Michael Manns DIE UNHEIMLICHE MACHT richtig einordnen, bevor man ihn einer Bewertung unterzieht. Denn eigentlich hatte Mann, der hier zwischen seinen realistisch-düsteren Frühwerken EIN MANN KÄMPFT ALLEIN (1979), DER EINZELGÄNGER (1981), BLUTMOND (1986) und SHOWDOWN IN L.A. (1989) einen Ausflug in Fantasy-Horror-Metier wagte, eine circa dreieinhalb Stunden lange Verfilmung von Francis Paul Wilsons Roman The Keep geplant. Paramount Pictures hatte darauf aber keinen Bock und stutze das Projekt auf zwei Stunden zurecht; von denen nach einem Testscreening dann noch einmal rund 30 Minuten entfernt wurden – ohne Manns Beisein. Daraus resultieren die zahlreichen Anschlussfehler und Plotholes. Die Sprünge im ansonsten sphärisch dahingleitenden Soundtrack von Tangerine Dream zeigen, wie kurzfristig hier die Schere angesetzt wurde. Da die vollständige Version weiterhin ein Mysterium ist, kann nur die veröffentlichte Rumpffassung einen Eindruck von Manns Ausflug in die Welt von Latex, Nebel und Gänsehaut geben.

Und was soll man sagen? Der Look des Films ist richtig gut gelungen und Mann etabliert auch im fernen Rumänien sofort jene dichte Atmosphäre, die seine sonstigen Streifen auszeichnet. Das kleine Dorf vermittelt die nötige Entlegenheit, die es braucht, um in einer alten Feste das namenslose Böse zu akzeptieren. Das Gemäuer ist angenehm unübersichtlich, Unheil scheint hinter jeder Ecke zu warten. Und spätestens, wenn dann die ersten Effekte dargeboten werden, lacht das Herz von Fantasy-Freunden. Großartig der Shot, in dem vom Gesicht des irritierten Nazi-Soldaten aus so weit in die Totale gezoomt wird, dass das Innere der Feste ihr Äußeres locker übertrifft. Darin gelegen ist ein unbestimmbar alter und mystischer Ort. Gänsehaut. Dann das erste Auftreten von Radu Molasar in Form einer Rauchkreatur; später als Latex-Monstrum. Sieht alles toll und stimmig aus. Dazu waberte stets dichter Nebel um die Füße der Protagonisten und unheimliches Licht durchflutet die Räumlichkeiten.

Auch die Besetzungsliste kann sich sehen lassen. Scott Glenn gibt den wortkargen Helden Glaeken Trismegestus, Jürgen Prochnow rannt direkt vom Dreh von DAS BOOT (1981) zu Manns Produktion und Ian McKellen bereitete sich in der Rolle des gelehrten Juden Dr. Theodore Cuza auf seine Darbietung als Gandalf vor. Robert Prosky, gerade noch schmieriger Gangsterboss in DER EINZELGÄNGER, gibt den Pater des Dorfes und Gabriel Byrne ist als mieser SS-Halunke zu sehen.

Leider kann die tolle Besetzung, die die ganze Kiste auch ernst und überzeugend spielt, nicht über die teils merkwürdige Storyline hinwegtäuschen. Natürlich ist das auch dem Schnittmassaker zuzuschreiben, aber der sich selbst zugeschriebene Antifaschismus von Prochnows Hauptmann Klaus Woermann steht schon so im Skript. Die darauf resultierenden Wortgefechte mit SS-Mann Kaempffer muten folglich überaus skurril an. Interpretationsspielraum lässt indes das Wesen Radu Molasar, das dem jüdischen Gelehrten Cuza in Aussicht stellt, die Nazis vom Angesicht der Erde zu fegen, um sich dessen Hilfe beim Ausbruch aus der Feste zu sichern. Klar ist jemand, der anderen die Seele respektive die Lebenskraft aussaugt, nicht nett, aber Molasar wird nie als eindeutig böse – oder gar als Teufel – benannt. Er ist ein Verführer, ja, er hegt unbekannte Pläne, ja, aber der Grund für seine Verbannung ist letztlich nicht bekannt. E ist nur logisch, dass Cuza ihn befreit, erst die Forderung, seine Tochter zu töten, lässt ihn an Molasar zweifeln. Aber wer weiß, im christlichen Glauben hat ja auch erst Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, Gott von dessen Glaube überzeugen. Vielleicht hätte Molasar Cuza ja auch in letzter Sekunde abgehalten …

Es bleibt so vor allem schade, dass dieser optisch gelungene, trefflich besetzte und durchaus mit interessanten Ansätzen ausgestattete Ausreißer in Manns Oeuvre nur in dieser Rumpelfassung vorliegt. Falls da irgendwann doch noch mal eine längere Version auftauchen sollte, wäre diese mit Sicherheit einen Blick wert; als obskures Häppchen gilt das aber auch für die vorliegende.

3 Antworten zu “DIE UNHEIMLICHE MACHT

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