SNOWPIERCER

Snowpiercer
Snowpiercer | Südkorea/Tschechische Republik | 2013
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Bong Joon-ho machte sich mit THE HOST (2006) und MOTHER (2009) zum Shootingstar des südkoreanischen Films. Logisch, dass da bald internationale Geldgeber anklopfen und das Talent an die Weltöffentlichkeit zerren wollen. Grundsätzlich ein gewöhnlicher Vorgang, in Anbetracht des avisierten Stoffes jedoch durchaus pikant: den Comic Le Transperceneige (dt.: Schneekreuzer) des französischen Comicautoren Jacques Lob zu verfilmen, birgt halt das Risiko, sich selbst zu enge Fesseln anzulegen. Gerade für den durchaus freigeistigen (und stets auch am Drehbuch beteiligten) Bong sicherlich keine einfache Entscheidung. Das Endergebnis belegt diese Schwierigkeit durchaus deutlich, auch wenn sein Talent ohne Weiteres erneut zu erkennen ist.

Die Geschichte handelt von einem durch eine von der Menschheit selbstverschuldete Eiszeit rasenden Zug, innerhalb dessen eine neue Gesellschaft entstanden ist. Und bei Menschen bedeutet das natürlich Gewinner und Verlierer, Reichtum und Armut, Unterdrückung und Ausbeutung. Also will Curtis (Chris Evans) die Geknechteten aus dem letzten Waggon an die Zugspitze führen, um ihnen endlich ihren Anteil am süßen Leben zu schenken. Doch nach einem brutalen Streifzug durch zahlreiche Waggons stellt sich heraus, dass dieses Ziel kaum zu erreichen ist …

Die oben genannten engen Fesseln des Drehbuchs erwachsen natürlich aus der Grundvorgabe des Settings: dem Zug. Wenn man sich von hinten nach vorne durchkämpft, ist eine gewisse Stringenz (oder negativ ausgedrückt: Vorhersehbarkeit) vorprogrammiert. Diese scheint sich auch nach 45 Minuten völlig Bahn zu brechen, was Bong jedoch durch die blendend helle und skurril überzeichnete Inszenierung der „besseren“ Abteile geschickt auffängt. Trotzdem bleibt wenig Platz für Überraschungen, auch ein für Curtis unbefriedigende Ende ist überdeutlich vorhersehbar.

Es ist dem Film deshalb aber umso höher anzurechnen, dass er Curtis‘ desillusionierendes Zusammentreffen mit dem von Ed Harris trefflich gegebenen Wilford trotzdem so eindringlich einfängt. Nicht nur, dass sich Curtis idealistisches Ziel einer faireren Gesellschaft im Zug kaum umzusetzen lassen scheint. Nein, er soll es ab jetzt auch noch sein, der das Regime weiter aufrechterhält. Mit dem Versprechen losgezogen, den kleinen Timmy zu finden, muss der Held nun feststellen, dass dessen kleine Hände zwangsläufig nötig sind, um den Zug in Fahrt und somit die Insassen am Leben zu halten. Das ist echt finster und Chris Evans leeren Blick lässt uns das auch spüren. Insofern wirkt der von Curtis‘ mysteriösem Begleiter Namgoong (Bongs ständiger Hauptdarsteller Song Kang-ho) verursachte Unfall des Zuges am Filmende erstaunlich positiv: das Regime ist besiegt, ein Neuanfang scheint dank des erkannten Tauwetters draußen denkbar. Ein schweres Zugunglück als erster Schritt in Richtung Neuaufbruch.

Und diesen Neuanfang gönnt man den Zuginsassen nach den zwei Stunden auch von Herzen, denn Bong zeigt uns in dieser Zeit einen höchst skurrilen Mikrokosmos. Die hinteren Abteile sind ein dunkler Moloch, der von Dunkelheit geflutet ist, von gewalttätigen Soldaten bewacht wird und in dem es nur Käfer-Protein-Wabbel zu essen gibt. Mit origineller Kameraarbeit, die die Comicherkunft deutlich markiert, werden brutale Exempel und noch brutalere Kämpfe eingefangen. Curtis verliert auf dem Weg an die Spitze alle seine Mitstreiter, niemand überlebt. Die besseren Abteile (immer wieder von der toll gestylten Tilda Swinton präsentiert) sind dann der dekadente Gegenpart, den Bong irgendwo zwischen dem Computerspiel FALLOUT und Terry Gilliams BRAZIL (1985) anlegt – inklusive der Schönheitsoperationen. Die Kritik an der überhierarchisierten Gesellschaft tropft dabei aus jeder Pore, spätestens in der Sauna. Als das macht SNOWPIERCER schön anzusehen und unterhaltsam; der etwas steifen Grundform ungeachtet.

Eine Antwort zu “SNOWPIERCER

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