DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN

Die letzten Glühwürmchen
Hotaru no haka | Japan | 1988
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Kobe, Japan, August 1945. Brandbomben zerstören beinahe die gesamte Stadt und verdammen den 14-jährigen Seita und seine kleine Schwester Setsuko zur Obdachlosigkeit. In einer nahen Notfallunterkunft erfährt Seita vom Tod ihrer Mutter, er beschließt, zum Schutze Setsukos zu einer Tante auf dem Land zu fliehen. Diese will die Kinder jedoch nicht mit durchfüttern und so finden die Geschwister schließlich in einem abgelegenen Bunker Unterschlupf. Die Entbehrungen des Kriegs machen den beiden jedoch schon bald schwer zu schaffen.

Regisseur Isao Takahata macht aus dem erschütternden Ausgang, den der auf der teilweise autobiographischen Kurzgeschichte Das Grab der Leuchtkäfer von Akiyuki Nosaka aufbauende Film am Ende nimmt, keinen Hehl: In den ersten Minuten wohnen die Zuschauenden dem Ableben Seitas bei, der in einer kalten Bahnhofshalle zwischen anderen Jugendlichen und unter den teilnahmslosen Blicken eines Wachbediensteten verstirbt. Der folgende Rückblick auf die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Japan ist demnach ständig vom Schatten dieses schon bekannten Endes überlagert. Die Geschehnisse können nicht gut enden und die kleinen Momente des Glücks, die Takahata seinen Rezipienten gönnt, wirken so nur umso bitterer. Die Unausweichlichkeit ist ständiger Begleiter.

Das Geschwisterpaar Seita und Setsuko wird dabei enorm facettenreich und glaubhaft skizziert. Der 14-jährige Seita muss die Rolle des großen Bruders ausfüllen, auch wenn er selber immer wieder mit dem Schicksal hadert. In Momenten fern von Setsuko übermannen auch ihn die Tränen, im kurzen Schutze der Tante verfällt er wieder in das seinem Alter angemessene unbekümmerte Verhalten. Gerade wenn sich die Situation dann zuspitzt und Seita sich zum Diebstahl genötigt sieht, bricht seine ganze Hilflosigkeit hervor; alsdann erscheinen die Momente, in denen er seiner kleinen Schwester Mut zuspricht, noch intensiver. Setsuko ist das Ziel all seiner Bemühungen und gleichzeitig ist sie die gleichmütig Leidende. Sie beklagt sich nie bei ihrem Bruder, sie äußert nur nüchtern ihre Bedürfnisse. Schon Kleinigkeiten wie Bonbons, eine Schaukel oder eben die Glühwürmchen entheben sie ihrer leidvollen Situation – nur um sie danach umso härter wieder hineinstürzen zu lassen. Daneben ist vor allem die Tante der beiden eine zentrale Figur. Sie ist der Spiegel, der Seitas Verhalten deutlich als großmütig markiert. Sie selber ist eben nicht in der Lage, im Angesicht der Unterversorgung mit Nahrung Nächstenliebe und Fürsorge zu zeigen. Sie berechnet den Wert eines Menschen (und somit die ihm zustehende Nahrung) anhand seiner Leistungsfähigkeit und seines Nutzens für die Gemeinschaft. Das klingt bitter, konfrontiert aber jeden Zuschauenden mit der Frage nach dem eigenen Verhalten in solch einer Situation.

Da Takahata den Schrecken des Kriegs – abgesehen vom Angriff auf Kobe – kaum zeigt, sondern sich den Auswirkungen auf die Schwächsten unter den Menschen widmet, tut er gut daran, seinen Film ruhig und langsam zu inszenieren. Die angenehm realistischen Hintergründe und Settings stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, die konkreten Kriegshandlungen scheinen weit weg. Fast wirkt die Welt intakt, würde Setsuko nicht gerade verhungern. Am Ende erlaubt sich Takahata sogar noch einige zynische Kommentare auf die Gesellschaft: Setusko stirbt tatsächlich erst nach Kriegsende, mit einem Stück frischer Wassermelone im Mund, das Seita mit den von der Bank geholten Ersparnissen gekauft hat. Währenddessen kehren auch die gut situierten Jugendlichen in ihre auf der anderen Seeseite gelegenen Häuser zurück und sorgen sich um die Unversehrtheit ihrer Schallplatten. Das Leben geht weiter. Auch der Seita im Krieg noch für den Gemüsediebstahl verprügelnde Mann, reicht im nun gleichgültig einen Bastkorb, in dem er seine Schwester verbrennen soll. So eigensinnig die Menschen im Krieg waren, so gleichgültig sind sie danach. Der niederschmetternde Höhepunkt: die Dose, der der Wachhabende dem verstorbenen Seita in der Bahnhofshalle abnimmt und die er dann in den Dreck schleudert, enthält die Asche von Setsuko. Ohne Worte.

All das mag nun kitschig klingen, die Form Anime mag den einen oder die andere an der Fähigkeit des Films, diese niederschmetternde Geschichte ernsthaft zu vermitteln, zweifeln lassen. Aber das ist falsch. Quasi nebenbei belegt Isao Takahata nämlich, dass auch einen animierter Film Menschen im Innersten berühren kann. Und immer, wenn mal wieder die alte Diskussion, ob ein Antikriegsfilm notwendigerweise auch ein Kriegsfilm sein muss, geführt wird, dann bietet sich DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN als ultimatives Argument an: Ja, ein Film kann eine vollkommen entschiedene Haltung gegen den Krieg einnehmen, ohne sich auch nur im Geringsten des Vorwurfs schuldig zu machen, aus der Darstellung von Krieg Schauwerte zu generieren.

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